Kundenrezension

70 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Fakten in Ordnung, Aufbereitung fragwürdig bis lachhaft, 17. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Zwilling der Unendlichkeit: Eine Biographie der Zahl Null (Taschenbuch)
Das Buch ist in Ordnung, wenn es um pure geschichtliche Fakten geht, wird aber zur Katastrophe, wann immer Herr Seife sich ein persönliches Urteil dazu erlaubt. Ja, die Menschen des Altertums kannten die Null als Ziffer nicht, aus pragmatischen (man fängt logischerweise bei 1 an zu zählen) oder aus philosophischen (die Null hat in Geometrie und Natur keine Repräsentation) Gründen. Und nein, das hat absolut nichts mit Dummheit, Furcht oder gar Hass gegenüber der Zahl 0 zu tun. Wann immer Seife solches postuliert (wahrscheinlich in dem vergeblichen Bestreben, in einem Sachbuch so etwas wie Dramatik zu entwickeln), verliert er jede Glaubwürdigkeit.

Seine Bemerkungen zu unserer "falschen" Zeitrechnung sind erst recht völlig albern. Seine Argumentation ist, da Kilometerzähler, Stoppuhren etc, bei 0 anfangen, sollte man auch bei der Jahreszählung bei 0 beginnen, und auch wenn man Äpfel und Birnen zählt soll der erste Apfel nicht mehr der erste, sondern der nullte sein. Wie bitte, was? Herrn Seife ist wohl noch gar nicht aufgefallen, dass auch Kilometerzähler und Stoppuhr nicht bei 0 zu zählen beginnen. Wenn sie eine 0 zeigen, stehen sie noch. Wenn sie das Zählen beginnen, starten sie, wie jeder normale Mensch auch, bei 1. Oh ja, Programmierer sind da eine Ausnahme, denn in den meisten Programmiersprachen beginnt die Indizierung bei 0. Das hat aber rein gar nichts mit dem völlig falschen Grund zu tun, den Seife dafür angibt (Anmerkung 8 in Kapitel 2). Wer programmiert eine Schleife mit Zähler 1 bis 9 und meint, 10 Schritte ausgeführt zu haben? Das Problem dabei wäre nicht die fehlende 0, sondern die fehlende 10. Das heißt, der eigentliche Grund wäre einfach nur Inkompetenz.

Und nur weil der Durchschnittsmensch es faszinierend findet, wenn gleich alle vier Ziffern auf einmal beim Jahreswechsel kippen, heißt das noch lange nicht, dass das neue Jahrtausend damit beginnt. Herr Seife mag es gefallen oder nicht: Ein Kind wird erst nach ABLAUF seines ersten Jahres ein Jahr alt (bis dahin ist es, tatsächlich, Null), und so wird auch ein Jahrtausend erst nach ABLAUF des 1000sten Jahres wirklich 1000 Jahre alt.
Wo da ein "Kalenderfehler" steckt, weiß Seife nur allein. Die Begründung dafür hat er sich mit dem Holzhammer zusammengestrickt.

Und so geht das in einem fort. Im nächsten Kapitel über die Entwicklung des modernen Dezimalsystems in Indien sieht Seife plötzlich bezüglich der Bedeutung der Null als Platzhalter riesige Fortschritte... obwohl das, seiner eigenen Aussage nach, bereits bei den Babyloniern üblich war. Die hatten zwar ein auf 60 basierendes System, doch ist das im Hinblick auf die Geschichte der Zahl 0 und ihre Funktion als Platzhalter beim Rechnen total belanglos.

Mit al-Chwarismis Algebra und deren Verbreitung in Europa ist die Geschichte der Null als Zahl eigentlich (nach nicht einmal der Hälfte des Buches) zuende.

Seife setzt seine "Biographie" fort, indem er im Folgenden weitere Einflüsse der Null auf die Kultur beschreibt. So erklärt er zum Beispiel, dass die Null die Kunst revolutioniert habe, indem er auf geradezu haarsträubende Art einen Zusammenhang zwischen der Null, der Undenlichkeit und der Fluchtpunktperspektive (!) konstruiert.
Es folgt ein Abriß europäischer Kulturgeschichte und sich das weiter entwickelnde Weltbild sowie die Fortschritte in der Mathematik und Physik bis in unsere Zeit. Natürlich kommt auch da die Null hin und wieder vor (schließlich ist sie ja aus der heutigen Wissenschaft gar nicht mehr wegzudenken), allerdings hat das nur noch ganz am Rande mit der Geschichte dieser Zahl zu tun und verfehlt somit klar das Thema.
Seife tut zwar so, als wäre es anders - indem er die Null in jeder einzelnen überschrift und in ungefähr jedem zweiten Satz mal mehr, meist weniger sinnvoll (in etwa so wie bei dem Beispiel mit dem Fluchtpunkt) unterbringt - das ändert an den Tatsachen aber nichts.

Das heißt nicht, dass der zweite Teil des Buches schlecht ist... eigentlich ist er sogar besser als der erste, immerhin erzählt Seife hier nicht gar so viele fadenscheinige Halbwahrheiten. Nur mit dem Titel des Buches hat das alles nichts mehr zu tun.

Von all dem abgesehen atmet der Stil dieses Buches eine ungeheure Arroganz. Etwa wenn Seife großzügig herablassend erklärt, man dürfe den mittelalterlichen Mönchen ihre Dummheit nicht zum Vorwurf machen, sie hätten es ja nicht besser gewusst. Oder wenn er dem mathematisch unbedarften Leser meint erklären zu müssen, dass Minus mal Minus tatsächlich (sogar heute noch!) Plus ergibt.

Fazit: Es gibt Bücher, die Wissenschaft und Mathematik erklären können, ohne dass im Bestreben, Spannung und Unterhaltsamkeit hineinzubringen, die Fakten verzerrt oder gar ganz falsch dargestellt werden. Zu diesen Büchern gehört "Zwilling der Unendlichkeit" leider nicht.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare


Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.02.2010 01:51:21 GMT+01:00
dhon meint:
Bei der Zählung, wann ein neues Jahrtausend beginnen sollte, muss ich dem Autor Recht geben. Ihre Ausführungen dazu sind nicht ganz richtig (siehe meine Rezension). Wenn ein Kind ein Jahr alt wird, ist das Jahr zwischen dem nullten und ersten Jahr vergangen. Und wenn man mit der Jahreszählung bei Null n.C. angefangen hätte, wäre ein neues Jahrtausend wirklich im Jahr 2000 angefangen, da das 2000. Jahr das Jahr zwischen den Jahren 1999 und 2000 gewesen wäre. So aber, mit Beginn der Zählung bei 1 n.C., hat das Millennium tatsächlich erst 2001 stattgefunden.
MfG

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.01.2011 14:10:23 GMT+01:00
Axel Henes meint:
Ihre Aussage "ein Kind wird erst nach ABLAUF des ersten Jahres ein Jahr alt" ist nur dann richtig, wenn man das erste Jahr auch als die Zeit zw. der Geburt und dem 1. Geburtstag ansieht. Wer denkt, dass ein Kind erst mit dem Ende des Jahres nach dem 1. Geburtstag 1 Jahr alt ist, liegt falsch, da ist es bereits zwei Jahre auf der Welt. Und deshalb sind an Silvester 2000 auch 2000 Jahre vergangen, und nicht erst an Silvester 2001. denken hilft!
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.1 von 5 Sternen (11 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (5)
4 Sterne:
 (3)
3 Sterne:
 (2)
2 Sterne:
 (1)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
Gebraucht & neu ab: EUR 0,81
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Olpe, Westfalen

Top-Rezensenten Rang: 56.849