Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Transzendierung der Welt: Die Realität radikaler Liebe, Treue und Hoffnung. Rezension zu K. Rahner "Gotteserfahrung heute", 13. November 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Gotteserfahrung heute (Taschenbuch)
Anno 1969 hielt Karl Rahner seinen Vortrag „Gotteserfahrung heute“ in den Theologischen Akademien Köln, Essen, Koblenz, Frankfurt am Main und Berlin. (siehe: Schriften zur Theologie, Band IX, Einsiedeln 1970, S. 161 – 176) Stilistisch überarbeitet liegt der Vortragstext jetzt als Monographie vor – allerdings ohne das Schlusswort. (Siehe Audio-CD: Karl Rahner, “Gotteserfahrung heute“ Mitschrift unten in dieser Rezension.)

Der zeitlos gültige Vortrag „Gotteserfahrung heute“ des großen Theologen und erfahrenen Seelsorgers Karl Rahner ist keine leichte Kost. Doch es lohnt auch für den theologischen Laien, sich intensiv damit zu befassen. Rahner Sprache ist von großer Eindringlichkeit. Man spürt förmlich, wie ihn die Sorge um unser aller Seelenheil antreibt.

Was wir "Gott" nennen, sei nicht der Gegenstand einer philosophischen Erkenntnis oder empirischen Erfahrung. Ausgehend von einem immer schon falschen „christlichen Weltbild“ glaubt man heute behaupten zu können, dass Gott nicht existiere oder zumindest dass er für die Welt belanglos sei. „Der Mensch von früher ordnete Gott eben als ein Stück in seine Welt ein, auch wenn er dabei sagte, das dieses „Stück“ das Höchste und Vollkommenste sei, von dem alles andere abhänge, auch wenn die Philosophen und Theologen in ihren theoretischen Aussage ihn darüber belehrten, dass es eigentlich dem „Wesen“ Gottes und der Gotteserfahrung widerspreche, so von Gott zu denken. Gott wurde doch als Teil der Welt erlebt in der Welt, nicht als ihr Grund und Abgrund, der von vorneherein nicht mit ihr selbst verrechnet werden darf. Gott war eine partikuläre Wirklichkeit in der Welt (so sehr gesagt wurde, dass er alles verursacht habe), eine Teilursache, die mit den übrigen Wirklichkeiten in einer dauernden gegenseitigen Wechselwirkung steht. So war Gott „verständlich“ und die Lehre von ihm leicht von jedermann praktikabel: der „liebe“ Gott, der als Weltregent für Moral sorgt und auch wieder gnädig sein kann. Was man im allerletzten meinte, stimmte zwar schon, aber dass, wie man es meinte, nicht stimmt, das merken wir erst heute deutlich. Denn jetzt ist auch dem Durchschnittsmenschen (der früher auch noch im hohen Denker bei der Praxis steckte) deutlich geworden, dass es diesen Gott nicht gibt, dass sein Himmel nicht über den Wolken ist, dass Wunder nicht zur Behebung von Störungen der Weltmaschinerie dienen, sondern dass er, mit der Welt absolut inkommensurabel, nicht als Einzelposten in unsere Kalkulation eingesetzt werden kann. … Es ist aber in Wahrheit so: Die rationale Durchschauung der Welt, die diese entgöttlicht, ist durchaus legitim, vorausgesetzt nur, dass diese Entgöttlichung der Welt langsam immer mehr erfahren wird als getragen von jener Transzendierung von Welt und endlichem Subjekt, in der die wahre Gotteserfahrung geschieht.“

Die Grundvoraussetzung jedes Gottesglaubens, darauf weist Rahner eindringlich hin, ist eine anonyme, natürliche und gnadenhafte Transzendenzerfahrung: "Die Gotteserfahrung ist ... die letzte Tiefe und Radikalität j e d e r geistig -personalen Erfahrung (der Liebe, Treue, Hoffnung und so fort) und ist somit gerade die ursprünglich eine Ganzheit der Erfahrung, in der die geistige Person sich selbst hat und sich selbst überantwortet ist." Während diese Gotteserfahrung früher aus dem Stauen über die Welt erwuchs, sei sie heute eine existentielle Erfahrung: Im Angesicht des Todes, im Bewusstsein von quälender Einsamkeit, von unerbittlicher Verantwortung in Freiheit oder von unbedingter Liebe, erfahre der Mensch das unsagbare Geheimnis, das in jedem Leben waltet. Er erfährt so, wie sein Geist ins Unendliche vorzudringen vermag, ohne dadurch jedoch seine Existenz fassen zu können und erkennt, dass wir immerzu umfasst sind vom unsagbaren absoluten Geheimnis, welchen immerzu in jedem Leben waltet. Aus seiner letztlich immer gnadenhaften existentiellen Gotteserfahrung erwachse dem Christen – in der Nachfolge Jesu Christi –. die Kraft für seinen nüchternen, demütigen, selbstlosen Dienst in dieser Welt.

Man dürfe „diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Sie habe auch eine wirkliche, letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird. Der Christ lebe aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus. Leben sei nicht nur theoretische Spekulation und bloßes Gefühl. Die immer tiefere Verwurzelung in der Gotteserfahrung solle den modernen Menschen die Kraft zur vernünftigen Tat, zum demütigen nüchtern selbstlosen Dienst an der Gemeinschaft geben.

Was jedoch Karl Rahner zum Zeitpunkt des Vortrags nur ahnen konnte: Ein neues säkulares Weltbild verführt seit Mitte der 1970-er Jahre die Menschen (auch innerhalb der Kirche) zu einer nicht für mögliche gehalten militanten Gottesfeindlichkeit. Existentielle Menschheitsfragen betrachtet man heute, im Rausch eines naiven fortschrittsgläubigen Machbarkeitswahns als obsolet. Jedes Denken, das nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden falsifizierbar ist, sei Fundamentalismus und gefährliche Illusion. Glaube sei keine Wahrheit sondern ein gefährlicher Wahn. Sehr wahrscheinlich seien die Welt, wie sie geworden ist, und das Schicksal der Menschheit nur Resultate des blinden Zufalls.

Stets hat Karl Rahner eindringlich gewarnt: Der Mensch verliert sein Selbst, wenn man ihm nur noch Pragmatismus und rein innerweltlich nützliches Denken zugesteht. Im Sinne von Rahner muss immerzu verkündet werden, dass der Mensch nur Mensch ist, wenn er aus seiner Gotteserfahrung heraus unserem Herrn Jesus Christus tapfer und demütig nachfolgt. Wer in Versuchung gerät, das Heil der Kirche in der Säkularisierung zu suchen, lasse sich nochmals durch Karl Rahners mahnendes Schlusswort aufrütteln (Leider nur auf der Audio-CD: Karl Rahner, Gotteserfahrung heute):

„Lassen Sie mich ein letztes Wort sagen: Heute in der katholischen Kirche, überhaupt und auch in Deutschland, wird unendlich viel über Kirchenreform, über Demokratie in der Kirche, über Bischöfe und Päpste, über ihr richtiges oder falsches Verhältnis gestritten und geredet, wird viel gesagt über die Weltaufgabe, die das Christentum hat, über seine Verantwortung für die profane Welt usw. Alle diese Dinge sind wichtig. Sie können nicht übergangen werden. Aber ich meine, all das würde doch zu einem entarteten Betrieb, bei allem Reformwillen zum entarteten Betrieb einer religiösen Institutionalität entarten, die gräulich ist, auch dann wenn sie großen Lärm und Geschrei macht und stolz ist auf ihren Reformwillen, wenn dieser ganze Betrieb nicht letztlich immer wieder erkennen würde, dass er dazu da ist, den Menschen anzuleiten, diese ursprüngliche Gotteserfahrung in sich zu entdecken, vorzulassen, für sich selbst in einem gewissen Sinne wenigstens zu objektivieren, diese ursprüngliche Gotteserfahrung anzunehmen, in Freiheit sie wachsen zu lassen, sich immer radikaler zu ihr zu bekennen, in dieser Gotteserfahrung frei zu werden, von sich, von den versklavenden Mächten der Welt, des Lebens, der innerweltlichen Utopien, des Todes usw.

Religion, Reden darüber, institutionalisiertes Christentum, so wichtig alle diese Dinge sind, sind nur dann nicht noch einmal ein neuer Götze, den der Mensch sich entrichtet, wenn all das immer wieder den Menschen hinführt zu einer letzten ursprünglichen, unausweichlichen, immer gegebenen, wenn auch noch so anonymen Erfahrung, dass wir immer und überall schon umgeben, getragen, angenommen, befreit und erlöst sind von jenem unsagbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Und ich meine, in all den heutigen kirchlichen, theologischen, dogmatischen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die heute die Kirche durchtoben, sollten wir das nicht vergessen: Wir sind im Grunde genommen eben doch nur Christen, wenn wir uns vertrauend, hoffend, arglos, ohne letzte Angst, ohne letztes Misstrauen hinein fallen lassen in das Geheimnis unserer Existenz, das größer ist wie wir, das uns umgibt, das sich uns immer zusagt als Gnade, als Heil, als ewiges Leben.

Man darf, wie ich schon betont habe, diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Ich habe schon gesagt: Sie hat auch wirklich eine letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird, wenn wir alle, wenn ich einmal das so sagen darf, die Mystiker dieser Gotteserfahrung sind, die wir alle haben und die wir meistens übersehen, an der wir uns, weil wir sie nicht manipulieren können, nur zu gern vorbeischleichen, zu den Dingen des Alltags, die übersichtlicher, manipulierbarer, verständlicher sind. Aber wir leben dieses klare Dasein des Alltags letztlich eben doch umfasst und von jener Tiefe des Geheimnisses her, das wir Gott nennen. Wir leben aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus, und die Geschichte unseres Lebens sollte nicht in einer theoretischen Spekulation und nicht bloß in einem Gefühl, sondern in der Tat des Lebens, die Geschichte des Wachstums und der Annahme und der immer tieferen Verwurzelung dieser Gotteserfahrung sein.“
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

4.5 von 5 Sternen (2 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (1)
4 Sterne:
 (1)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Top-Rezensenten Rang: 15.118