Kundenrezension

43 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Back to the Very Roots of American Music, 14. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi Odyssee (Audio CD)
Den Film "O Brother, Where Art Thou?" kenn ich (noch) nicht -- aber dieser Soundtrack ist einmalig! Eine Querfeldein-Tour durch die Wurzeln der amerikanischen Musik -- die Musik der kleinen Leute: Worksongs der schwarzen Landarbeiter, oft noch mit lebhaften Erinnerungen an die Sklaverei; Spirituals; die Musik der weißen Sharecropper, die oft genug von der Hand in den Mund lebten; die Songs der Kettensträflinge; aber auch Tanzmusik der europäischen Einwanderer... Diese atemberaubende Tour de force führt einen durch alle möglichen Facetten von Bluegrass, Blues, Spiritual, Folk und frühem Country. Traditionals vom Feinsten kriegt man hier so authentisch zu hören, wie's authentischer nimmer geht -- und das, obwohl es sich bei den meisten Tracks um Neueinspielungen zeitgenössischer Musiker handelt. Allerdings ist hier die Crème der Szene beteiligt (u.a. Alison Krauss, Norman Blake, Chris Thomas King, Gillian Welch, Emmylou Harris, die Stanley Brothers und Ralph Stanley solo), die ihre Klasse nicht zuletzt durch bewundernswertes Einfühlungsvermögen in diese Traditionals beweisen.

Hinzu kommen noch einige wenige Originalaufnahmen, etwa Harry McClintocks unbekümmertes "Big Rock Candy Mountain" von 1928, oder, gleich als erstes, ein Worksong der Art, wie sie von Kettensträflingen gesungen wurden: "Po Lazarus" von James Carter mit Gefangenen. Nicht nur einfach gut, sondern ehrfurchtgebietend gut...

Erwähnenswert ist auch ein Überraschungseffekt der etwas anderen Art, nämlich die Peasall Sisters mit einem weiteren Carter-Family-Klassiker: "In the Highways" von unbekümmerten Kindern gesungen...Im ersten Moment gewöhnungsbedürftig... Aber diese drei Mädels, die sich absolut nix scheren, sind auf ihre Art hinreißend. Jelängerjelieber...

Aber die wahren Juwelen liegen woanders; dieser Soundtrack jagt einem einen Schauder nach dem andern den Rücken hinunter. Jeder Song ist einfach phantastisch -- schwer zu sagen, was aus diesem musikalischen Hochgebirgsmassiv besonders hoch emporragt... Ich versuch's mal:

Sicher gehört Alison Krauss' a capella "Down to the River to Pray" zu den allerbesten Songs dieser CD; ein ergreifendes Highlight... Sie singt diesen Spiritual dermaßen eindringlich, dass man nur die Augen schließen muss, und schon befindet man sich mitten im tiefsten verzweifelten Süden der 1930er Jahre. In Höchstform präsentieren sich auch Alison Krauss, Gillian Welch und Emmylou Harris bei "Didn't Leave Nobody but the Baby" -- drei stimmgewaltige Sängerinnen, die sich auch zurückzuhalten wissen, machen nahezu a capella diesen Spiritual zu einem Ereignis. Das einzige Instrument im Hintergrund ist -- eine "singende Säge"; vermutlich das erste und einzige Beispiel in der Musikgeschichte dafür, dass dieses Instrument seine Berechtigung hat.

Ähnlich überzeugend: "I'm a Man of Constant Sorrow", gleich zweimal von den Soggy Bottom Boys (zusammen mit Dan Tyminski, dem Sänger von A. Krauss' Union Station) -- diese Bluegrass-Version sticht sogar die von Bob Dylan aus... Eindrücklicher geht's schier nicht. Beeindruckend sind aber auch die Instrumental-Versionen: Zum einen besticht die des Gitarristen Norman Blake, und John Hartfords einsame Fiddle ruft der ganzen Menschheit Jammer ins Bewusstsein.

Chris Thomas Kings "Hard Time Killing Floor Blues" gehört sicher auch zu den aller-allerbesten Songs dieses Albums -- er zeigt hier, welches musikalisches Potential bereits im scheinbar schlichten Country-Blues steckt.

Wunderschön ist auch "Keep on the Sunny Side of Life" der Whites, ganz auf den Spuren der Carter Family.

Ein ähnlicher Höchstkaräter wie Alison Krauss' "Down to the River to Pray" schließlich ist Ralph Stanleys "O Death" -- die verzweifelte a-capella-Klage eines alten Mannes, der dem Tod noch einen Aufschub abhandeln will. Man muss das gehört haben, wie der große alte Mann Ralph Stanley hier seine brüchige Stimme einsetzt! Fast schon gespenstisch.

Stilistisch wieder ganz anders, aber nicht minder hinreißend sind ein weiteres Mal die Soggy Bottom Boys, diesmal mit Jimmie Rodgers' Klassiker "In the Jailhouse Now" -- mit Jodeleinlagen, wie sie auch Rodgers auf Lager hatte... Auch ein Must-Hear..

Und dann die Fairfield Four mit "Lonesome Valley" -- ein Einblick in die Ursprünge des Spiritual. Ein archaisches Monument des Chorgesangs -- ich konnte es nicht glauben, dass das keine historische Aufnahme ist, sondern neu eingespielt wurde. Unglaublich...

Keine Folk-, Blues-, Spiritual-, Bluegrass- oder Country-Sammlung kann ohne den Soundtrack von "O Brother, Where Art Thou?" vollständig sein. Wer ein wenig über die Ursprünge der gegenwärtigen Musik wissen will, sollte sich diese CD ebenfalls nicht entgehen lassen.

Und wer mit Sammlungen und Musikgeschichte nichts am Hut hat, sondern "nur" ganz einfach gute Musik hören will, dem sei dieser Soundtrack ganz besonders an Herz und Ohr gelegt.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.04.2011 16:30:56 GMT+02:00
Tramp69 meint:
Dachte ich mir doch, dass ich hier eine Rezension von Dir finde;-) Dem ist nichts hinzuzufügen: Perfekte Rezension!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.04.2011 17:44:31 GMT+02:00
weiser111 meint:
Danke! Ich wüsste aber was, was noch hinzuzufügen wäre: Eine Rezension von Dir!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.04.2011 12:04:18 GMT+02:00
Tramp69 meint:
;-) Das ist in diesem Fall aber kaum nötig, denn es liegen ja schon 31 Rezensionen vor und was wäre Deiner noch hinzuzufügen? Überhaupt bin ich sprachlos, wie viele Rezensionen Du schon verfasst hast. Wann liest/hörst Du das denn alles? Oder machst Du das professionell? Das würde zumindest einiges erklären.;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.04.2011 23:46:45 GMT+02:00
weiser111 meint:
Bitte nicht sprachlos werden! Wäre schade.
Was die Rezensionenmenge betrifft: Das läppert sich so zusammen im Laufe der Jahre, so wie sich auch im Laufe der Zeit der Stapel dessen anhäuft an Gelesenem und Gehörtem, bei dem man beim Wiederlesen/Wiederhören denkt, "Ach, da könnt ich doch..." -- "Das ist die ganze Geschichte!" (Robert Gernhardt). Womit Deine zweite Frage beantwortet wäre: Nein, ich mach das nicht professionell, sondern, um ein wenig die Eindrücke zu ordnen, und auch aus der schieren Freude am Formulieren. Gehe ich recht in der Annahme, dass das auch bei Dir der Fall ist? Ich vermute, dass ja.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.04.2011 10:48:11 GMT+02:00
Tramp69 meint:
Ich werde sicherlich auch zukünftig die eine oder andere Rezension verfassen. Allerdings versuche ich mich auf zu rezensierende Produkte zu beschränken, die bisher wenig oder gar nicht rezensiert wurden. Das können auch schon mal CDs sein, die ich schon seit Ewigkeiten besitze und gerade neu entdecke. Denn, was bringt es, die 150. Rezension irgend eines sog. Superstars zu rezensieren (abgesehen davon, dass ich diese Produkte gar nicht besitze)?
Du hast schon Recht, so kann man seine Gedanken ganz gut ordnen und seine eigene Einschätzung besser hinterfragen. Außerdem verdienen es viele Produkte (Künstler), dass sie von mehr Menschen überhaupt registriert werden (dieser Soundtrack hier oder das Tribut-Album Folkways... sind ganz gute Beispiele dafür). Allerdings erreiche ich nicht annähernd die Masse an Rezensionen wie Du;-) Besitze zwar rund 1.000 CDs, die ich aber unmöglich alle bewerten kann und möchte. Und ein großer Leser war ich sowieso noch nie, es sei denn es sind Bücher über Springsteen, wie Du meinen Rezensionen ja auch entnehmen kannst.;-) Und ja, Spaß am Formulieren habe ich durchaus auch;-)
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