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Kundenrezension

22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aber bitte mit Katharsis!, 26. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst (Gebundene Ausgabe)
Wer einen "Ausgang aus der Unmündigkeit" sucht, der muss vorher auf irgendeinem Weg hineingeraten sein. Ferner dürfte er, zumindest dem geflügelten Wort Kants nach, daran nicht ganz unschuldig gewesen sein. Nur: Der 'Weg in die Knechtschaft' (F. A. Hayek) ist ein Boulevard; den Weg hinaus muss man sich erst frei schlagen. Also lieber rechtzeitig Kehrt machen als die Machete einzusetzen: Trivial, möchte man meinen. Wer Philipp Bagus' Buch nicht gelesen hat, könnte jedoch vermuten, in der europäischen Schuldenkrise herrschten völlig eigene, der Lebensrealität enthobene Gesetze. Es scheint, als sei europäische Währungspolitik Raketenphysik, vor der selbst interessierte Bürger ehrfürchtig niederknien müssen. Als seien Jedermanns Intuitionen, etwa der Widerwille gegen eine Politik der Umverteilung, zu grobschlächtig für ein derart sensibles Thema. Dazu passt, dass die hermetischen Expertenkreise an fachsimpelnde Chirurgen während einer Not-OP erinnern, denen man bestenfalls durch eine Glasscheibe auf die Finger sehen darf.

Doch spätestens als mir ein Bekannter, selbst politisch aktiv, erklärte, er könne sich nicht erlauben, zum Thema ESM eine eigene Meinung zu haben, weil die Komplexität dieses Sachverhalts jedwedes unqualifizierte Urteil verbiete, da beschlich mich ein seltsames Störgefühl: So komplex, dass man am besten Experten jegliche Entscheidung über die Verwendung der eigenen Steuergelder überlässt? Und Abgeordneten, die das Ausmaß der Rettungspakete, über die sie abstimmen, teilweise noch nicht einmal zu beziffern vermögen? Da ist doch irgendwo ein Fehler in der Matrix. Schließlich hat doch nach Fukushima auch niemand behauptet, man müsse Atomphysiker sein, um am öffentlichen Diskurs teilzuhaben... Statt also die Hände in den Schoß zu legen und mir meine Unmündigkeit selbst einzubrocken, nahm ich mir die 'Tragödie des Euro' vor. Als Fachfremde fühlte ich mich dabei schon ein wenig tolldreist und war durchaus darauf vorbereitet, bereits nach den ersten Seiten kapitulieren zu müssen. Pustekuchen: Das Buch ist eine einzige Belohnung für alle, die in dieses Thema eintauchen möchten – egal, wie tief. Statt Elfenbeintürmen baut Bagus Brücken zur Leserschaft mit und ohne ökonomische Vorkenntnisse. Bereits in der Einführung weiß er die 56 Prozent der Deutschen, die laut einer Forsa-Umfrage von 2010 'gegen den Rettungsfonds waren', für sich zu gewinnen: 'Die Menschen scheinen intuitiv zu verstehen, dass sie auf der Verliererseite eines komplexen Systems stehen.' (S. 15 f.) Um sich einer Herausforderung zu stellen, an der Politiker immer wieder scheitern '– die Menschen (sprich: die Leser) dort abzuholen, wo sie sind, muss Bagus weit ausholen, verliert dabei jedoch nie den roten Faden – besser: das Drahtseil – seiner starken Argumente. Sicher gravitieren seine Ausführungen immer wieder zu seinen zentralen Thesen zurück. So nimmt er den Leser mit auf einen Streifzug durch die Geschichte der Europäischen Union – allerdings nur, um an den in diesem Kontext relevanten Stationen Halt zu machen und daran die zwei ursprünglichen, rivalisierenden Roadmaps für Europas zu demonstrieren. Dass die ältere von den beiden, mit den zentralen Merkmalen Freiheit, Dezentralität, Konkurrenz, Vielfalt, Subsidiarität, die er 'klassisch-liberale Vision' nennt, im Laufe der Jahre versunken ist wie die mythische Insel Atlantis, wird dem Leser, unabhängig von dessen politischer Neigung, wie Schuppen von den Augen fallen. Auch, dass im selben Zug die konkurrierende Roadmap, die er, bewusst provokativ, 'sozialistisch' nennt, die Oberhand gewonnen hat, wird man sich eingestehen müssen. Das Herzstück von Bagus' Argumentation ist die von ihm im achten Kapitel gezogene Analogie zwischen dem Euro-Dilemma und sog. 'externen Kosten', die immer dann auftreten, wenn Eigentumsrechte unzureichend definiert sind. Präziser spricht Bagus von der 'Tragödie der Allmende', einem von Garrett Hardin geprägten Begriff. Damit ist gemeint, dass 'mehrere Handelnde (...) ein Eigentum ausbeuten' und die 'Kosten auf andere externalisieren' (S. 99). Ein Beispiel zur Veranschaulichung hält der Autor ebenfalls parat: Er verweist auf die Reduzierung des Fischbestands im Ozean zugunsten einzelner Fischer, letztlich aber auf Kosten der Allgemeinheit. Mit den Geldmengen der Euro-Mitgliedstaaten verhält es sich demnach ähnlich wie mit einem Fischschwarm, was die Schwarmintelligenz der deutschen Mehrheit unterstreicht, die dies längst begriffen hat.

Zwar führt Bagus' messerscharfe, elegante Argumentation immer wieder zu vermeintlich einfachen Schlüssen, die erfrischend schnörkellos, gar lakonisch zur Sprache gebracht werden, etwa: "Im Endeffekt ist das System einfach" (S. 85, den Gelddruck der EZB erklärend) oder 'Frankreich baut sein europäisches Reich, und Deutschland bekommt die Wiedervereinigung"' (S. 23, den zweifelhaften Trade-Off in der Frühphase der Währungsunion). Dennoch macht es sich der Ökonom zu keiner Zeit ZU einfach – zu überzeugend sind die ökonomischen, politischen und historischen Fakten, mit denen er seine Thesen unterfüttert. Dass er, zugegeben, weniger differenziert, bisweilen sogar verschwörungstheoretisch von den Motiven der 'herrschenden Klasse' oder von besagten 'sozialistischen' Visionen spricht, verzeiht man ihm denn auch, verleihen solche Provokationen der Stimme des Autors doch eine angemessene Vehemenz, Passioniertheit und Courage, immer mit Sicherheitsabstand zur Polemik. Solche Qualitäten sind im defensiven, paternalistischen Tonfall derer, die den Euro mit Europa gleichschalten und wahlweise die Komplexität des Systems, den Frieden in Europa oder die Exportabhängigkeit Deutschlands als Feigenblätter für Eigeninteressen wählen, selten geworden.

Auch wenn Tragödien in der Regel böse enden: Sie enden nicht ohne Katharsis. Genau dazu leistet dieses Buch einen unschätzbaren Beitrag.
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