Kundenrezension

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen manifest destiny of decline, 14. Mai 2003
Rezension bezieht sich auf: Weltmacht USA: Ein Nachruf (Taschenbuch)
Emmanuel Todd, französischer Sozialwissenschaftler und ehemaliger Literaturkritiker für „Le Monde" hatte bereits 1976 den Untergang der Sowjetunion vorausgesagt. Er stützte sich damals schon auf demographische Daten und Statistiken.
Mit diesen Vorschusslorbeeren widmet sich Todd in seiner neusten Schrift den Vereinigten Staaten. Hintergrund seiner Abhandlung sind die aktuelle aggressive Außenpolitik der Bush Administration. Seine Hypothese, die einstige „alleinige Supermacht" befinde sich im Niedergang, zieht sich als roter Faden und Basis seiner Gedankenkonstrukte. Diese These begründet der Franzose durch eine Reihe evidenter Gründe, die meist auch durch Statistiken abgesichert werden.
Nach einer Einführung in die Problematik und Kommentierung einiger ausgewählter Monographien wie beispielsweise: Huntington, Kissinger, Fukujama, beginnt er mit der amerikanischen Außenpolitik. Hierin sieht er eine Schwäche, die durch angebliche Stärke überspielt werden soll. Er negiert den „Mythos vom weltweiten Terrorismus" zweischneidig. Einerseits sei der Terrorismus nur Vorwand, um in einer Art „Mikromilitarismus" theatralisch die eigene militärische Übermacht zu inszenieren. Somit habe die Außenpolitik den Zweck, die Vereinigten Staaten als unverzichtbaren Schützer von Demokratie und Freiheit darzustellen. Daher der Drang zu militärischer Aggression gegenüber vernachlässigbaren „Schurkenstaaten", um stets eine gewisse Krisensituation wie in Israel aufrecht zu erhalten.

Andererseits untersagt Bush der islamischen Welt das Recht auf gesellschaftliche Fortentwicklung. Todd vergleicht ihren Entwicklungstand mit dem der alten Europäer vor den entscheidenden Revolutionen. Beleg hierfür sind die Alphabetisierungsrate und daraus resultierend sinkende Geburtenrate. Einem Kandidaten der „Achse des Bösen", dem Iran bescheinigt er bereits Demokratisierungstendenzen. Dieser generellen Tendenz hin zur Demokratisierung und Liberalisierung würden sich die Amerikaner widersetzen, indem sie auf jene Staaten Druck ausüben. Eminent erscheint dem Franzosen auch die Angst der Vereinigten Staaten vor einer anhaltenden Demokratisierung der Region. Eben jene hätte die außenpolitische Arbeitslosigkeit Amerikas zu Folge.
Ein weiterer Beleg zur Unterfütterung seiner Hypothese ist die wirtschaftliche Schwäche und Abhängigkeit Amerikas. Hierin sieht der Franzose auch das Ende der erfolgreichen wirtschaftlichen und politischen Ära nach dem Zweiten Weltkrieg. Statistiken belegen, dass die Vereinigten Staaten sich immer mehr zu einer konsumierenden Nation, quasi einem „Schwarzen Loch", entwickeln. Nicht nur verschlingen sie ausländische Güter, auch bedienen sie sich der immer noch hohen Kapitalzuflüssen. Stärkstes Fundament dieser Aussage ist die negative Handelsbilanz der Amerikaner, die sich immer stärker verschlechtere und somit die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten kommentiert.
Des weiteren beleuchtet Todd die Tendenz der amerikanischen Führung den Weg des geringsten Widerstand zu gehen, ohne eine langfristige Planung in Betracht zu ziehen. Außerdem würde Amerika seinen aufgezwungen und gespielten Universalismus hinsichtlich eines Unilateralismus aufgeben, der sich durch Abgrenzung und Differenzierung ethnischer Gruppen bemerkbar macht. Als Beispiel dienen hier die weißen Israeliten gegenüber den schwarzen Palästinensern in der politischen Wahrnehmung Washingtons, wie auch die zunehmende Entwicklung hin zur Oligarchie.
Letztlich isoliere sich Amerika stetig weiter von Eurasien und gebe Europa, Russland und Japan Chance zur verstärkten Zusammenarbeit. Trotz widersprechender demographischer Tendenz bescheinigt er Russland einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Rückkehr als „Globaler Spieler". Der Franzose wird nicht müde, die wirtschaftliche Integrationskraft der Eurozone zu loben und von den Vorteilen eines deutsch-französischen Vetorechts in der UN zu träumen.
Mir gefiel besonders Todds Geschick Thesen mit demographischen Daten und anderen Statistiken wechselseitig zu ergänzen. Daher erscheint sein Buch als Abwechslung zum Lesealltag an der Uni und weckt Interesse für fächerübergreifende Begründungen. Darüber hinaus schreibt er äußerst leserfreundlich, indem er viele Überschriften in den jeweiligen Kapiteln einräumt. Vielleicht hätte er noch, ohne den Rahmen zu sprängen, die zukünftige Rolle Chinas als wirtschaftlicher und politischer Partner ansprechen können. Ein empfehlenswertes Buch ohne medienverursachte oder ideologische Verwässerung, aber geprägt von Wissenschaft und Weitblick.

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