Kundenrezension

69 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man muss kein Fanboy sein, um hier Großes zu erkennen, 27. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Chinese Democracy (Audio CD)
Die Erwartungshaltung einer Platte, die einen der größten Namen im Rock n`' Roll, die mit 15 Jahren wahrscheinlich längste Produktionszeit und mit geschätzten 13 Millionen Dollar auch die höchsten Produktionskosten aller Zeiten als Superlative-Trio vereint, kann kaum erfüllt werden. Keine Platte benötigt wirklich 15 Jahre, keine Produktion derart viel Geld, und keine 14 Songs gefühlte 150 Musiker. Am besten ist es, die Zahlen 13, 14 und 15 zu vergessen und unbefangen an die Platte heranzugehen.

Ist man jedoch in der Lage, das ganze Brimborium um die Platte, um Axl als einen der letzten verbliebenen, vermeintlich echten und sicher verschrobenen Rockstars zumindest teilweise zu vergessen, also ein bisschen weniger Boulevard und mehr Musik zu sehen, bleibt eine Platte über, die mehr Substanz und Qualität aufweist, als die meisten erwartet haben ' und auch mehr, als viele andere nun offenbar bereit sind, zuzugeben.

'Chinese Democracy' ist komplex und vielschichtig und teilweise beinahe überladen, und bedarf daher sicher mehr als einen Durchgang um zu verstehen und zu mögen. Dieser Effekt stellt sich dann jedoch recht schnell ein, und plötzlich erscheint das, was erst ungewöhnlich klingt, und gar nicht wie "welcome to the jungle, Baby", als vertraut und als logische Weiterentwicklung, wenn man sich den Weg von den fast punkigen Anfängen über den aggressive-rotzigen "Appetite for Destruction" bis hin zu den schon oft komplexen, getragenen Arrangements auf "Use your Illusion" I+II anschaut. Danach konnte und durfte es kein "Back to the roots" geben, weil die Band mit diesem Sound nie wieder so gut geschweige denn authentisch geworden wäre, wie sie in den 80ern war.

Die Platte beginnt wie ihre Geschichte: Mysteriös und wabernd und ungreifbar. Erst nach einer Minute lässt ein erster Gitarrenriff aufhorchen, und es gibt ein gutes Stück kontemporärer, stimmiger und teilweise lauter Rockmusik. Mit "Shackler's Revenge" gibt es danach erst ungewohnte Moderne, mit Synthies und mehr, aber dann einen herrlichen Chorus, der im Ohr bleibt, straight rockt und Axl klingen lässt wie er sollte.

Irgendwann später steht dann fest: Wem als Guns n' Roses Fan bei Tracks wie "Better", oder "Sorry" nicht die Synapsen daherknallen, der hat nie gelebt oder gefühlt. Insbesondere letzterer Track lässt tief blicken, als gäbe es Pink Floyd in Hard Rock, trotzdem rockend, und mit einem Finale, welches vielleicht doch einfach 15 Jahre benötigt hat, während ersterer wohl der stärkste Song der Platte ist, mit fantastischer Struktur, Melancholie und dennoch ein wenig Wut. "Street of Dreams" könnte von Use your Illusion stammen, mit Piano, vielen Gefühlen und trotzdem harten Gitarren ' gleiches gilt für "there was a time". Beide Songs sind balladesk, aber vergessen nicht den Stein, von dem sie stammen.

Weitere Highlights folgen: "Catcher in the Rye" in bester Tradition der komplexen Songs der Vergangenheit, und "Scraped", trotz einiger Synthies sehr bodenständig und im Chorus und von der Struktur her fast bodenständig und hart rockend. Auch das gibt's hier. Das gleiche gilt für "Riad n' the Bedouins", mit gutem Drive und einem Chorus, den man nach dem ersten Hören nicht mehr los wird. Zum Ende wird die Platte nochmal komplexer, ruhiger, findet mit "Prostitute" einen fast zu zerbrechlichen Abschluss 'bleibt jedoch vorzüglich mitreissend.

Diversen Gitarriste bringen Farbe ins Spiel (die Credits pro Song und der Platte sind unüberschaubar und minutiös), auch wenn vielleicht hier und da ein homogenener Stil wie von Slash fehlt, dem Mitglied, das neben Izzy Stradlin sicher vermisst werden darf. Überhaupt sei hier auch nochmal die Tiefe erwähnt, die viele Songs offenbaren. Reich instrumentiert, oft komplex arrangiert, merkt man an vielen Stellen, wieviel Zeit in diese Platte geflossen ist. Ein Wunder überhaupt, dass nach dieser langen Schaffensphase und mannigfaltigen Besetzung überhaupt ein derart homogenes Werk herausgekommen ist. Eine Meisterleistung von Axl und der Technik bzw. der Mannschaft dahinter. Und über allem schwebt sowieso Axl, nicht nur stimmlich mit diesem immer noch einzigartigen Organ, sondern auch als Vater der meisten Ideen, und Schreiber aller (irgendwie typischen) Lyrics.

Sicher ist die Platte nicht perfekt. Hier und da merkt man schon, dass etwas zu lange an einigen Songs und Passagen gefeilt wurde, und sicher hätten wir alle gern gesehen, wenn z.B. die erste Strophe von 'If the world' statt vom Drumloop von einem echten Schlagzeug begleitet würde. Insgesamt jedoch tut das der Qualität in der Gesamtheit jedoch kaum einen Abbruch.

All die schlechten Reviews, mit frechen 1 von 10 möglichen Punkten, in denen hüftlahme Mittvierziger oft in Magazinen, die auch sonst nicht viel mit Rock oder Roll am Hut haben, nach einem neuen "Paradise City" suchen, sind zu bemitleiden. Dass der Band und quasi auch den Zuhörern 15 Jahre Rock- und Zeitgeschichte und ja: sicher auch ein gewisses Altern aberkannt werden ist absurd, aber einfach. Da tropft teilweise die Voreingenommenheit aus jeder Zeile, und oft wird zur Musik kaum was gesagt, nur zum komischen Axl, zu 15 Jahren, und 13 Millionen Dollar. Boulevard galore, und höchst unsachlich, mit Oberflächlichkeiten, und zu oft keinem relevanten Wort zur Musik. Als hätten alle im Schatten gelauert, um sich durch ein Herunterputzen richtig zu profilieren.

"Chinese Democracy" ist nicht so wichtig, wie die Paukenschläge der Band Ende der 80er und Anfang der 90er waren. Dennoch ist dies ein Album, über das man mit gutem Grund auch in 10 Jahren noch sprechen wird ' wenn man es zulässt. Nicht nur bei Dr. Pepper.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.03.2014 01:04:19 GMT+01:00
frijid meint:
Wow, was für eine Rezension. Du triffst es echt.

Als ich die ersten Demos hörte, hörte ich scheinbar nicht richtig hin. Zwei meiner besten Freund waren beinharte Guns N' Roses Fans und sind es heute immer noch. Damals konnte ich manche Songs schon gar nicht mehr hören, weil sie mir zum Halse raus hingen. Aber stark fand ich die Band immer, obwohl ich kein Fanboy war. Geprägt durch die Meinung meiner Kumpels und durch meine damals noch etwas stärker vorhandenen musikalischen Scheuklappen, dachte ich, mich würde die Musik der neuen Guns N' Roses nicht interessieren. Man hörte von zu vielen Besetzungswechseln, vom komisch gewordenen Axl und von zu viel Perfektion. Erst ein paar Jahre nach Erscheinen des Albums, lieh ich es mir von meinem Kumpel aus. Nach und nach gefielen mir paar Songs, bis ich feststellte, dass ich dieses Album liebe.

Und ja, "Better" ist auch mein Lieblingssong. Und wenn ich lese "..als gäbe es Pink Floyd in Hard Rock...", dann wird mir richtig warm ums Herz. Schöne Rezi!

An alle, die das Album schlecht reden:

Überlegt euch mal, ob es wirklich schlecht ist, oder ob euer Musikgeschmack vielleicht etwas einseitig ist...
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