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Kundenrezension

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein brasilianisch-historisches Nationalepos, 4. Dezember 2011
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Rezension bezieht sich auf: Brasilien, Brasilien: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Auf dem Buchrücken dieser wunderbaren Suhrkampausgabe steht: In dem großartigen Roman verschmelzen Wirkliches, Phantastisches und Allegorisches, Geheimnisvolles und Episches, Romantisches und Erotisches in der herausragenden literarischen Technik eines unerschöpflichen Erzählens auf eindringliche und neuartige Weise.
Das sagt alles und nichts. Aber erst einmal sagt es alles. Die Rundschau attestiert: ein brasilianisches Konzert, polyphon.

Dass Brasilien exotisch ist, bunt und farbenfroh, rhythmisch und kontrastreich, evoziert im europäischen Menschen eine neugierige Faszination. Ribeiro tut aber alles andere, als dieses Klischee in ein künstlich stereotyp-ästhetisches Panorama auszuwälzen. Ribeiro ist ein knochenharter Realist, der den Leser zu einer Reise durch die Geschichte Brasiliens einlädt und hier werden sicher einige bereits verstört sein in Anbetracht dieser feierlichen Buchbesprechungen.
Ribeiro reist zurück bis ins 17. Jahrhundert und früher, zur portugiesischen Kolonialzeit mit der die moderne Geschichte Brasilien beginnt. Da erzählt er vom Kannibalen Caboclo Capiroba, der die Holländer auffrisst, welche kurzweilig kolonisierten, aber Mitte des 17. Jahrhunderts vertrieben wurden. Ribeiro erzählt vom Beginn des Kaiserreiches 1822, erzählt die Geschichte des fetten Barons, Sklavenhalters und Vergewaltigers Perilo Ambrósio, jener heroische Unabhängigkeitskämpfer, der nichts als Macht und Bosheit personifiziert, und seiner Sklaven und Untergebenen, von dessen Tode und vom weiteren Verlauf der Geschichte durch die Erben und Angehörigen, der Aufstände im Land, der Krieg mit Paraguay, die nur scheinbare Befreiung der Sklaven vom Joch der Unterdrücker, die republikanischen Bewegungen, Verschiebungen der Macht, aber die konstant verharrenden Verhältnisse im Volke, wohl DIE Allegorie des Traumas der Armen: Canudos, "wo ein Mann regierte, den sie den Conselheiro, den 'Ratgeber' nannten" - ein historisches Ereignis im Geiste des brasilianisches Volkes, dem Mario Vargas Llosa einen ganzen Roman widmete: "Der Krieg am Ende der Welt." Enden tut dieses epochale Werk in den 80ern des 20. Jahrhunderts. Die Erben, insbesondere der Dynastie Amletos, einst Verwalter auf dem Gut des Barons, erinnern sich zurück. Was ist tatsächlich geschehen? Gab es die Bruderschaft des Mehlhauses wirklich? Was ist Mythos? Was ist Wahrheit? Was ist Geschichte...?
Ribeiro belebt die brasilianische Zeittafel durch die Schilderungen an den neuralgischen Punkten der nationalen Historie anhand der handelnden und sprechenden Personen. Der Roman ist wesentlich ein von der direkten Rede, vom Dialog der Handelnden lebender. Die Menschen sollen die Stimmen Brasiliens sein. Konzentrisch dreht sich der Verlauf um Bahia/Itaparica und wird dann immer weiter bis nach Sao Paulo und Rio de Janeiro. Die Personenkette ist verbunden durch gewollte und eher zufällige verwandtschaftliche oder meist durch die Ketten der Sklaverei hergestellte Beziehungen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Bäume aufzuzeichnen, aber die Dynastie Amleto geht bspw. über fünf Generationen! Durch die zahlreichen Personen Baron Perilo, Amleto, Dandao, Budiao, die Pintos, Maria de Fé, Leléu, Merinha, Odulfo, Teolina, Vevé, General Patrício Macário, Vieira, die Popós, Henriqueta usw. erklingt ein polyphones Konzert eines Volkes, das nach der Wahrheit sucht, nach sich und Selbstbestimmung. Und doch traurige Ernüchterung beim Sohn des Generals: "Unser Ziel ist ist nicht die Gleichheit, die Freiheit, der Stolz, die Würde, das gute Zusammenleben. Das ist ein Kampf, der sich durch die Jahrhunderte hinziehen wird, denn die Feinde sind sehr stark. Die Peitsche schlägt weiter, die Armut wächst, nichts hat sich geändert. Die Freilassung der Sklaven hat nicht die Sklaverei abgeschafft, sondern neue Sklaven geschaffen. Die Republik hat die Unterdrückung nicht abgeschafft, sondern neue Unterdrücker geschaffen. Das Volk weiß nichts von sich, es hat kein Bewusstsein..." Aloísio Pones lobt das brasilianische Volk hymnisch am Ende des Romans, eine Liebe, eine Hoffnung: "Und mehr noch! Ein Land mit einem fröhlichen, festefreudigen Volk, das Dank seiner berühmten Drehs alle Schwierigkeiten vor sich her dribbelt, ein glückliches Land!"
Was bleibt noch zu sagen? Ribeiro spielt mit dem Magischen, da sind die Seelen, die auf ihre Rückkehr warten, der Mythos von Oxalá, Vater der Menschen, die Zauberei der Hexenmeisterin...

Das Epos ist neben seiner Vielstimmigkeit komplex, stilistisch innovativ durch die Sprünge in der Zeitgeschichte, eine Suche nach diesem brasilianischen Bewusstsein, einem Geist der Farben und der Melodie, der Lebensfreude und der Sehnsucht nach Freiheit. Das Werk Ribeiros ist - und das kann man hier mit Fug und Recht behaupten - nobelpreisverdächtig!
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