Kundenrezension

36 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Porträt eines Monomanen, 26. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: There Will Be Blood (DVD)
Lange habe ich damit gezögert, mir diesen Film zuzulegen, denn in vielen Rezensionen heißt es, "There Will Be Blood" sei langweilig und ohne rechte Struktur, doch ich kann nur sagen, dass diese Kritik ins Leere geht - ja mehr noch, dass dieser Film ein echtes Erlebnis ist, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Der Film beginnt mit einem Blick auf zwei karge, sonnenbeschienene Berge, an deren Fuß Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) mit verbissener Zähigkeit in einem Schacht nach Silber gräbt und es schließlich auch findet. Als er von der Leiter in die Grube abrutscht, bricht er sich ein Bein, doch verbissen und fanatisch gräbt er weiter, bis er schließlich genügend Silber zusammenhat und sich in das nächste Dorf quält. Vier Jahre später sehen wir Plainview in der Wüste, wie er mit einigen anderen Männern nach Öl bohrt, im Dreck lebt, Apparate entwirft, Schwerstarbeit leistet und sich des Säuglings eines Mannes annimmt, der bei den Bohrungen tödlich verunglückt. Immer weiter begleiten wir Plainview bei seiner entgegen aller Widrigkeiten hartnäckig vorangetriebenen Arbeit, die ihn nach und nach zu einem wohlhabenden Mann macht. Mehr als fünfzehn Minuten dauern diese Szenen, und während dieser Zeit wird kein einziges Wort gesprochen, wir hören nur das Stöhnen der Männer, das von Schmerz und Anstrengung zeugt, dazu die avantgardistische und verstörende Musik von Jonny Greenwood.

Der Film lädt uns ein, Daniel Plainview, einen machtbesessenen Selfmademan auf seinem Weg zu Reichtum und menschlicher Vereinsamung zu begleiten; er erzählt eigentlich keine wirkliche Geschichte, sondern beleuchtet nur wichtige Episoden im Leben dieses Mannes, bis er schließlich in einer absurd-tragischen Situation abrupt endet.

"There Will Be Blood" ist lose an den Roman "Oil!" von Upton Sinclair angelehnt, einem jener Journalisten und Schriftsteller, die Anfang des letzten Jahrhunderts von Präsident Roosevelt als "Muckrakers" verunglimpft wurden, weil sie es wagten, die sozialen Kosten des Kapitalismus in ihren dem Naturalismus verhafteten Werken anzuprangern - etwas, das Dickens auf mildere Weise im 19. Jahrhundert für das industrialisierte England tat. Allerdings macht sich Regisseur Anderson den sozialkritischen Impetus Sinclairs nicht zueigen, sondern konzentriert sich auf den Charakter Plainviews, der als Musterbeispiel entschlossenen Unternehmertums auf der einen Seite Bewunderung erzeugt, wegen seiner Unfähigkeit, menschliche Bindungen aufzubauen, und der damit einhergehenden Skrupellosigkeit jedoch auch Abscheu hervorruft.

Am Anfang überwiegen noch die positiven Seiten in Plainviews Charakter: Wir sehen ihn, wie er mit seinem Sohn spielt und ihm das Ölgeschäft erklärt, wir sehen, wie durch ihn die Stadt Little Boston, deren Bewohner ursprünglich am Rande des Existenzminimums lebten, einen bescheidenen Aufschwung und die Segnungen der Zivilisation erfährt, aber wir erleben ihn auch als knallharten Verhandlungspartner, der sich nicht scheut, die unwissenden Bauern über den Löffel zu barbieren. In der Folge, vor allem mit dem Auftauchen seines Rivalen, Eli Sundays, eines bigotten, sektiererischen Predigers, überwiegen allerdings die Schattenseiten seines Charakters. Als sein Pflegesohn H.W. bei einer Bohrtumexplosion sein Gehör verliert, kümmert sich der Vater mehr um das Bohrloch als um seinen Sohn, der voller Panik nach ihm schreit; später weiß Plainview nicht, mit der Behinderung des Kindes umzugehen, und schiebt es kurzerhand in ein Internat ab. Am Lagerfeuer verrät er seinem Bruder in einem Anflug alkoholbedingter Aufrichtigkeit, dass er die Menschen hasse und anderen jeden Erfolg neide.

Sein Rivale Eli Sunday (Paul Deno) hingegen ist eine noch unambivalentere Figur, denn er erregt das Missfallen des Zuschauers von Anfang an. Ein unbedarfter Bauernsohn, wählt er den Weg des evangelikalen Erweckungspredigers, der die Menschen mit inszenierter Glaubensverzückung in seinen Bann schlägt. Von Plainview gedemütigt, sinnt er auf Rache, die er sich auch auf Umwegen verschafft.

Im Grunde sind sich beide Rivalen recht ähnlich insofern als es ihnen darum geht, monomanisch Macht und Einfluss über andere Menschen zu gewinnen, und auch die Gier nach Geld ist Sunday nicht fremd. Der Unterschied ist, dass Plainview erschreckend brutal zu Werke geht - in einem Verhandlungsgespräch droht er beispielsweise in einem Anfall von Wut seinem Gegenüber damit, sich nachts in sein Haus zu schleichen und ihm die Kehle durchzuschneiden -, während Sunday eher kriecherisch und feige ist - die Schläge und Tritte, die er von Plainview empfängt, reich er an seinen alten Vater weiter - und dabei an Uriah Heep aus "David Copperfield" erinnert.

Es sind zwei ausnahmslos gierige und egozentrische Menschen, die Anderson hier zeichnet, und das mag den Film für viele abstoßend machen, aber wenn ich mir die Welt so angucke, gibt es doch eine Menge Plainviews und Sundays.

Man mag sich darüber streiten, ob das Ende dieses großartigen Filmes ebenso gelungen ist wie der Rest. Ich für meinen Teil finde, dass die beiden Rivalen in ihrem letzten Zusammentreffen wie Zerrbilder ihrer selbst agieren, was zum Teil sicher auf die Verachtung zurückzuführen ist, die der Regisseur für seine zwei Figuren empfinden mochte, doch die Aussage, die Anderson damit macht, ist eindeutig.

Ein besonderer Reiz dieses Filmes liegt auch in der Filmmusik, die überwiegend von Jonny Greenwood komponiert wurde (es gibt allerdings auch Musik von Brahms und anderen). Die Musik unterstreicht die fehlende Balance im Charakter Plainviews aufs trefflichste, wobei sie dem Ohr nicht immer, dem Bauch aber durchweg einen Gefallen tut.

Einziger großer Makel an der DVD ist die Verpackung, die doch recht billig und instabil geraten ist, da sie nicht plasti-elasti, sondern pappig ist. Doch dies hat nichts mit dem Film zu tun, und meine Bewertungen gelten in erster Linie immer dem Inhalt, so dass ich diesem grandiosen Epos fünf Sterne gebe und noch einmal die Empfehlung ausspreche, dass man sich diesen Film nicht entgehen lassen sollte. Da ist nichts mit Langerweile!
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.11.2012 23:56:50 GMT+01:00
Vincent Price meint:
Hallo Shandy,
mich hätte die Moral von dieser Geschichte interessiert.Welche Schlüsse kann man aus den beiden Hauptakteuren ziehen?
Ich ziele auf irgendetwas Tiefsinniges ab aber ich finde keine Antwort.Irgendeine Idee dazu?
Welches innere Motiv hat denn nu der Film?
Danke erstmal, sonst sehr gut gelungen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2012 11:23:53 GMT+01:00
Hallo Vincent,

es ist ja schon gute drei Jahre her, seitdem ich den Film das letzte Mal gesehen habe, so daß ich an dieser Stelle nun keine detaillierten Analysen anstellen kann. Allerdings ist mir der Schluß noch genaustens in Erinnerung, denn die Art und Weise, wie Plainview und Sunday auf der Kegelbahn zu Karikaturen ihrer selbst degenerierten, hatte mich damals ziemlich in ihren Bann geschlagen. - Vielleicht kann man daraus ablesen, daß man, um in der Geschäftswelt wirklich erfolgreich zu sein, es einfacher hat, wenn man leicht psychopathische Veranlagungen mit sich bringt, aber das wäre wohl keine besonders tiefsinnige Lesart. Plainview ist mehr oder weniger asozial, denn abgesehen von seinem Sohn bedeuten ihm menschliche Beziehungen rein gar nichts, und auch Blut ist ihm nicht dicker als Wasser, hat für ihn doch die höchste Dichte das Öl. Betrachtet man den Umstand, daß sich sein Verhältnis zu seinem Kind nach und nach verschlechtert - als Ölpionier hatte er ja noch Zeit und Lust, mit dem Sohn zu spielen -, dann läßt sich der Film vielleicht auch als eine Parabel der Korruption durch Geld und Macht lesen, aber ich sehe die wesentlichen negativen Eigenschaften schon vorher in Plainview (überhaupt dieser Name!) angelegt. Für ihn, den Mann mit der simplen Perspektive, gibt es nur ein Ziel, nur einen Traum - das ist der, reich und mächtig zu werden. Die USA mit ihrem American Dream erscheinen dann als das gelobte Land solcher Plainviews und der von ihnen geschaffenen Strukturen - die letzte Vermutung ist aber mit Vorsicht zu genießen, denn anfangs sehen wir ja, wie Plainview gegenüber den Konzernen um seine Unabhängigkeit kämpft, ein echter Pionier eben. Bedeutsam ist sicher auch, daß Sinclair trotz seines sozialkritischen Optimismus teilweise in der Tradition des Naturalismus stand, dessen amerikanische Vertreter, Dreiser und Frank Norris, ja ebenfalls vom Aufstieg und Scheitern bestimmter Menschen - und der Rolle, die die Umwelt auf ihre individuelle Entwicklung spielte - schrieben.

Sunday würde ich dann als den Vorläufer der Televangelists sehen, einer Mischung aus Fanatikern und Heuchlern, die es geschickt verstehen, ihren Glauben zu Geld zu machen - aber auch, ihre Aggressionen hinter der perfiden Maske der Nächstenliebe an anderen auszuleben. Da ist mir Plainview fast sogar noch lieber.

Dies nur ein paar ungeordnete Gedanken zu einem Film, den ich - wie gesagt - gar nicht mehr so genau auf dem Schirm habe.

Ein schönes Wochenende,
Tristram Shandy

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2012 19:15:15 GMT+01:00
Vincent Price meint:
Vielen Dank für Ihre Mühe - ich glaube , die 3-Sterne-Rezis sind noch die am Gelungensten.
Die Sache mit der Öldichte kommt ziemlich gut.Ich habe halt versucht, Vergleiche zwischen den beiden aufzustellen in Bezug auf die jeweiligen Eltern (genau SO tief wollte ich den Film versuchen zu begreifen, aber das ist für die Normalverbraucher wohl zuviel).Und ich glaube, da ist wohl der beste Ansatzpunkt -auch die Sache mit dem angeblichen Bruder ist ja nicht einfach nur so zusammenhangslos vom Regisseur gewollt. Aber dem Film fehlt etwas-dieses AHA-Erlebnis, woraus man Schlüsse ziehen könnte, denn tatsächlich gibt es eher ziemlich wenig Informationen zu den Eltern von Plainview zum Beispiel. Vielleicht muß man nur lange genug bohren...?
Dr.Phibes
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