Kundenrezension

46 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wir tun ihm weh, bis er redet.", 18. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Prisoners (DVD)
Es beginnt alles sehr typisch US-amerikanisch in diesem Thriller des Kanadiers Denis Villeneuve:
Der konservative Familienvater Keller Dover (Hugh Jackman) bringt seinem halbwüchsigen Sohn in den Wäldern des ländlichen Pennsylvania das Schießen bei.
Bevor das anvisierte Reh erschossen wird, wird noch gebetet und danach mit dem befreundeten Nachbarspaar Birch (Terrence Howard, Viola Davis) das Erntedankfest gefeiert.
Doch bereits, wenn der offenbar eher musikbegeisterte als musikbegabte Birch auf seiner Trompete ausgerechnet die Nationalhymne anstimmen will und dabei nur ein paar sehr falsche Töne hervorbringt, wird klar, daß hier kein Hurra-Patriotismus gefeiert wird, sondern es in der vermeintlichen Idylle deutliche Misstöne gibt:
Statt der schmucken Eigenheime mit akkurat gepflegten Vorgärten, die die Kulisse so vieler amerikanischer Filme bilden, sieht man hier eine eher trostlose, leicht schmuddelige Kleinstadt im ewigen Schneeregen, in der man ein sehr konservatives Leben führt, kaum über den eigenen Tellerrand hinausblickt und so mancher seine teilweise sehr buchstäblichen Leichen im Keller hat.
Auf den wenigen Metern zwischen den beiden Elternhäusern verschwinden die beiden kleinen Töchter der Familen Dover und Birch spurlos.
Der Albtraum aller Eltern nimmt seinen Lauf, aber obwohl mit dem geistig auf dem Niveau eines Zehnjährigen stehengebliebenen Alex (Paul Dano), dessen Wohnmobil am Tatort gesichtet wurde, schnell ein "passender" Verdächtiger gefunden ist, muss dieser wegen mangelnder Beweise bald wieder freigelassen werden.
Dover jedoch verbeißt sich in die Idee, daß Alex der Täter sein müsse, wenngleich alle Logik dagegenspricht, daß ein geistig etwas zurückgebliebener Mann zwei Menschen entführen und danach sämtliche DNA- und sonstige Spuren im Tatfahrzeug binnen kürzester Zeit entfernen könnte, und so entführt er Alex kurzerhand, wild entschlossen, den Aufenthaltsort der beiden Mädchen aus ihm herauszufoltern.
Aus dem jungen Mann ist jedoch nichts herauszubekommen, aber selbst, als Dover, in seinem zunehmend blinden Fanatismus von Jackman beängstigend gut gespielt, nach tagelanger schwerer Folter einsehen muss, daß er Alex "nicht noch mehr wehtun kann, ohne ihn umzubringen", sind seine Ideen, den vermeintlichen Täter doch noch zum Reden zu bringen, noch lange nicht erschöpft...

Villeneuve zeichnet ein ebenso beklemmendes wie erschreckendes Bild Amerikas, wie man es so trostlos eher selten auf der Leinwand sieht, wobei vor allem die Kombination von freiem Waffenbesitz und -gebrauch für jedermann in Zusammenhang mit der von Keller praktizierten Selbstjustiz einem so manches Mal den Atem stocken lässt.
So viel Brutalität wie wenn der ansonsten "gute", strenggläubige Familienvater Keller den von ihm festgehaltenen, völlig verstörten Alex immer und immer wieder aufs Brutalste zusammenschlägt, sieht man nicht oft in einem Mainstream-Krimi, wenngleich oftmals gar nicht die zahlreichen Misshandlungen selber, sondern eher deren Ergebnis gezeigt wird - was die Sache allerdings nicht angenehmer, sondern eher noch verstörender macht.
"Hast Du den Verstand verloren?" wird Birch, den Keller in die Sache einweiht, seinen Nachbarn und Freund beim Anblick des in einer verfallenen Bruchbude angeketteten Alex fassungslos fragen - und schon kurz darauf eine Haltung einnehmen, die das zwar indiskutable, aber irgendwo zumindest noch halbwegs nachvollziehbare Verhalten Kellers noch toppen wird:
"Wir unterstützen ihn nicht, aber wir halten ihn auch nicht ab. Wir tun einfach so, als wüssten wir nichts." -
So der Schluss, zu dem das bis dahin noch etwas vernünftiger erscheinende Ehepaar Birch kommen wird.
Ja, schlimmer geht immer und es wird nicht das letzte Mal bleiben, daß die Sympathien des Zuschauers sich hier verschieben.
Der einzige, der hier bis zum Ende hin Sympathiepunkte sammeln kann, ist der ermittelnde Polizist Loki (Jake Gyllenhaal), aber auch dieser ist weit entfernt vom üblichen Bild des aufrechten Cop, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten, von Gyllenhaal mit nervösem Muskelzucken und unerwarteten Ausbrüchen hervorragend gespielt (wo bleibt der Oscar?), dem im Laufe der Geschichte genau wie allen anderen verhängnisvolle Fehler unterlaufen werden.
Die größte schauspielerische Überraschung war hier für mich jedoch Paul Dano, der als zurückgebliebener, später zu Tode verängstigter junger Mann eine beeindruckende Darstellung abliefert.
Ob er nun der Entführer ist oder nicht, bleibt spannend, denn obwohl es unwahrscheinlich erscheint, daß er mit seinen geistigen Fähigkeiten zwei Mädchen spurlos verschwinden lassen und jegliche Spuren einer Entführung beseitigen kann, sehen wir auf der anderen Seite aber einen eindeutig nicht nur zurückgebliebenen, sondern auch schwer gestörten Menschen, der seinen Hund quält - ob aus Boshaftigkeit oder aus Dummheit und Unwissen, bleibt ungeklärt - und durchaus etwas über den Verbleib der Mädchen zu wissen scheint - oder doch nicht?
Aber so einfach, sich alleine auf die Frage "War er's oder war er's nicht?" zu beschränken, macht es sich "Prisoners" bei weitem nicht, sondern entwickelt eine sehr komplexe, bis zum letzten Bild ungemein spannende Geschichte, bei der es trotz einiger kleiner Zugeständnisse an das US-amerikanische Publikum beim Ende keine wirklichen "Gewinner" geben kann.
In einer Nebenrolle als Alex' Tante Holly ist die gewohnt gute Melissa Leo zu sehen.

Fazit: Ein Top-Thriller mit einer ganzen Riege hervorragender Darsteller, spannend, komplex, atmosphärisch dicht und unerwartet vielschichtig, der ein düsteres Bild des amerikanischen Albtraumes zeichnet.
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