Kundenrezension

100 von 113 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kahnemanns Lieblingskritiker behauptet, daß dieses Buch nur Verwirrung stiftet, 1. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Der prominenteste und erklärteste Kritiker Kahnemanns ist Gerd Gigerenzer, Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Gigerenzer, wie Kahnemann Psychologe, hat sich mit Forschungen zum heuristischen Denken und Entscheidungen bei Risiken und Unsicherheiten einen Namen gemacht und mit einer Reihe von Werken auch an ein größeres Publikum gewandt: Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken, Gut Feelings: The Intelligence of the Unconscious, Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen - 2 CDs - JOK2286C.

A) GIGERENZERS HAUPTEINWAND
gegen Kahnemann greift schon im Titel des Buches an, in dem Kahnemann einen irreführenden Gegensatz zwischen dem schnellen, assoziativen Denken (System 1) und dem langsamen rationalen Denken (System 2) aufbaut.

Um zu begründen, daß Kahnemann irrt, mußte Gigerenzer nur zeigen, daß das rationale Denken auch schnell sein kann, wenn man effektive Heuristiken entwickelt und bewußt anwendet:

I. Unbewußt und schnell: Die Ballannahme beim Fußballspiel
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Um den Auftreffpunkt eines hohen Balles auf dem Rasen zu berechnen, müßte ein Fußballspieler eigentlich eine komplizierte Differentialgleichung lösen, in die u.a. Windgeschwindigkeit, Luftwiderstand und Drall eingehen, dann dort hinrennen und den Ball annehmen. So macht er das gewiß nicht, schafft es aber immer wieder dort zu sein, wo der Ball landet. Des Rätsels Lösung ist die sog. Blickheuristik (engl. „gaze heuristic“): Wenn ein Ball von oben herunterkommt, fixiert ihn der Spieler und fängt an zu laufen. Die Heuristik besteht darin, seine Laufgeschwindigkeit so anzupassen, daß der Blickwinkel, der Winkel zwischen Auge und Ball konstant bleibt.
Der Witz dabei ist, daß der Fußballer den Landepunkt des Balles weder kennt noch vorausberechnet, aber durch Anwendung dieser Methode eben zur gleichen Zeit wie der Ball an der Stelle ist, wo der auftrifft ;-). Der Fußballer muß sie sich nicht bewußt machen, es gelingt unabhängig davon; Hunde können es im Prinzip auch.

II. Bewußt und schnell: Die Vorbereitung einer Notlandung
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Ausgebildete Piloten nutzen die Blickheuristik dagegen ganz bewußt, um zu einer schnellen Entscheidung zu kommen. Das Beispiel, das Gigerenzer gerne verwendet, ist die bravouröse Notlandung des „Helden vom Hudson-River“. Der Pilot Sullenberger des US-Airways-Fluges 1549 war im Jahre 2009 mit dem Unglück konfrontiert, daß seine Maschine noch im Steigflug in einer Höhe von weniger als 1 km durch Vogelschlag einen Schubverlust beider Triebwerke erlitt. Er gelang ihm, auf dem Hudson notzulanden. Vorher meldete er, daß er es nicht schaffen werde zum New Yorker Flughafen LaGuardia zurückzukehren und auch nicht zu einem zweiten Flugplatz mit Sichtkontakt. Wie konnte er das so sicher und schnell sagen? Gigerenzer erzählt, daß Sullenberger bei dieser Frage auf die Blickheuristik der Piloten beim Gleitflug verwies. Sinkt ein anvisierter Zielort im Blickfeld des Piloten relativ zum Horizont, würde er ihn überfliegen, steigt er dagegen, wird er ihn mit Sicherheit verfehlen.

B) ZUR IRRTUMSGEFAHR BEI INTUITIVEN ANTWORTEN
Um die Irrtumsanfälligkeit intuitiver Antworten hervorzuheben, stellt Kahnemann Probleme gerne so, daß jeder prompt eine falsche Antwort gibt. Die berühmte Mammographie-Frage, die fast alle Ärzte falsch beantworten, die Laien erst recht, stellt er so:
a) die Krankheitshäufigkeit von Brustkrebs sei P(K)=1%
b) die Entdeckungsrate der Mammographie liege bei P(Pos/K)=80%
c) die falsch-positive Diagnose, bei der eine Gesunde als krank eingestuft wird, sei P(Pos/G)=10%
Gesucht ist P(K/Pos), also: Wieviel Prozent der Frauen, die positiv getestet wurden, haben wirklich Brustkrebs? Die meisten antworten 75% oder so, was ganz ganz falsch ist und Kahnemann freut sich riesig, daß er recht zu haben scheint.

Gigerenzer würde aber schon die Informationen zur obigen Frage, wieviel der positiv Getesteten wirklich krank sind, erfrischend anders präsentieren. Nämlich so:
a) 10 Frauen von 1000 haben Brustkrebs
b) die Mammographie entdeckt von diesen 10 genau 8
c) von dem Rest von 990 werden 99 falsch-positiv diagnostiziert

Und schon schwant dem Befragten, daß er nun nur noch 8 durch 99 teilen muß, um zu der ziemlich erschreckenden, guten oberen Abschätzung zu gelangen, daß also weniger als 8% der Frauen, die den schlimmen Befund bekommen, wirklich erkrankt sind. Aber selbst die genaue Rechnung ist nicht viel aufwendiger. Dafür muß er 8 durch 99+8, also 8 durch 107 dividieren, was 7,5% ergibt. Richtig gerechnet! Jetzt freut sich aber Gigerenzer.

Das überlegene, aber angeblich immer langsame rationale System 2 Kahnemanns sähe die Anwendung der Bayesschen Formel für bedingte Wahrscheinlichkeiten vor: P(K|Pos) = [P(Pos|K) x P(K)] / P(Pos) = [0,8 x 0,01] /[0,8 x 0,01 + 0,99 x 0,1] . Das ist aber - wie man gesehen hat - bei adäquater Fragestellung überhaupt nicht nötig, so daß auch dieser Punkt m.E. an Gigerenzer geht.

FAZIT
Die Gegenüberstellung vom schnellen Denken in unbewußter und bewußter Variante (I und II) zeigt, daß auch Nobelpreisträger schwere Einwände fürchten müssen. Gigerenzer meint, daß Kahnemann, der Vater des sanften Paternalismus, mit seinem Buch nur heillose Verwirrung stiftet. Meine Empfehlung ist daher, nach der Lektüre unbedingt zum Gegengift der Schriften Gigerenzers zu greifen ;-).
(s.o. oder Simple Heuristics That Make Us Smart (Evolution and Cognition) und Adaptive Thinking: Rationality in the Real World (Evolution and Cognition))
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.11.2012 09:51:01 GMT+01:00
Ripa meint:
Hat Gigerenzer sich mit dem Buch auseinandergesetzt?
Zu Punkt I. und II. siehe einfach die kurze Ausführung bei Kahneman: Seite 296 unten.

Veröffentlicht am 16.01.2013 12:25:58 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 16.01.2013 12:26:13 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 08.03.2013 16:06:53 GMT+01:00
Dr. S. meint:
Ich finde, das ist mal eine ausgezeichnete Rezension. Mir gings beim Lesen so, dass ich die Aufteilung der menschlichen Psyche in nur 2 Hauptsysteme sehr knapp bemessen fand und den Schnelligkeitsunterschied auch nicht einzusehen vermochte. Einerseits gibt es da Inselbegabte, die mit ihrem System 1 völlig anstrengungslos Wurzeln aus Zahlen ziehen, bevor andere die Aufgabe mit ihrem System 2 überhaupt niedergeschrieben haben, andererseits verhilft der Blick auf ein Anzeigeninstrument System 2 zu schneller Erkenntnis und spart das langsame Warten auf die richtige Intuiton. Auch anatomisch-physiologische Verortungen vermisse ich. Und dann erscheinen mir einige Ergebnisse doch sehr kulturspezifisch amerikanisch. Und dass Bekanntheit eine positive Einstellung erzeugen soll, den Mere-Exposure-Effekt (S. 95), kann ich ich auch nicht nachvollziehen, bei den meisten Politikern im Fernsehen erfasst mich jedes Mal derselbe Groll, es wird eher immer schlimmer. Ich bin jetzt auf S. 150 und überlege, ob ich nicht etwas Fundierteres lesen sollte.

Veröffentlicht am 07.05.2013 19:37:36 GMT+02:00
Dimmu Borgir meint:
Aus meiner Sicht ist die hier geäußerte Kritik an der Theorie von Kahneman nicht gerechtfertigt. Es reicht eben nicht zu zeigen, dass "das rationale Denken auch schnell sein kann". Wenn man das Buch verstanden hat, sollte klar sein, dass das auch nicht behauptet wird. Diese Kritik geht daher am Ziel vorbei. Es wird eine Hypothese aufgestellt, behauptet sie stamme von Kahnemann, dann widerlegt und behauptet Kahnemann sei widerlegt. Das ist logisch nicht erlaubt oder sinnvoll.

Veröffentlicht am 22.06.2013 13:17:22 GMT+02:00
Vielnix meint:
Zum Thema Umgang unter Wissenschaftskollegen:
Kahneman schreibt in dem Buch von einer seiner Veröffentlichungen, die von einem Kollegen buchstäblich zerrissen wird. Diesen Kollegen trifft er Jahre später auf einer Veranstaltung, und die beiden stimmen in ihrem Gespräch in vielen Punkten überein.
Am Ende fragt Kahneman den anderen, warum dieser ihn denn damals so heftig kritisiert habe.
Der andere sagt: "Es hat einfach viel mehr Spaß gemacht."

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.11.2013 10:25:34 GMT+01:00
Meiner Ansicht nach haben weder Sie, Benedictu, noch Gigerenzer, Kahnemanns Theorie des System I und II verstanden. System 1 kann gemäß Kahnemann durchaus komplexe und anspruchsvolle Denkoperationen schnell ausführen. In seinen Erläuterungen beschreibt er Fachexperten, die schnell komplexe Denkvorgänge ausführen können. Eben weil sie diese gelernt haben, und wiederholt angewendet haben und Routine darin ausbilden konnten. Langsames System II Denken trifft nur auch für die Person neue, vorher noch nicht antrainierte Denkoperationen zu. Zum Beispiel stünde es nicht im Gegensatz zu Kahnemanns Theorie, dass ein Fussballspieler Blitzschnell die komplexe Ball-Flugbahnberechnung durchführen kann, nachdem er es gelernt hat und Jahrelang im Training angewendet hatte. Nur bei den ersten Malen, als er Flugbällen nachgerannt war, musste er das System II aktivieren, und hat warscheinlich länger gebraucht und den Ball nicht immer bekommen. Durch Training ist diese Berechnung aber als Heuristik in sein System I Repertoire übergegangen.

Ich kann das Buch wärmstens allen empfehlen, die sich für eine Erweiterung ihres Horizontes und für "klügeres Denken" interessieren. Selbstverständlich sollte man sich auch mit den Kritikern auseinandersetzen, aber erst nachdem man das Originalwerk gelesen hat. Denn stichhaltige Kritik habe ich in Ihrem Beitrag nicht erkennen können.

Veröffentlicht am 14.11.2013 10:26:28 GMT+01:00
Meiner Ansicht nach haben weder Sie, Benedictu, noch Gigerenzer, Kahnemanns Theorie des System I und II verstanden. System 1 kann gemäß Kahnemann durchaus komplexe und anspruchsvolle Denkoperationen schnell ausführen. In seinen Erläuterungen beschreibt er Fachexperten, die schnell komplexe Denkvorgänge ausführen können. Eben weil sie diese gelernt haben, und wiederholt angewendet haben und Routine darin ausbilden konnten. Langsames System II Denken trifft nur auch für die Person neue, vorher noch nicht antrainierte Denkoperationen zu. Zum Beispiel stünde es nicht im Gegensatz zu Kahnemanns Theorie, dass ein Fussballspieler Blitzschnell die komplexe Ball-Flugbahnberechnung durchführen kann, nachdem er es gelernt hat und Jahrelang im Training angewendet hatte. Nur bei den ersten Malen, als er Flugbällen nachgerannt war, musste er das System II aktivieren, und hat warscheinlich länger gebraucht und den Ball nicht immer bekommen. Durch Training ist diese Berechnung aber als Heuristik in sein System I Repertoire übergegangen. Ich kann das Buch wärmstens allen empfehlen, die sich für eine Erweiterung ihres Horizontes und für "klügeres Denken" interessieren. Selbstverständlich sollte man sich auch mit den Kritikern auseinandersetzen, aber erst nachdem man das Originalwerk gelesen hat. Denn stichhaltige Kritik habe ich in Ihrem Beitrag nicht erkennen können.

Veröffentlicht am 28.07.2014 10:50:33 GMT+02:00
hajogierke meint:
Die Rezension bezieht sich wohl eher auf den Titel als auf den Inhalt des Buches.

Dass es aber bei Wissenschaftlern (auf hohem Niveau) zu Kontroversen kommt ist normal und auch ganz bestimmt nicht schädlich für die Sache.

Veröffentlicht am 08.10.2014 17:36:21 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.10.2014 17:37:12 GMT+02:00
Leider ist die 2. Interpretation völliger Nonsense.
Wenn 99 als falsch diagnostiziert werden und 10 richtig diagnostiziert werden ist die Fehlerrate 990% und nicht 10%
Die Interpretation ist schon falsch und damit auch das Ergebnis.
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