Kundenrezension

4.456 von 4.929 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erst lesen, dann meckern, 24. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen (Gebundene Ausgabe)
Meine erste Rezension hier hatte ich aufgrund von Vorabdrucken in diversen Zeitschriften verfasst und zunächst nur 4 Sterne vergeben. Nachdem ich einige Zeit auf die Lieferung hatte warten müssen, habe ich das Buch jetzt durch. Mir kam zugute, dass ich ein paar Tage Urlaub hatte, denn ich habe, obwohl eigentlich ein Schnell-Leser, drei Tage gebraucht, bis ich auf Seite 410 angelangt war, der letzten Seite vor den - umfangreichen - Anmerkungen, dem Register und dem Tabellenteil (ein alphabetisches Literaturverzeichnis fehlt leider). Soviel Zeit braucht man, um die Arbeit sorgfältig zu lesen und zu würdigen. Das haben meiner Überzeugung nach bisher die wenigsten derer getan, die dazu - in diesem Forum oder anderswo - Stellung genommen haben.

Das Buch verdient 5 Sterne.

Ich habe die Gewohnheit, wichtige Stellen in Sachbüchern anzustreichen. Bei diesem Werk hätte ich irgendwann damit aufhören sollen. Es gibt nämlich kaum einen Satz darin, der nicht anstreichenswert wäre.

Drei davon - eines allerdings selbst ein Zitat - will ich herausgreifen:

"Manche Dinge lassen sich eben nur beurteilen, indem man sich über konkrete Fakten und Zusammenhänge beugt; allgemeines Gerede führt da nicht weiter" (S. 372).

"Da politische Macht in einer Demokratie durch Wahlen errungen wird, für deren Erfolg sich das Versprechen einer sorglosen Zukunft als geeignetes Mittel erwiesen hat, ist die Verdrängung der demografischen Probleme zu einer heimlichen überparteilichen Staatsräson unseres demokratischen Wohlfahrtsstaates geworden" (Zitat nach Birg, S. 373),

"Hebel und Ansatzpunkte dafür [für Veränderungen] gibt es, man muss sie allerdings auch bedienen wollen. Dafür sehe ich in Deutschland gegenwärtig leider weder gesellschaftliche noch politische Mehrheiten" (S. 373).

Und in der Tat, zumindest die Mehrheit der politischen Klasse und der meinungsbildenden Presse in Deutschland beugt sich weder über konkrete Fakten und Zusammenhänge und wahrscheinlich auch nicht über Sarrazins Buch. Ich bezweifle sehr stark, dass ein Herr Gabriel oder eine Frau Merkel es gelesen haben, geschweige denn alle 40 Mitglieder des SPD-Vorstandes, die für seinen Ausschluss aus der Partei gestimmt haben. Sie ergehen sich lieber in allgemeinem Gerede. Denn allgemeines Gerede ist es, was die politische Klasse in Deutschland auszeichnet. Die Lektüre eines anspruchsvollen Werkes wie dieses, die, wie gesagt, ca. 3 Tage in Anspruch nimmt, würde ja ihrem für solches Gerede verplanten Zeitbudget abgehen.

Sarrazins Werk ist sorgfältig begründet, es handelt die bestehenden Probleme differenziert ab, lässt Gegenmeinungen zu Wort kommen und ist von offenbarer Sorge um das Schicksal dieses Landes getragen, anders als das Geschrei der Leute, deren einzige Sorge den Werten der nächsten Sonntagsfrage gilt oder die nichts als ihre Vorurteile pflegen wollen, ohne die Fakten zu betrachten:

1. Sarrazin hatte als Bundesbankvorstand Zugang zu dem besten verfügbaren statistischen Material. Er wird sich kaum die Blöße geben, dass seine Zahlenangaben zu den Geburtenraten türkischer Migrantinnen bzw. deutscher Akademikerinnen falsch sind. Genau das wird ihm hier aber unterstellt. Wer das tut, sollte dann bitte mit den richtigen Zahlen und den dazugehörigen Quellen aufwarten. Ich habe in der bisherigen Diskussion keine erwähnenswerte Stimme gehört, die das getan hat.

2. Nicht jeder, der für Autobahnen ist, ist ein Hitlerfan. Und nicht jeder, der auf Missstände hinweist, die Rechtsradikale für ihre Propaganda benutzen, ein Neonazi. Sonst wäre auch Heiner Geißler ein Neonazi, denn den von ihm unterstützten Antiglobalisierungskampagnen der Attac stimmt auch die NPD zu. Die NPD ist eine undemokratische Partei; Sarrazin wendet sich aber gerade dagegen, dass mit Migranten aus türkischen und arabischen Ländern demokratie- und menschenrechtsfeindliche Strömungen nach Deutschland eindringen. Gegen einen türkischen Migranten, der die deutschen Gesetze achtet, die deutsche Sprache lernt und sich und seine Familie selbst ernährt, hat Sarrazin rein gar nichts, aber durchaus etwas gegen einen deutschen Nichtsnutz, Tagedieb oder rechtsradikalen Schläger. Wer ihm eine Nähe zu Neonazis vorwirft, macht sich lächerlich. Das gleiche gilt für Leute, die ihm unterstellen, er wolle Sterilisierung oder Zwangsarbeit einführen - alles schon in diesem Forum gelesen.

3. Im Gegensatz zu dem, was immer wieder behauptet wird, beschuldigt Sarrazin weder Hartz-IV-Empfänger noch Migranten pauschal, noch greift er sie an. Im Gegenteil, er stellt fest, dass sie sich, wie jeder Unternehmer oder Arbeitnehmer, überhaupt jeder wirtschaftende Mensch, nach den Grundsätzen der Ökonomie verhalten, indem sie das Verhältnis zwischen Input und Output optimieren. Wer etwas umsonst kriegen kann, wäre dumm, etwas dafür zu bezahlen, und wer in Deutschland ohne Arbeit mehr verdient als in seinem Heimatland mit harter Arbeit, wäre schlecht beraten, nicht hierher zu kommen, wenn er es könnte. Sarrazin skizziert lediglich die Entwicklungen, die sich aus den in Deutschland vorhandenen Leistungs- bzw. Nichtleistungsanreizen ergeben und stellt die Frage, ob wir diese wollen, und ob wir sie bezahlen können. Die Frage, ob Sarrazin die Entwicklungslinien zutreffend beschreibt, kann man völlig unemotional diskutieren - seine Ausgangswerte und Schlussfolgerungen sind entweder falsch oder richtig. Die Frage, ob wir das wollen, was am Ende solcher Entwicklungen steht, muss jeder für sich als Bürger entscheiden und dann in politische Entscheidungen umsetzen, und sei es nur in der Wahlkabine. Der eine ist eben dieser Meinung, der andere jener. Die moralische Keule, die Sarrazins Gegner schwingen, ist somit völlig fehl am Platze.

4. Ein Rassist ist nicht, wer feststellt, dass Japaner anders aussehen als Äthiopier und Eskimos anders als Niederbayern, und dass die Unterschiede auf Vererbung beruhen. Rassist wäre auch nicht einmal, wer feststellen würde, dass, beispielsweise, die Eskimos im Durchschnitt intelligenter wären als die Niederbayern. Denn diese Feststellung beinhaltet keinerlei Feststellung über die Intelligenz eines einzelnen Niederbayern oder Eskimos. Rassismus beginnt dort, wo nicht mehr auf das Individuum und sein Tun und Können geschaut wird, sondern wo jemand gerade wegen seiner Gruppenzugehörigkeit bevorzugt oder benachteiligt wird.

5. Dass wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Menschen im großen und ganzen intellektuell leistungsfähiger sind als lebenslange Transferempfänger, wird niemand ernsthaft leugnen können. Ebenfalls nicht, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit jedenfalls zum Teil erblich ist - ob zu 30 oder, wie Sarrazin vermutet, zu 50 bis 80 %, sei einmal dahingestellt. Egal, wie hoch der Prozentsatz ist - wenn er größer als 0 ist, bleibt die Tatsache unbestreitbar, dass ein Volk im Durchschnitt weniger intelligent wird, wenn die Intelligenteren weniger Kinder kriegen als die weniger Intelligenten.

6. Wenn das wiederum so ist, bleibt die Frage erlaubt, ob wir das wollen, und wenn wir es nicht wollen, wie wir es ändern können. Wenn wir es nicht wollen, ist es - und nichts anderes sagt Sarrazin - nicht sinnvoll, ein Anreizsystem zu haben, in welchem eine Transferempfängerin ohne Schulabschluss und ohne Beruf davon finanziell profitiert, Kinder in die Welt zu setzen, während eine Frau mit Berufsabschluss und Arbeitsplatz erhebliche finanzielle und sonstige Nachteile in Kauf nehmen muss.

7. Man wird, mit Sarrazin, die Frage aufwerfen dürfen, wieso andere Migrantengruppen sich im Vergleich zu türkisch-arabischen weitaus besser integrieren, ihre Kinder besser ausbilden und nicht überdurchschnittlich von Sozialtransfers leben. Und die weitere Frage, wieso diese Gruppe - wohlgemerkt, im Durchschnitt, keineswegs alle Individuen - sich in Amerika ohne weiteres integriert, in Deutschland und Europa aber einerseits die Vorzüge des Sozialstaates genießt, andererseits zu diesem nichts beiträgt. Wer auf diese Fragen eine plausible Antwort hat, dem höre ich gerne zu. Wer hier nur mit Schimpfworten und Worthülsen um sich wirft, trägt nicht zur Diskussion bei und hilft vor allem auch nicht denen, die er glaubt, vor Sarrazin in Schutz nehmen zu müssen.

Sarrazin ist selbstkritisch genug, um am Schluss seines Buches zu sagen: "Ich habe versucht, Zuspruch und Widerspruch produktiv umzusetzen [...]. Es schadet nicht, die eigene gefestigte Meinung immer wieder in Frage zu stellen, denn in der Weite der sozialen Wirklichkeit gibt es nur wenige endgültige und abschließende Antworten". Diese Einstellung würde man den Schreihälsen wünschen, die, statt sich mit Sarrazins Argumenten auseinanderzusetzen, lediglich darüber nachdenken, wie man ihn am besten loswird: durch Rausschmiss aus seiner beruflichen Stellung, aus seiner Partei oder am besten gleich aus dem Land - wie einst die DDR-Oberen bei Rudolf Bahro, nachdem er angemahnt hatte, man solle doch einmal Ventile an die Heizkörper machen, das würde gegenüber dem Lüften der überheizten Räume Energiekosten sparen.

Dieses Buch ist eines der anspruchsvollsten, bedenkenswertesten und zugleich erschütterndsten, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Jeder, der bereit ist, "die eigene gefestigte Meinung in Frage zu stellen", wird es mit Gewinn lesen, und zwar selbst dann, wenn er nicht alle Wertungen und Schlüsse des Autors teilt. Darüberhinaus ist es diesem Buch gelungen, was selten gelingt: mit einem Buch eine Diskussion über ein wichtiges Thema anzustoßen, das von der Politik sträflich vernachlässigt worden ist.

Damit hat sich Sarrazin mit seinem Buch nicht nur um Deutschland, sondern auch um das Buch überhaupt verdient gemacht. Es ist eine Streitschrift, aber wer mit Büchern streitet, tut es friedlich. Mit Fakten und Argumenten. Nicht mit Maulkörben, Berufsverboten, Parteiausschlussverfahren. Nicht mit Fäusten, Messern und Pflastersteinen, mit Kalaschnikows oder Selbstmordattentaten. Wenn ich einen Kandidaten für den nächsten Friedenspreis des deutschen Buchhandels zu benennen hätte, dann wäre es Thilo Sarrazin.

Das ist aber wohl noch unwahrscheinlicher, als dass sich die Politiker ernsthaft des Themas annehmen...
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Kommentare

Von 22 Kunden verfolgt

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1-10 von 551 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.08.2010 15:53:40 GMT+02:00
Gamersandor meint:
In einer Sache muss ich Ihnen aber juristisch widersprechen. Die Partei "NPD", die ich hier nicht unterstützen möchte, ist laut Verfassung eine demokratische Partei, zumindest derzeit. Wenn man Demokrat ist, die deutsche Verfassung unterstützt und als gültig anerkennt, so muss man dies eben akzeptieren. Dies ist ein Teil unserer Gewaltenteilung und damit unseres Grundrechtes bzw. unserer Verfassung. Jedoch heißt dies nicht, dass in Zukunft diese Partei als demokratisch eingestuft bleiben wird. Die KPD war auch schon zugelassen mal - wurde dann aber verboten, da sie nicht auf dem Boden der Verfassung gegründet war lt. Gerichtsurteil. Ansonsten stimme ich Ihnen voll und ganz zu.

Veröffentlicht am 24.08.2010 16:20:55 GMT+02:00
Classicus meint:
Sehr frisch sind Sarrazins Thesen allerdings nicht, bloß recht neu für das deutsche Publikum: Ähnliche Kritik, nur bezogen auf die amerikanische und italienische Gesellschaft äußerte bereits vor fast zehn Jahren die Publizistin Oriana Fallaci. Das Kernproblem ist die Kinderarmut der Deutschen, ihre große Kinderfeindlichkeit. Auch unsere höchsten Politiker/innen machen da meist keine Ausnahme. Mal sehen, ob das Buch etwas verändert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.08.2010 17:52:54 GMT+02:00
Das ist m.E. so nicht ganz richtig. Die NPD ist nicht verboten; ein Parteiverbot kann nur das Bundesverfassungsgericht aussprechen, auf Antrag eines dazu berechtigten Verfassungsorgans, und da es einen solchen Antrag derzeit nicht gibt, ist, wo kein Kläger, auch kein Richter. Deshalb kann die NPD sich parteipolitisch betätigen und an Wahlen teilnehmen. Ob sie oder ihre Mitglieder Ziele verfolgen, die mit unserer Verfassung vereinbar sind, ist eine ganz andere Frage - eine, die ich verneine.

Veröffentlicht am 24.08.2010 19:09:00 GMT+02:00
Dieser Beitrag spricht mir voll aus dem Herzen. Leute, die uns wegen solcher Gedanken, wie Sarrazin sie dankenswerterweise äussert, in die braune Ecke stecken wollen, meinen offenbar, dass die Nazis Vertreter von Vaterlandsliebe oder Patriotismus waren. Sie waren genau das Gegenteil.

Veröffentlicht am 24.08.2010 20:09:52 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 23.06.2012 13:37:15 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.08.2010 20:24:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.08.2010 20:25:47 GMT+02:00
servicepack meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 24.08.2010 22:24:30 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.08.2010 22:26:39 GMT+02:00
stanislawgrof meint:
Dass Sarrazin als hochdotierter Staatsbeamter bestimmt Zugang zu statistischem Material hat, steht außer Zweifel. Es geht um den differenzerten Umgang mit dem Material, und hier lässt der Freund des Kraftspruchs viel zu wünschen übrig.

Seit Jahren weist die OECD auf erhebliche Mängel im deutschen Bildungssystem hin. Was die Aufstiegschancen von Migrantenkindern betrifft, steht Deutschland auf einem der letzten Plätze in Europa. Ausländerfeindliche Parolen, wie sie auch der Autor gerne zum Besten gibt, tun ihr Übriges. Wer integriert sich schon gerne in eine Gesellschaft, die Zuwanderer für prinzipiell unerwünscht hält.
Sarrazins Polemik bewirkt das Gegenteil dessen, was er vorgibt: die gut integrierten, hoch qualifizierten Migranten der zweiten oder dritten Generation kehren Deutschland in erhöhtem Maße den Rücken zu, übrig bleiben die sozialen Problemfälle.

Ganz abwegig wird es, wenn Sarrazin die 68er (, die momentan ja an allem Schuld sind) für die aktuelle Situation verantwortlich macht. Es war vielmehr die Regierung Kohl, die unter dem Motto "Deutschland ist kein Einwanderungsland" eine konstruktive Integrationspolitik verschlafen hat. Es sind nach wie vor die wirtschaftsnahen Institutionen wie DIW und IHK, die ungeachtet 4 Mio. Arbeitsloser für eine weitere Zuwanderung plädieren. Die Nachfrage nach Billiglöhnern ist grenzenlos!

Völlig indiskutabel werden Sarrazins Auslassungen aber dann, wenn er sich auf rassenhygienisches Gebiet begibt. Ca. ein Viertel der Berliner tragen Nachnamen wie Diepgen, Landowski etc., welche polnischen Ursprungs sind. Sein eigener Nachname (Sarrazin, "der Sarazene") deutet gar auf einen islamischen Migrationshintergrund hin. Die Vorstellung des reinrassigen Deutschen entstammt immer nur einer Momentaufnahme der Geschichte.

Alles in allem trägt Sarrazin nichts zur Lösung des Problems bei, vielmehr gießt er aus reiner Profilierungssucht zusätzlich Öl ins Feuer. Jemandem, der seit Jahrzehnten ohne erkennbare Gegenleistung fürstlich von Staatsgeldern lebt, Hartz-IV Empfängern aber rät, kalt zu duschen oder einen warmen Pulli anzuziehen, ist nicht über den Weg zu trauen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.08.2010 22:46:35 GMT+02:00
Was Sie hier äussern hat nichts mit dem zu tun, was ich gesagt habe. Sie haben meine Worte nicht verstanden!

Veröffentlicht am 24.08.2010 23:04:06 GMT+02:00
Harry P. meint:
Sehr schöne und treffende Rezension, die so gut ist, dass ich selber keine schreiben brauche ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.08.2010 00:28:05 GMT+02:00
Annylein meint:
@stanislawgrof

"Jemand, der seit Jahrzehnten ohne erkennbare Gegenleistung fürstlich von Staatsgeldern lebt...",schreiben Sie.

Es ist hilfreich sie VORHER über Herrn Sarrazin zu informieren, bevor Sie solche " Bildzeitungsartige" Kommentare von sich geben. Und das sagt meiner Meinung alles über die Qualität ihres Kommentares.
Hier noch mal der berufliche Werdegang:
Thilo Sarrazin
* 12. Februar 1945 in Gera ist ein deutscher Politiker (SPD).

Nach dem Abitur und Ableisten des Wehrdienstes studierte Sarrazin von 1967 bis 1971 Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn. Anschließend war er Assistent am Institut für Industrie- und Verkehrspolitik der Universität Bonn und promovierte dort 1973 zum Dr. rer. pol. Von November 1973 bis Dezember 1974 war Sarrazin wissenschaftlicher Angestellter der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Ab 1975 war Sarrazin im öffentlichen Dienst des Bundes tätig, von 1975 bis 1978 als Referent im Bundesministerium der Finanzen (1977 Abordnung zum IWF nach Washington), und anschließend bis 1981 als Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, ab 1981 erneut im Bundesfinanzministerium. Von Oktober 1981 an war er dort Büroleiter und enger Mitarbeiter von Bundesfinanzminister Hans Matthöfer, anschließend von dessen Nachfolger Manfred Lahnstein. Auch nach dem Ende der sozialliberalen Koalition im Oktober 1982 blieb Sarrazin im Bundesfinanzministerium und war dort Leiter mehrerer Referate, darunter 19891990 das Referat Innerdeutsche Beziehungen, das die deutsch-deutsche Währungs- und Sozialunion vorbereitete. Während seiner Zeit als Referatsleiter beim Bundesfinanzministerium war er zeitweise auch für den Schienenverkehr zuständig.

Von 1990 bis 1991 arbeitete Sarrazin für die Treuhandanstalt. Danach war er bis 1997 Staatssekretär im Ministerium für Finanzen in Rheinland-Pfalz. Anschließend war er Vorsitzender der Geschäftsführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft.

Jetzt frage ich mich: Nichts getan?
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