Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Mein persönliches Lieblingsalbum und Meisterwerk von Bob Dylan, 14. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Oh Mercy (Audio CD)
Oh Mercy erschien im September 1989 und signalisierte, was Bob Dylan angeht, so was wie eine Rückkehr zu alter Form. So jedenfalls war es damals in den Kritiken zu dieser Platte zu lesen.
Tatsache ist, dass Bob Dylan auf den zwei vorhergehenden Alben kaum eigenes Material veröffentlicht hatte. Vielmehr gab er auf „Down In The Groove“ von 1988 einen Überblick über verschiedene musikalische Einflüsse während seiner Jugend, die von Folk über Rhythm’n Blues bis hin zu obskuren Popsongs reichten.
1986 hatte er mit Knocked Out Loaded ein eher uneinheitliches Album herausgebracht, welches Material aus verschiedenen Sessions enthielt. Mit Brownsville Girl ist allerdings ein wirklich hochkarätiger Song hierauf zu finden.
Wie man in seiner 2004 erschienenen Autobiographie Chronicles nachlesen kann, glaubte Dylan, Mitte der 8oer Jahren seine Inspiration verloren zu haben und damit auch die Beziehung zu seinen älteren Songs. Anscheinend steckte er so tief in einer künstlerischen Krise, dass er sogar ans Aufhören dachte, weil er nicht mehr wusste, wie er seine Lieder singen musste.
Über seine Tourneen mit Tom Petty & The Heartbreakers in 1986 und 1987 schreibt er, dass Petty damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere und er selber auf dem Tiefpunkt seines Schaffens angelangt war.
Irgendwie merkwürdig, denn die Konzerte aus jener Zeit erzählen eine ganz andere Geschichte. Und auch Tom Petty will nichts von einer künstlerischen Krise Dylans’ in jener Zeit bemerkt haben.
Erst 1988, dem Beginn der sogenannten Never Ending Tour, begann ein vollkommen neuer Abschnitt in der Karriere Bob Dylans’, nämlich seine Bestimmung als Performing Artist, der Musik in erster Linie live spielt und Jahr für Jahr die Kontinente bereist, um vor Publikum aufzutreten. Dieser Prozess hält bis heute an und verändert sich fortlaufend.
Als ich im Juni 1988 die ersten Mitschnitte der damaligen USA Tour hörte, war ich mehr als überrascht über den reduzierten Sound (nur 2 Gitarren, Bass und Drums) und die Vehemenz, mit der Dylan seine Lieder sang und interpretierte. Während er bei den elektrischen Nummern wie Gates of Eden oder Masters Of War geradezu Gift und Galle spuckte und diese sehr rockig und mit ganz viel Drive interpretierte, sang er bei den akustischen Lieder eher zart und sehr betont. An neuem Material präsentierte er ausschließlich Fremdkompositionen, darunter auch einige wunderschöne Traditionals wie The Banks Of Ponchartrain, Barbara Allen oder On The Trail Of The Buffalo. Hier war mal wieder ein völlig neuer Dylan zu hören, mit einer neuen Stimme, neuer Band und dazu mit vielen Liedern in der Setliste, die man entweder noch nie oder seit den 60er Jahren nicht mehr von ihm gehört hatte.
Im März 1989 sickerte dann durch, dass Dylan in New Orleans gemeinsam mit Daniel Lanois als Produzent ein neues Album aufnehmen würde.
Lanois hatte natürlich einen Namen, und ich brachte ihn damals vor allem
mit dem Album Yellow Moon von den Neville Brothers in Verbindung, welches ich oft hörte und auch heute noch sehr mag.
Tatsächlich hatte Dylan Lanois im September 1988 bei einem Konzert in New Orleans getroffen und ihm sein neues Material vorgespielt.
In Chronicles schreibt Dylan, Bono von U2 hätte ihm eines Abends während eines Besuchs bei ihm zu Hause Daniel Lanois als Produzenten für seine neu geschriebenen Lieder empfohlen.
Dylan sagt, er sei auch dabei gewesen, als Aron Neville With God On Our Side im Studio sang und sei von dessen Interpretation sehr beeindruckt gewesen.
Tatsache ist, dass er dieses sehr selten live gesungene Lied unmittelbar danach für eine kurze Zeit in sein Konzertprogramm aufnahm und sogar eine neue Strophe über den Vietnam Krieg, die möglicherweise von den Nevilles stammt, einfügte.
Jedenfalls nahm Dylan Oh Mercy dann im März/ April 1989 in New Orleans auf.
Die Aufnahmen gestalteten sich in der Folge als recht problematisch, vielleicht auch, weil Lanois Erwartungen hatte, die Dylan nicht erfüllen konnte. Hiermit meine ich die Art des Songmaterials, wobei Dylan sich durchaus darüber im Klaren war, dass er für das neue Album weder ein neues My Back Pages noch ein Lied im Stile eines Visions Of Johanna geschrieben hatte.
Dafür hatte er Lieder wie Political World mit seinen 20 oder mehr Versen, eigentlich ohne Melodie, dafür aber wie ein Rap und mit diesem treibenden Rhythmus, den Dylan und die Musiker im Studio erst
mühsam finden mussten. Auch waren Songs, wie Series Of Dreams und Dignity äußerst vielversprechend, jedoch wollte Dylan sie dann gegen den Willen von Lanois nicht auf dem Album drauf haben.
Zwei Lieder, Man In The Long Black Coat und Shooting Star, habe er erst in New Orleans für Oh Mercy geschrieben, besonders ersteres ist ganz offensichtlich durch die Landschaft und die Atmosphäre dort inspiriert.
Melancholie macht sich auf der ganzen Platte breit, Wörter wie gesprochen, mit tiefer Stimme, sparsam instrumentiert und viele Gedanken, die einem nur Mitten in der Nacht in den Kopf kommen, bestimmen den Klang dieser Platte. Selbstzweifel und Reflexionen über das Leben, in dem mit den Jahren vieles zerbricht: broken words, never meant to be spoken, everything is broken!
Aber es sind die Verletzbarkeit in Most Of The Time oder What Good Am I? und die vielen Fragen, die Dylan sich, einem anderen Menschen oder auch seinen Zuhörern im tieftraurigen What Was It You Wanted? stellt, die dieses Album so perfekt und tröstlich machen.
Ich kenne keine andere Platte, die mir in meinem Leben schon soviel Trost
und gleichzeitig Zuversicht gegeben hat, wie diese. Dylan bringt hier ein so hohes Maß an vielschichtigen Gefühlen und Gedanken zum Ausdruck, bei denen ich denke, ja das fühle ich auch, habe es mir aber nie bewusst gemacht und da ist jemand, dessen Stimme ich so gerne höre, der das für mich nun an die Oberfläche bringt.
Und so ist dieses Album, welches damals in New Orleans mit so viel Mühe und Energie eingespielt wurde, eine einzige Flut und ein Strom an Gedanken und Fragen, und da singt jemand, der sich und seine Kunst immer wieder in Frage stellt und der hier einen einsamen, künstlerischen Höhepunkt ohne falsches Pathos und Superstargehabe erreicht.
Und auf keinem anderen Album von Bob Dylan ist seine Stimme berührender, als auf diesem. Diese Stimme gibt dem Zuhörer, selbst wenn dieser der einsamste Mensch auf der ganzen Welt ist, das Gefühl und die Gewissheit, nicht alleine zu sein.
There’s a whole lot of people in trouble tonight, a whole lot of people suffering tonight from the disease of conceit hört man den Sänger in Disease Of Conceit flüstern und am Ende dieses Songs höre ich ein Zittern in seiner Stimme, als er darüber singt , dass sie dich begraben werden vom Kopf bis zu den Füßen, weil du dir Illusionen von falscher Größe gemacht hast und immer noch an der Krankheit der Eitelkeit leidest, die soweit gehen kann, dass du deine eigene Sterblichkeit verdrängst (give you the idea that you’re too good to die).
Dylan singt hier über zentrale Themen, die zum Menschsein gehören, nämlich das Verdrängen der eigenen Sterblichkeit und die Selbstüberschätzung und den Narzissmus vieler Menschen, der zu nichts Gutem führt.
Oh Mercy endet schließlich mit Shooting Star, in dem Dylan sagt, es sei vielleicht zu spät, die Dinge zu sagen, die er einem anderen Menschen oder sich selber hätte sagen müssen, und so beobachtet er, wie die Sternschnuppe langsam vor seinen Augen verschwindet.
Und wieder ist es mitten in der Nacht, als seine Mundharmonika zu den Klängen eines Dobros verhallt und die Stille auf den Morgen wartet, denn: tomorrow will be another day!
Ich persönlich habe dieses großartige Album öfter gehört, als jedes andere
und so ist Oh Mercy seit mehr als 23 Jahren mein persönliches Lieblingsalbum von Bob Dylan oder von wem auch immer und wird es immer bleiben.

Frank Lindemann
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