Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Warum Aljonka so verschreckt aussieht, 7. Juni 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Mein russisches Abenteuer (Gebundene Ausgabe)
Jens Mühling ist Journalist und arbeitete zwei Jahre für die Moskauer Deutsche Zeitung. Nach einer einprägsamen Begegnung gräbt er einen alten Zeitungsausschnitt aus, der ihn auf eine lange Reise durch Russland hin zu einer Frau schickt, deren Geschichte eher nach einem Märchen klingt als nach der Wahrheit. "Die wahren Geschichten sind viel unglaublicher als alles, was ich mir ausdenken könnte.", sagt sein Freund Juri zu ihm. Auf der Suche nach diesen Geschichten sammelt Jens auf seinem Weg die unglaublichsten Menschenschicksale und Begegnungen auf, begierig darauf, das Puzzle aus seiner Kindheit zusammenzusetzen und die Mysterien dieses riesigen Landes und seiner Leute zu ergründen.

Durch die oftmals zufällig geschlossenen Bekanntschaften stößt der Autor auf abstruse und ungewöhnliche Geschichten abseits der bekannten Klischees und gerät in unfreiwillig komische Situationen; beispielsweise sein Abstecher zur Heimstätte der Morgendämmerung, in der er dem wiedergeborenen Jesus begegnet und ein Jahr später in dessen "Letztem Testament" erwähnt wird. Oder als er sich bei der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn statt eines Glaubensbekenntnisses zwischen deutscher und russischer Schokolade entscheiden muss (eine meiner liebsten Stellen in dem Buch).

"Als die Haltestellen seltener wurden, verschätzte ich mich mit den Mahlzeiten und musste einen halben Tag mit einer Tafel Schokolade überbrücken, Marke Aljonka. Auf der altmodischen Verpackung war ein ernstes Mädchengesicht mit aufgerissenen Augen abgebildet. In Moskau hatte ich mich immer gefragt, warum die kleine Aljonka auf dem Bild so verschreckt aussieht. Bis Wanja es mir eines Tages erklärte: "Sie hat Angst vor Stalin." Seitdem hatte ich eine Schwäche für die Marke."

Die mit sehr privaten Eindrücken und geschichtlichem Hintergrundwissen verwobenen Geschichten eröffnen dem Leser ein vielfältiges und aktuelles Bild von Russland und seiner Gemütsverfassung. Denn gerade die Begegnungen mit den Menschen und deren Lebensgeschichten geben gut wieder, was den Mythos Russlands ausmacht. Dem Leser wird der Eindruck von einem sehr großen, sehr zersplitteten Land geboten, dessen Menschen öfter in die Vergangenheit schauen und ihre Wurzeln suchen, als in die Zukunft. Ein Land, in dem so viele Umwälzungen stattfanden, dass es nicht verwunderlich erscheint, dass die meisten an eine baldige Apokalypse glauben ' und in dem die Extreme hart aufeinander treffen.

Die unerschrockene Neugier und der Wissensdurst des Autors sind dabei äußerst bewundernswert! Erhält er von einem Passanten einen irre klingenden Hinweis, sitzt er im nächsten Abschnitt bereits im Zug dorthin. Diese von ungläubiger Neugier getriebene Kraft spürt man fast die ganze Erzählung hindurch ' gepaart mit dem sachlichen Humor und einer großen Prise Selbstironie entsteht daraus ein einzigartig mitreißender und lebendiger Bericht.

Das große Ziel der Reise steht dabei immer fest; eine Begegnung mit der als Einsiedlerin in der Taiga lebenden Agafja, um die es in dem oben erwähnten alles entscheidenden Zeitungausschnitt geht. Neben diesem Ziel lässt sich der Autor jedoch auch von den Menschen, auf die er trifft, mitreißen und greift so Situationen mitten aus dem Alltag auf.

Von einem Handlungsbogen kann man bei einem Reisebericht meist nicht reden ' hier jedoch wird es gegen Ende des Buches dennoch richtig spannend und ich persönlich habe den letzten Abschnitt als einen wundervollen Abschluss empfunden, bei dem ich viel nachgedacht, geweint und mitgelacht habe und der mich einfach umgehauen hat.

Dieses Buch zu kategorisieren fällt schwer. Zwar ist es eine Reiseerzählung, aber der Begriff steht für mich fast im Widerspruch mit dem unterhaltsamen und humorvollen Schreibstil des Autors. Es ist eine sehr pointenreiche Sprache und gleicht einem gut recherchierten Zeitungsartikel, bei dem man oft den Kopf schütteln und ob der komischen Situationen grinsen muss. Manchmal war das Lesen und Nachvollziehen gerade deswegen etwas schwierig, da ich keinen Witz verpassen wollte. Wegen der stark politischen und glaubenstechnischen Themen ist es kein Buch für zwischendurch.

Statt einer Leseprobe möchte ich auf den tollen Podcast von DRadio Wissen hinweisen, in dem Jens einige Textstellen aus seinem Buch vorliest: [...]
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