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Rezension bezieht sich auf: Das Ende der Normalität: Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war (Gebundene Ausgabe)
Wahrscheinlich kennt jeder einen älteren Mitbürger der Gattung "Früüüüüher ... früüüüher war alles besser ... das hätte es früüüüüher aber nicht gegeben". Ich behaupte ganz unbescheiden, dass meine Uroma die Weltmeisterin in der Disziplin "unreflektierte, oberflächliche Verklärung der Vergangenheit und Verteufelung der Gegenwart" ist.Und von Gabor Steinharts Essay "Das Ende der Normalität - Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war", wäre sie wahrscheinlich mehr als begeistert. Dabei ist der Autor ja keinesfalls im gleichen Alter wie meine Uroma - mit Jahrgang 1962 ist er im selben Jahr geboren wie mein Vater. Ist das nicht etwas zu jung für soviel Nostalgie? Das - so scheint es jedenfalls - tut der Autor nämlich hier. Er trauert dem Wegfallen gesellschaftlicher Zwänge hinterher. Kirche, Familie und Arbeitsplatz auf Lebenszeit sind seine "Normalität", deren Werte in der Gegenwart immer mehr verschwinden und seiner Meinung nach nicht durch ein neues "Normal" ersetzt werden. Denn es gibt zu viele Möglichkeiten, Freiheiten, zu machen was man will. "Der Mensch wird [...] zum Opfer seiner Verhältnisse" (S. 20), denn "wenn keine Macht in uns wirkt, sind wir leer" (S. 173), so Steingart. Manche seiner Erkenntnisse sind interessant und richtig. Die Probleme im Rentensystem kann zum Beispiel keiner abstreiten. Andere sind absurd und nichtssagend. Was für eine Bedeutung hat beispielsweise die Erkenntnis, dass sich heute nicht mehr nur Prostituierte und Knackis, sondern jeder, wie er will, tätowieren lassen kann? Ich meine, meine Uroma wäre in diesem Punkt mal wieder ganz auf Steingarts Seite, aber hat es eine objektive Relevanz? Auch tiefergehende Analysen bleibt der Autor schuldig. Er begnügt sich stattdessen mit ständigen Wiederholungen zum Thema Familie, Kirche, Arbeit, leeren Phrasen und einer sehr umschreibenden, bildhaften, aber leider nie direkten, klaren Sprache. Das gute alte "Tacheles reden" ist wohl keine der Eigenschaften, die einem Nachruf oder gar Aufnahme in eine neue "Normalität" (oder besser "Nicht-Normalität") würdig sind. Überraschend ist dann sein Schluss: "Das Ende der Normalität bedeutet eben nicht das Ende der Geschichte, sondern den Beginn einer neuen Zeit. Es wird keine leichte Zeit. Aber es könnte unsere glücklichste werden." - Aha, glücklich, ganz meine Meinung, aber woraus genau ziehe ich diese Erkenntnis nach einem rund 170 Seiten langen "Nachruf" auf "Früüüüher", der mehr als nur einmal einen sehr trauernden Unterton hatte? So wird jeder, der hier eine weitgehende Gesellschaftsanalyse sucht, enttäuscht. Der Autor bleibt oberflächlich und pauschal. In einer weniger geschwungenen Sprache hätte mir auch meine Uroma diese Erkenntnisse vermittelt (und hat das auch schon unzählige Male getan). Hätte ich zudem die Zeit, die ich zum Lesen dieses dünnen Büchleins gebraucht habe, bei Kaffee und Kuchen bei ihr verbracht, hätte ich auch noch Steingarts Bemängelung des Wegfalls familiärer Bindungen entgegengewirkt. Das wäre doch eine eindeutigere Aussage gewesen, als alles, was ich in diesem Buch finden konnte. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen Kommentare
Von 1 Kunden verfolgt
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag:
14.01.2012 11:36:32 GMT+01:00
U. Pesch meint:
Ich glaube, es geht um eine ganz andere Botschaft, die er damit vermittelt... Es geht m.E. NICHT um eine Gesellschaftsanalyse - dann sollte man vielleicht eher Max Frisch, Karl Polanyi und Konsorten lesen. Meines Erachtens konnte er Ihnen seine Botschaft nicht näherbringen. Schade, denn ich finde das auszgezeichnet. Aber es ist "wie im richtigen Leben": Zwischen all dem was wir täglich an Impulsen aufnehmen bleibt zum Schluss nur wenig Wesentliches übrig. Und was wesentlich ist, entscheidet jeder für sich. Es ist m.E. ein gewisser "Blick von Oben" erforderlich - für mich ist seine Botschaft deutlich, klar und eher eindringlich, doch, wie schon in meiner Kurzbetrachtung beschrieben, seine "Kunst" besteht meines Erachtens darin, dem Leser die freie Wahl der Konsequenzen zu lassen. Ich finde es angenehm und habe es schon mehrere Male verschenkt (mit ähnlicher bzw. gleicher Resonanz).
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