Kundenrezension

27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wagner-Sensation, 30. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Ring des Nibelungen (1955) (Audio CD)
Kaum eine Veröffentlichung hat in den vergangenen Jahren derartig viel Aufsehen erregt wie dieser "Ring des Nibelungen" von den Bayreuther Festspielen 1955 - die erste Stereo-Aufnahme des Werkes überhaupt, jetzt erstmals vollständig veröffentlicht. Wer es noch nicht gehört hat, fragt sich vielleicht, warum: Immerhin gibt es aus den 50ern schon Bayreuther Ring-Mitschnitte unter Keilberth selbst, Knappertsbusch und Krauss mit fast identischer Besetzung und sehr ordentlichem (Mono-)Klang.

Um es gleich zu sagen: Das Klangerlebnis ist atemberaubend - als wenn man einen Film, den man immer in Schwarz-weiß gesehen hat, erstmals in Farbe erleben würde. Die Tonqualität ist mindestens so gut wie diejenige des 1967 entstandenen Böhm-Rings.

Und damit können sich die legendären Bayreuther Aufführungen der Nachkriegszeit erstmals auf Augenhöhe mit den großen Studio-(Solti, Karajan, Janowski) und Live-Produktionen (Böhm, Barenboim, etc.) messen - und lassen fast alle hinter sich:

Die Balance zwischen Sängern und Orchester ist vorbildlich, der Orchesterklang ist natürlich, transparent und trotzdem voll, die Tempi sind temperamentvoll, aber nicht gehetzt, das Drama kommt optimal zur Geltung. Was die Sänger angeht, braucht sich die Aufnahme größtenteils ebenfalls nicht zu verstecken:

Hans Hotter zeigt sich hier als Wotan/Wanderer in erheblich besserer stimmlicher Verfassung als in der für ihn zu späten Solti-Einspielung. Neben mächtiger Klangentfaltung an den richtigen Stellen - fast ohne sein problematisches, durch chronisches Asthma bedingtes Tremolo - erweist er sich als sehr subtiler Interpret und rechtfertigt seine Stellung als führender Heldenbariton im Nachkriegsbayreuth.

Der zweite Star dieses Rings ist Astrid Varnay, neben Martha Mödl und Birgit Nilsson eine der führenden hochdramatischen Sopranistinnen der 50er Jahre, von der es gerade angesichts ihrer Bedeutung erstaunlich wenige Aufnahmen gibt. Hier können wir sie in Hochform erleben: Eine stimmlich sehr sichere, darstellerisch unglaublich intensive und sehr menschliche Brünnhilde mit einem reichen, dunklen, in der tiefen und Mittellage weichen, nur in der Höhe etwas scharfen Stimmklang.

Wolfgang Windgassens Siegfried ist ein echtes Ereignis: Der Sänger mit seiner eher leichten, hellen Stimme war von 1951 bis 1970 (!) der meistbeschäftigte Heldentenor in Bayreuth. Während er in der Solti-Aufnahme im Orchester etwas untergeht, kann er hier - der Akustik des Festspielhauses sei Dank - mit frischer Stimme unangestrengt und frei aussingen. Er schafft das Paradoxon, als Siegfried in der Heldentenorpartie schlechthin zunächst glaubhaft einen Teenager darzustellen, um dann in der Götterdämmerung dessen Entwicklung nachzuvollziehen.

Mit Paul Kuen steht ihm ein ungewohnt schön singender und sympatischer Mime zur Seite - ein wohltuender Kontrast zu Sprechsängern wie Gerhard Stolze. Gustav Neidlinger war für den Alberich geboren: Mit seiner kernigen Bassbaritonstimme erweist er sich besonders im Rheingold als ebenbürtiger Gegenspieler zu Hotters Wotan.

Ramòn Vinay, einer der meistbeschäftigten Tenöre im Nachkriegs-Bayreuth, singt den Siegmund mit einem vollen, baritonalen Klang und einer gewissen südländischen Eleganz - eine Darstellung, die denjenigen von Jon Vickers (Karajan) und James King (Solti, Böhm) nicht nachsteht. Gré Brouwenstijn ist von den Plattenfirmen weitgehend ignoriert worden - zu Unrecht, wie sie hier als jugendlich-überschwängliche Sieglinde und Gutrune mit leuchtender Stimme beweist.

Der zuverlässige Josef Greindl war sozusagen der Hausbass in Neubayreuth und zeigt hier als Fafner, Hunding und Hagen (!), warum: Er nutzt seine etwas raue, nicht übermäßig voluminöse Stimme für Charakterdarstellungen von großer Eindringlichkeit.

Ein besonderes Lob gebührt Maria von Ilosvay als eindringlicher Erda und Waltraute, Georgine von Milinkovic als fast zärtlich-mütterlicher Fricka, Hermann Uhdes überwältigendem Gunther und Ludwig Webers würdigem Fasolt.

Die übrigen Sänger halten größtenteils das sehr hohe Niveau. Lediglich Rudolf Lustigs Loge wirkt etwas hölzern und die Rheintöchter werden leider von der jammernden Jutta Vulpius angeführt, was man aber angesichts des Gesamteindrucks gut verkraftet.

Damit bleibt nur ein wirklicher Wermutstropfen: Der bisher sehr hohe Preis. Aber wer diesen partout nicht ausgeben will, kann ja als Alternative eine der zahlreichen Mono-Aufnahmen nehmen - z. B. den Keilberth-Ring von 1953 mit fast derselben Besetzung (mit Mödl statt Varnay als Brünnhilde).
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.02.2008 13:47:36 GMT+01:00
S. Bocholt meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 24.08.2011 22:20:18 GMT+02:00
FJC meint:
Was stört Sie denn am Preis? 127 Euro für 14 (hochwertig produzierte!) CDs sind doch nicht teuer - das sind gerade mal 9 Euro pro CD!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.06.2013 05:57:01 GMT+02:00
annadschan meint:
Und das finden Sie nicht zu teuer? Ich schon! 9 EUR für eine CD, deren Herstellungspreis fast bei Null liegt und für dessen Inhalt keine Schutzgebühren mehr anfallen, das ist eindeutig indiskutabel. Die Ringe von Solti oder Karajan unterliegen weiterhin dem Urheberrecht und sind genauso hochwertig produziert, im Fall Karajan sogar mit vier dicken Booklets. Trotzdem bekommen Sie beide für die Hälfte. Böhm und Janowski sind ebenfalls Markenware und noch günstiger. Testament macht hier ganz klar einen Reibach. Bei aller Qualität, diese Box dürfte auf keinen Fall über 100 EUR liegen, sondern deutlich darunter.

Veröffentlicht am 30.08.2013 18:26:57 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.08.2013 18:27:48 GMT+02:00
"Das Rheingold" ist kaum vertretbar wegen der Fehlbestzung des Loge (noch nie so schlecht gehört!). Auch andere Sänger sind mehr als gewöhnungsbedürftig (Rheintöchter, Weber als Fasolt). Für mich wäre das ein klarer Grund zum "Abzug" von Sternen bei der vielzahl an besseren Aufnahmen. Warum eigentlich der Hype (auch preislich) um jede Neuveröffentlichung?
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