Kundenrezension

26 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach Jesus von Nazareth, 19. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Zealot: The Life and Times of Jesus of Nazareth (Gebundene Ausgabe)
Darf ein Moslem ein Buch über Jesus von Nazareth schreiben? In den USA tobt derzeit eine heftige Debatte um diese Frage. Ausgelöst hat sie ein Buch, in dem der Religionswissenschaftler Reza Aslan zu rekonstruieren versucht, wer der historische Jesus von Nazareth war und welche Ziele er verfolgte. Aslan floh als Kind mit seiner Familie aus dem Iran, fand als Jugendlicher in Amerika zum Christentum und begann ein Studium der Religionsgeschichte. Das Studium, vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel, löste eine Glaubenskrise aus, an deren Ende Aslan wieder zum Islam zurückkehrte. Diese Rückkehr zur Religion seiner Vorfahren nehmen Aslans Kritiker zum Vorwand, ihm das Recht abzusprechen, seine in langjähriger Forschung gewonnenen Ansichten über Jesus von Nazareth öffentlich zur Diskussion zu stellen. Der Versuch, den Autor unter Verweis auf seine Religion zu diskreditieren, beruht auf der albernen und kindischen Überzeugung, dass Nichtchristen per se nicht qualifiziert seien, sich wissenschaftlich und publizistisch mit dem Christentum und seiner Geschichte zu beschäftigen.

Deutsche Leser sollten sich von den amerikanischen Debatten nicht davon abhalten lassen, Aslan eine Chance zu geben und sein Buch vorurteilsfrei zu lesen. Aslan ist nämlich ein seriöser Autor und Wissenschaftler. Anmerkungen und Bibliographie machen ein Fünftel seines Buches aus. Aslan bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern lehnt sich eng an die einschlägige Forschung zum historischen Jesus und zur Frühgeschichte des Christentums an. Sein Buch ist ein Versuch, die Ergebnisse der internationalen Jesus-Forschung einem breiten gebildeten Publikum nahezubringen (Erkennbar ist z.B. die Bezugnahme auf die Arbeiten von Geza Vermes). Dass sich Aslan explizit an ein Publikum von Nichtfachleuten wendet, kann nicht genug betont werden. Das Buch ist hervorragend geschrieben - klar und verständlich, farbig und anschaulich, mit beachtlichem Talent für die Vergegenwärtigung historischer Schauplätze und die umsichtige Charakterisierung historischer Akteure, über die aufgrund der schwierigen Quellenlage allzu oft nur wenig bekannt ist. Selbst Atheisten, die noch nie einen Blick in die Bibel geworfen haben, werden an keiner Stelle des Buches Verständnisprobleme haben.

Man sollte Aslans Buch unbedingt im Original lesen und nicht auf die deutsche Übersetzung warten, denn es ist fraglich, ob die schriftstellerischen Qualitäten des Textes auch in einer Übersetzung zum Tragen kommen werden. Aslan ist derzeit als Professor für Kreatives Schreiben tätig, und sein Buch beweist, dass er gutes Schreiben tatsächlich auch praktisch beherrscht. Allein schon für den Genuss, den die Lektüre bereitet, hat das Buch fünf Sterne verdient.

Aber nun zum Inhalt. Aslan beschreitet den Weg der konsequenten Historisierung und Kontextualisierung. Es geht ihm darum, Fakten von Fiktionen zu trennen. Sein Ziel ist es, ein aussagekräftiges und auf beweisbaren Fakten beruhendes Bild des Mannes aus Nazareth zu zeichnen, mögen die Quellen auch noch so spärlich, widersprüchlich und problematisch sein. Mit anderen Worten: Aslan wendet auf Jesus von Nazareth die historisch-kritische Methode an. Welche Quellen über das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth stehen zur Verfügung? Welche glaubhaften und nicht glaubhaften Aussagen sind in diesen Quellen enthalten? Wann sind diese Quellen entstanden? Wer hat sie verfasst, und welche Absichten verfolgten die Autoren, deren Identität, etwa im Falle der vier Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, nicht einmal zweifelsfrei bekannt ist? Was bleibt an Fakten übrig, nachdem die Fiktionen erkannt und eliminiert wurden? Neben der Quellenkritik ist es die Kontextualisierung, mit deren Hilfe Aslan zum Nazarener vordringen will. In welchen Zeitumständen lebte Jesus; wie prägten ihn die politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Verhältnisse im Palästina des frühen ersten Jahrhunderts?

Aslans Befunde lassen sich wie folgt zusammenfassen: Man könne Jesus von Nazareth nicht verstehen, wenn man von der römischen Herrschaft über Palästina absehe. Für die Juden, die sich seit alters her als auserwähltes Volk betrachtet hätten, sei diese Fremdherrschaft unerträglich gewesen. Der Nazarener, ein analphabetischer Handwerker und Tagelöhner, sei einer von vielen jüdischen Wanderpredigern und selbsternannten Messiassen gewesen, die in den Jahrzehnten vor und nach der Zeitenwende umhergezogen seien und ihre Landsleute aufgerufen hätten, sich gegen die römische Fremdherrschaft aufzulehnen, die korrupte, mit den Römern kollaborierende Oberschicht zu entmachten, das Reich Israel wieder aufzurichten und dem göttlichen Gesetz wieder volle Geltung zu verschaffen. Der Nazarener sei kein Mann des Friedens, kein Apostel der Gewaltlosigkeit gewesen. Er habe gewusst, dass seine - sozusagen "revolutionären" - Ziele nur durch einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verhältnisse hätten verwirklicht werden können.

Jesus von Nazareth habe an die apokalyptischen Erwartungen und die gegen die weltliche und geistliche Oberschicht gerichteten Ressentiments vieler Juden anknüpfen können, an die weitverbreitete Hoffnung, ein von Gott mit besonderen Fähigkeiten ausgestatteter Messias werde kommen, der die Befreiung von den Römern und eine Rückkehr zur strengen Religiosität der Vorväter erstreiten werde. Die vom Nazarener vorgenommenen Heilungen und Exorzismen seien vom einfachen, für Magie und Wunderglauben empfänglichen Volk als Zeichen einer göttlichen Gnade aufgefasst worden, als Beleg, dass er tatsächlich der in vielen Prophezeiungen verheißene Messias sei. Jesus von Nazareth sei von den Römern und der jüdischen Priesterkaste als Bedrohung wahrgenommen worden, von den einen, weil er zum Widerstand gegen ihre Herrschaft aufgerufen habe, von den anderen, weil er ihre religiösen Praktiken und ihren Materialismus kritisiert habe (Einzug in Jerusalem, Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel). Ohne dass es Druckes von jüdischer Seite bedurft hätte, wie die Bibel glauben machen wolle, sei der Statthalter Pontius Pilatus mit dem Nazarener verfahren wie mit jedem Prediger, der das Volk zum Aufstand gegen die Römer aufzuwiegeln versuchte: Er habe ihn ans Kreuz schlagen lassen, wie so viele Aufrührer und Rebellen vor und nach ihm. Die Geschichte vom zaudernden Statthalter, der dem "Geschrei der Menge" nachgegeben und den Nazarener nur widerstrebend dem Kreuzestod überantwortet habe, gehört nach Aslan zu den Fiktionen, die von den Autoren der Evangelien erdichtet worden seien.

Das ist es also, was nach Aslans Auffassung mit Sicherheit und Gewissheit über Jesus von Nazareth gesagt werden kann. Der Nazarener, ein früher Zelot, ein von Glaubenseifer durchdrungener und beseelter Mensch, habe keine universelle Botschaft gepredigt, sondern eine "nationalistische" Bewegung angeführt, die sich exklusiv an Juden gerichtet habe. Seine Ziele seien über die Befreiung und Wiederaufrichtung Israels nicht hinausgegangen. In mehreren Kapiteln geht Aslan der Frage nach, wie, warum und von wem Jesu Persönlichkeit und Botschaft im weiteren Verlauf des ersten Jahrhunderts umgedeutet wurden. Charakteristisch für die einschlägigen frühen Quellen - die Paulus-Briefe und die vier Evangelien - sei ein auffälliges Desinteresse am historischen Jesus. Diese Quellen seien von Autoren verfasst worden, die - wie Paulus - den Nazarener nicht persönlich gekannt und keine Vorstellung von seiner ursprünglichen Botschaft gehabt hätten. Nach dem Scheitern des jüdischen Aufstandes (66-73) sei es den Anhängern des Nazareners darum gegangen, die "nationalrevolutionäre" und antirömische Stoßrichtung seines Wirkens in Vergessenheit geraten zu lassen, um die neue religiöse Bewegung für Römer und andere Nichtjuden attraktiv zu machen. Um die Römer nicht zu verprellen, sei in Verkehrung des tatsächlichen historischen Geschehens die Schuld am Tode Jesu den Juden angelastet worden.

Während die Jerusalemer Urgemeinde den rein jüdischen Charakter der kleinen Religionsgemeinschaft habe wahren wollen und am menschlichen Wesen des gekreuzigten Messias festgehalten habe, hätten hellenisierte Diaspora-Juden wie Paulus schon bald abweichende Lehren propagiert, den Nazarener in ein göttliches Wesen, den Gottessohn, umgedeutet und auf eine "Internationalisierung" der christlichen Lehre hingearbeitet. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 73 und dem Tode der letzten Zeitgenossen und Mitstreiter Jesu habe sich die Paulinische Lehre, beruhend auf der göttlichen Natur Jesu sowie der Loslösung vom Judentum und vom jüdischen Gesetz, problemlos durchsetzen können. Es sei das eingetreten, was Jesus von Nazareth nie beabsichtigt habe - eine vollkommen neue Religion sei entstanden. In seiner eigenen Heimat sei dem Nazarener keine über seinen Tod hinausreichende Breitenwirkung beschieden gewesen, weil die von den Jüngern in Umlauf gebrachte Geschichte von der wundersamen Auferstehung Jesu im Volk auf Skepsis und Ablehnung gestoßen sei. Ein auferstandener Messias sei nach dem religiösen Verständnis der Juden nicht vorstellbar gewesen. Von Nichtjuden sei die Botschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten hingegen bereitwillig aufgenommen worden.

Wie jeder seriöse Wissenschaftler will Aslan keine unumstößlichen Wahrheiten verkünden, sondern ein Diskussionsangebot unterbreiten. Fachleute mögen sich darüber streiten, ob er in allen Punkten Recht hat. Ein Konsens ist erfahrungsgemäß schwer zu erreichen, wenn es um Fragen geht, die Glauben und Wissenschaft gleichermaßen berühren. Eines steht jedoch fest: Aslans Buch bietet eine spannende, fesselnde, lehrreiche Lektüre und ein außerordentliches intellektuelles Vergnügen. Selbst solche Leser, die sich zu Widerspruch herausgefordert fühlen, werden anerkennen, dass Aslan seine Thesen eloquent und mit Leidenschaft vertritt, ohne aber den Boden der Wissenschaftlichkeit zu verlassen. Leser, die vorrangig von historischem, weniger von religiös-theologischem Interesse motiviert sind, werden bei Aslan brillante Beispiele für eine sorgfältige Quellenkritik finden. Darüber hinaus kann das Buch in Zukunft als Beispiel dafür dienen, wie gut geschriebene Geschichte aussieht, wie sich - unabhängig vom Thema - Erzählung und Analyse harmonisch miteinander verbinden lassen.

An alle, die es bis hierhin geschafft haben: Meine Entschuldigung dafür, dass die Rezension so lang geworden ist.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.09.2013 14:12:18 GMT+02:00
Die Rezension war tatsächlich sehr lang - aber dafür in Stil und Inhalt hervorragend! Ich hatte z.B. bislang vor, als Religionswissenschaftler und Sachbuchautor auf die deutsche Übersetzung zu erwarten (auch wegen der Zitierungsmöglichkeiten), habe mich aber von Ihnen überzeugen lassen, dass man Aslan im Original lesen sollte. Vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.09.2013 20:34:57 GMT+02:00
Hallo Herr Dr. Blume,

vielen Dank für das positive Feedback. Ich kann mir vorstellen, daß die Übersetzung jetzt sehr schnell erfolgt, falls ein deutscher Verlag die Lizenz erworben hat. Und wenn schnell übersetzt wird, dann wird die deutsche Fassung bestimmt nicht so gut sein wie das Original. Diese Erfahrung mache ich immer wieder bei englischsprachigen historischen Sachbüchern, die (unter Zeitdruck) ins Deutsche übersetzt werden. Da lese ich lieber gleich das Original.

Ob Aslan in allem Recht hat, darüber mögen Theologen und Religionswissenschaftler debattieren. Ich war begeistert von der Art und Weise, in der Aslan seine Thesen präsentiert. Allein schon der Prolog von Teil 1, in dem die Ermordung des Hohepriesters Jonathan geschildert wird (56 n. Chr.), ist ein kleines Kunststück. Dieses Kapitel sollte man Geschichtsstudenten zeigen: Seht her, so kann man als Historiker auch schreiben!

Ich hoffe, daß Ihnen das Buch eine anregende Lektüre beschert.

IC
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