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Kundenrezension

130 von 149 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Habe ich überhaupt jemals richtig gelebt?, 22. Oktober 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dieser Mensch war ich: Nachrufe auf das eigene Leben (Gebundene Ausgabe)
Ich war im gleichen Sterbebegleiterkurs wie die Autorin, habe sie also persönlich kennengelernt. Ob das jetzt für das Schreiben dieser Rezension ein Vor- oder Nachteil ist, möge der Leser entscheiden. Auf jeden Fall wollte ich keine "Gefälligkeitsrezension" schreiben - auch wenn mein sofortiger Kauf des Buches und die vergebenen 5 Sterne darauf hindeuten könnten. Um dem Eindruck der Gefälligkeit entgegen zu wirken, werde ich auch kritischere Dinge ansprechen, die der Leser wissen sollte, über die aber im Buch nichts steht - sei es, weil die Autorin dies nicht wollte, wahrscheinlich aber eher, weil sie es nicht schreiben konnte.

Zunächst möchte ich die Autorin vor dem Generalvorwurf in Schutz nehmen, der solche Bücher wie ihres immer trifft: dass mit dem Leid von Menschen nur Publicity und Geld gemacht werden sollte. Natürlich wird sie Aufmerksamkeit und auch Geld für Buch bekommen. Aber warum sollte sie es nicht verdient haben? Schließlich hat sie eine wertvolle Dienstleistung erbracht - zum einen für die Leser, die als "Weiterlebende" von den Lebensgeschichten der Sterbenden unheimlich viel lernen können. Zum anderen aber auch für letztere selbst. Die Autorin schreibt: "Dass sich überhaupt jemand dafür interessierte, wie sie ihr Leben am Ende selbst sahen - das hat die meisten der Patienten erfreut." Diese wollten also reden, wollen etwas an die "Überlebenden" weitergeben, freuten sich darüber.

Nun aber zu den Nachrufen selbst. Was mich beim ersten Durchblättern total frappiert hatte, war zunächst mal die Länge der Geschichten - bzw. ihre Kürze. Jede ist nur etwa 3 Seiten lang. Passiert denn in einem Leben nicht mehr, als was auf 3 Seiten passt, fragt man sich zwangsläufig? Wird mein eigener Nachruf auch nicht länger werden? Das war für mich der Moment, wo ich das Buch das erste Mal zur Seite legen, und über mein eigenes Leben nachdenken musste. Bin ich in meinem Leben noch auf Seite 2 oder schon auf der letzten Seite (und weiß es nur noch nicht?) Könnte mein Nachruf jetzt schon geschrieben werden, oder kommt nach was Wichtiges, was Überraschendes - so eine Art geniale Wendung, wie sie sich Krimi-Autoren manchmal einfallen lassen? Das Buch von Frau zu Salm ist in Bezug auf die Förderung des Nachdenkens über das eigene Leben eine Art Katalysator...

Nun zu dem, was in den Nachrufen steht. Der erste Satz der Autorin im Buch heißt: "Es ist kein Buch über Sterben, sondern über das Leben." Und darum geht es in den Nachrufen - um das Leben in all seinen Facetten, all seinen Höhen und Tiefen, seinen Hoffnungen und Enttäuschungen. Ich möchte hier nur einige Aussagen der Sterbenden aufgreifen, die mich besonders beeindruckten:

BITTE UM VERZEIHUNG
Eine Frau hatte heimlich als Prostituierte gearbeitet und verschwieg ihrer Tochter ein Leben lang, dass diese von einem Freier abstammt. Am Ende ihres Lebens bittet sie ihre Tochter um Verzeihung: "Mach es besser, meine Tochter, raff dich auf und lass Dich nicht gehen, so wie ich es getan habe. Ich hätte dich so gerne noch um Verzeihung gebeten, es hätte mein schweres Herz erlöst. Bitte verzeih mir - irgendwann."

VERPASSTE LEBENSCHANCEN
Das Gefühl der Sterbenden, sein Leben nicht richtig gelebt, es nicht richtig genutzt zu haben, zieht sich durch sehr viele Nachrufe. "Vielleicht hätte ich Maschinenbau studiert, wäre Ingenieur geworden. Hätte es sogar irgendwo zum Abteilungsleiter gebracht oder zum Chef. Man hätte in der Zeitung von mir gelesen. Da bin ich mir sicher." erklärt jemand. Ein anderer fragt sich: "Ob ich mich nicht doch für ein spannendes Leben hätte entscheiden sollen? Für was Besonderes?" Sehr ergreifend auch die bittere Erkenntnis einer Frau: "Mein einstiger Mädchentraum, später mal auf einem Pferd einen ganzen Tag lang durch meine Farm in Südamerika zu reiten - gekappt." (durch eine plötzliche Krankheit, die sie an den Rollstuhl fesselte.)

Das Gefühl, zu lange gewartet zu haben, bis es zu spät war, scheint viele Menschen am Ende ihres Lebens zu bewegen. Eine Frau erklärt z.B. "Eigentlich habe ich immer nur auf das richtige Leben gewartet. Gelegenheiten habe ich ungenutzt gelassen, Blicke nicht erwidert, Anrufe nicht beantwortet. Weil mir mein Gefühl gesagt hat, dass ich noch warten sollte." Tja, solche nicht genutzten Gelegenheiten - und das schlechte Gewissen dabei, kennt wohl jeder. Wie bereits erwähnt: das Buch ist eine Art Katalysator für das Nachdenken über das eigene Leben.

Und nun aber auch noch zu den kritischen Aspekten, die ich ja in meiner Einleitung angekündigt hatte. Die beziehen sich eigentlich gar nicht so sehr auf die Autorin, bzw. was im Buch steht, sondern darauf, was im Buch gerade nicht steht. Wer meine bisherigen Zeilen gelesen hat, könnte vielleicht sofort den Impuls verspüren, sich auch für so einen Kurs zum Sterbehelfer anzumelden - so wie die Autorin und ich. Ich möchte auch jeden gern dazu ermutigen. Dass man bei der Tätigkeit viel für das eigene Leben mitnehmen kann, das konnte ich in den vorigen Abschnitten hoffentlich etwas vermitteln. Dass es auch Dinge gibt, die nicht so angenehm sind, oder die man anders erwartet hat, gehört aber auch zur Wahrheit dazu. Dass die Autorin darüber nichts geschrieben hat, ist eigentlich verständlich, weil sie gewisse Rücksichten nehmen musste - es werden wohl auch rechtliche Aspekte eine Rolle gespielt haben. Ich als Rezensent muss diese Rücksichten aber nicht nehmen, und möchte den Leser deshalb auf 2-3 Aspekte hinweisen, die vielleicht unnötige, falsche Illusionen verhindern könnten.

DIE AUSBILDUNG
Im ersten Teil schildert die Autorin sehr gut, wie emotional intensiv die Ausbildung war. Ich kann dies bestätigen - ich war ja dabei. Und wenn man von Dingen wie "Befindlichkeitsrunden", "Loslass-Übungen" oder "eigenen Nachruf schreiben" liest, ist man sich bestimmt sicher, dass es sich um eine Art emotionalen Selbsterfahrungs/Grenzerfahrungskurs handeln muss. Das stimmt ja auch. Aber es ist eben nicht die ganze Wahrheit - die ist doch etwas nüchterner. Denn man darf nicht vergessen, dass man es bei der Sterbebegleitung in der Regel mit schwerstkranken Menschen zu tun hat. Deshalb lernt man z.B. auch, wie man Menschen füttert, Windeln wechselt oder Rollstühle (mit Besitzer) eine Treppe hochzieht. Und wer jetzt fragen sollte: Machen das nicht hauptberufliche Pflegekräfte? Antwort: Eigentlich schon - aber die haben vielleicht manchmal nicht so viel Zeit, wie es vielleicht wünschenswert wäre....

DER VERWALTUNGSWAHN MACHT NICHT VOR DEM TOD HALT
Wie gerade geschildert, sind die Grenzen zwischen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen manchmal nicht so messerscharf gezogen, wie man es vielleicht erwarten würde. Jedenfalls sind letztere schon in das Betreuungssystem für die Patienten eingebunden. So sind genaue Listen zu führen (die auch überprüft werden), wer, wen, wo und wie lange besucht hat. Menschliche Zuwendung stundenweise abgerechnet - auch das ist Deutschland! Manchmal schießt das redliche Bemühen, Sterbenden zu helfen, auch über das Ziel hinaus, verkehrt sich gar ins Gegenteil. Ich kann mich z.B. an einen berichteten Fall erinnern, wo jemand am Vormittag im Krankenhaus seine "Nicht heilbar - Diagnose" erhielt und Nachmittag wurde gleich ein Sterbebegleiter losgeschickt. Der unglückliche Patient fragte natürlich erstmal: wer ist denn dieser fremde Mensch da? Antwort: das ist jetzt dein Sterbebegleiter! Ach so, klar, ich sterbe ja jetzt... Um nicht missverstanden zu werden: in der Regel wird schon viel Wert auf Pietät gelegt - aber die Verwaltungsmaschinerie produziert eben auch solche traurigen Einzelfälle. Auch das gehört zur Wahrheit.

Nun möchte ich aber meine kritischen Anmerkungen an dieser Stelle beenden. Ich wollte damit nicht die Autorin treffen - die kann ja nichts dafür. Vielleicht kann ja keiner was dafür... Vielleicht ist die Autorin mir ja sogar dankbar, weil ich Dinge angesprochen habe, die sie mit Sicherheit auch bewegt hat. Und vielleicht hat auch der Leser was davon, der sich nun ein objektiveres Gesamtbild machen kann.

GESAMTFAZIT ZUM BUCH
Dass ich das Buch meiner Mit-Kursteilnehmerin umbedingt haben musste, kann wohl jeder verstehen. Dass ich ihr Buch aber auch wirklich hilfreich und sehr gut gelungen finde, konnte ich hoffentlich mit meiner Rezension etwas vermitteln. Denn es zwingt jeden, über das eigene Dasein nachzudenken - man muss dies aber auch aushalten können. Und dann kann das Buch wirklich helfen, das eigene Leben zu verändern. Denn die Sterbenden haben eine Botschaft an uns "Weiterlebende": Macht was aus eurem Leben, lasst Gelegenheiten nicht achtlos verstreichen, bis es vielleicht zu spät ist, wie bei uns. Denn ihr habt ja noch die Zeit, die wir leider nicht mehr haben. Und so sollte sich jeder die ehrliche Frage stellen: habe ich bisher genug aus meinem Leben gemacht? Habe ich überhaupt jemals richtig gelebt?
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