Kundenrezension

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Luftkrieg aus dem Paradigma der deutschen und englischen Gesellschaft, 13. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Tod aus der Luft: Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England (Gebundene Ausgabe)
Der Bombenkrieg gehört zu den zentralen Erfahrungen der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die unterschiedlichen Bewertungen über die konzeptionellen Vorgaben und die Folgen, insbesondere für die Zivilbevölkerung, führen nach wie vor zu fundamentalen Kontroversen. Das Beispiel der verheerenden Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 verdeutlicht wie schwer es ist, die historische Wahrheit vom bleiernen Nebel einer volkspädagogisch definierten Geschichtsinterpretation peu à peu zu befreien. Zur Bewertung des Bombenkrieges, seiner Konzeption, der gewaltigen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, der immensen Opferzahlen und vor allem der moralischen Verantwortung sind in den letzten Jahren eine Reihe von Publikationen erschienen, die einen wichtigen Beitrag zu einer ungeschminkten und mutigen Aufarbeitung der Ereignisse beigetragen haben. Erinnert sei dabei vor allem an Jörg Friedrichs Buch 'Der Brand' und Björn Schumachers Auseinandersetzung mit dem alliierten Luftkrieg gegen Deutschland unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten ('Die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg').
Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, daß der Bombenkrieg aus dem Blickwinkel seiner Sozial- und Kulturgeschichte, in Ergänzung der vorliegenden Arbeiten, einer eingehenden Betrachtung unterzogen wird. Dieser Herausforderung hat sich der Jenaer Historiker Dietmar Süß mit seinem Buch 'Tod aus der Luft' angenommen. Auf fast 580 Seiten untersucht Süß u.a. die Auswirkungen des Bombenkrieges auf die öffentliche Meinung, vermittelt ein Bild über die Organisation der Notstandsgesellschaft, erinnert an die Chancen, die man in beiden Ländern in einem Wiederaufbau der zerstörten Städte sah, gibt Einblicke in die Welt des Bunkerlebens und der damit zusammenhängenden hygienischen Verhältnisse und setzt sich auch mit der Erinnerungskultur und der Traumatisierung der Betroffenen auseinander. Dabei fokussiert der Autor bei seiner vergleichenden Untersuchung den Blick auf die, wie er es formuliert, Belastungsgrenzen und Problemlösungsfähigkeiten industrieller Gesellschaften am Beispiel Deutschlands und Großbritanniens. Im Wesentlichen soll es in dem Buch daher um die unterschiedlichen deutsch-britischen Formen der Krisenbewältigung gehen.
Inhaltlich verspricht das Buch somit spannende Einblicke, doch wird der Autor, angesichts des von ihm gesteckten Rahmens, den Erwartungen gerecht? Im Gegensatz zu den vorliegenden Kritiken in der veröffentlichten Meinung nur zum Teil. In der Frage der militärischen und politischen Verantwortung für die rapide Eskalation des Bombenkrieges auf britischer Seite zieht sich Dietmar Süß bereits in der Einleitung auf die gängigen Erklärungsmuster der political correctness zurück. So weist er Hitler-Deutschland mit dem Verweis auf Guernica, Rotterdam, Belgrad und vor allem Coventry die moralische Verantwortung für den exzessiven Vergeltungseinsatz britischer Bomber gegen deutsche Städte zu. Und obgleich sich das Buch in den folgenden Kapiteln mit einem durchaus aufschlußreichen Informationsgehalt auszeichnet ' für vertiefende Recherchen sind auf fast 200 Seiten entsprechende Anmerkungen und Quellenverweise hinterlegt -, werden für die Gesamteinordnung der Ereignisse wesentliche Aspekte unterschlagen bzw. gehen in euphemistischen Glättungen unter, was bereits bei der Wahl des Buchtitels deutlich wird.
So schreibt Süß, daß es 'aus britischer Sicht in den Jahren 1941/42 letztlich keine militärische Alternative gibt, als diesen Luftkrieg mit seinen bescheidenen Erfolgen weiterzuführen, und zwar deshalb weiterzuführen, weil man sich militärisch in der Defensive sah. Wir werden diese Frage, Luftkrieg als Kriegsverbrechen, nie mit einem klaren Ja oder Nein beantworten können. Und man muß sich auch vergegenwärtigen, gegen wen man diese Art von Krieg geführt hat.' Im Vergleich der Auswirkungen des Bombenkrieges kommt der Autor zu dem Schluß, dass die Folgen der alliierten Luftangriffe in den Jahren 1941 bis 1943 mit den Folgen der deutschen Bombardements auf englische Städte in den Jahren 1940/41 durchaus vergleichbar sind. Wie geradezu grotesk ein solcher Vergleich ist, läßt sich an den von Süß gewählten Beispielen der Städte Coventry und Hamburg verdeutlichen: Beim Angriff auf die 17 über die englische Stadt Coventry verteilten Flugmotoren- und Rüstungswerke wurden 100 acres von 1.922 bebauten acres Coventrys zerstört, also knapp sechs Prozent; zum Vergleich dazu wurden bei der Operation Gommorha in Hamburg durch britische Bomber 6.200 acres von insgesamt 8.382 acres bebautem Gebiet (74 Prozent) zerstört.
Getrübt wird auch der Blick des Betrachters bei der Frage nach der Intention und der näheren Konzeption der britischen Bombenkriegsstrategie und hierbei insbesondere der verantwortlichen Rolle des britischen Premiers Winston Churchill und des britischen Luftmarschalls Arthur Harris ('Bomber-Harris'). In Verkennung Harris eigener Lebenserinnerungen, die 1947 bereits kurz nach dem Krieg erschienen, ist, nach Auffassung von Süß, Harris als der militärisch Verantwortliche für die britischen Bombenangriffe auf Deutschland 'nicht der blutige Schlächter, als den ihn die deutsche Führung dargestellt hat'. Die nötige Objektivität in der Bewertung der Faktenlage wird auch an der einen und anderen Stelle des Buches deutlich, wie beispielsweise bezüglich der deutschen Bombenkriegsopfer. Ohne nähere Quellenangabe wird die Zahl um ein Drittel auf 380.000 'korrigiert' ' bezüglich der britischen Opferzahlen bleiben diese mit rund 60.400 'unkorrigiert'. Unerwähnt bleibt, dass die Massenvernichtung der deutschen Zivilbevölkerung das erklärte Ziel der englischen Bombardements war.
Im mittleren Teil des Buches stellt der Autor in den vergleichenden Darstellungen heraus, wie der Luftkrieg zum Teil des Kampfes moderner Industrienationen wurde, die sich gegenseitig dort zu treffen versuchten, wo sie sich am schwächsten glaubten: an den Rändern der Gesellschaft. War der Luftkrieg in der Phase des Ersten Weltkrieges noch ein Kampf zwischen tollkühnen Kämpfern, so veränderte sich der Luftkrieg auf Seiten aller Beteiligten als Option zum Angriff auf die 'Hauptschlagadern' des Gegners, eines Angriffs gegen das 'Herz' und 'Hirn' des Feindes, die Zerschlagung seines Industriepotentials und die Vernichtung menschlicher Ressourcen. Der Leser unternimmt bei der Lektüre einen Paradigmenwechsel und erhält einen facettenreichen und vergleichenden Einblick in die durch den Bombenkrieg geprägten sozialen Verhältnisse in Hitler-Deutschland und Großbritannien.
In der abschließenden Bewertung fällt das Urteil über das Buch von Dietmar Süß geteilt aus: Eine verfehlte und missglückte Darstellung in der konzeptionellen und strategischen Einordnung des Bombenkrieges, jedoch eine sehr aufschlussreiche Aufarbeitung von sozialen und kulturellen Segmenten der historischen Ereignisse, die für den Interessierten einen Mehrwert mit sich bringen. Viele Geschichtsrevisionen werden nötig sein, bevor ein einigermaßen korrektes Bild der jüngsten Geschichte entstehen kann, das auf Political Correctness keine Rücksicht nimmt.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.06.2011 23:48:14 GMT+02:00
Ich finde, Ihr Kommentar verfehlt weitgehend Süß' Forschungsabsicht. Ihm geht es nicht um die Feststellung moralischer Schuld, sondern um eine Mentalitäts- und Sozialgeschichte des Luftkriegs in vergleichender, transnationaler Perspektive - nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Moralfrage nicht objektiv beantworten lässt. Dass es auch auf alliierter Seite Verfehlungen gegeben hat, ist nichts Neues und auch nicht politisch inkorrekt. Dafür wird niemand mehr ans Kreuz genagelt und in den angelsächsischen Ländern wird darüber seit Jahren diskutiert. Wenn Sie überdies durch das Vergleichen von Opferzahlen suggerieren wollen, die Briten hätten erheblich mehr Schuld auf sich geladen als die Deutschen, betreiben Sie allerdings das altbekannte Geschäft der Dekontextualisierung des Bombenkriegs bei gleichzeitiger Ausblendung der tiefer liegenden Gründe für die Eskalation der Luftkriegsführung. Diese liegen nun einmal in der aggressiven Eroberungsstrategie und Vernichtungskriegsführung des Dritten Reichs begründet, nicht im Blutdurst des britischen Volkes. Der Bombenkrieg lässt sich nicht vom Rest des Krieges einfach so isolieren.
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