Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Klemperers Brahms-Vermächtnis, 10. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Brahms: Sinfonien, Ouvertüren, Alt-Rhapsodie, Haydn-Variationen & Ein Deutsches Requiem (Audio CD)
Diese Zusammenstellung vereinigt zwei ältere EMI-Boxen und bietet daher eine tollen Einblick in Otto Klemperers Brahms-Sicht. Da ich beide Boxen bereits rezensiert habe, möchte ich die beiden Kritiken hier nun zusammenführen.

I. Die Sinfonien, Ouvertüren, Alt-Rhapsodie und Haydn-Variationen

"Gipfeltreffen zweier Titanen", 5/5 Sterne

Johannes Brahms und Otto Klemperer, zwei Meister der Musik, hier der später gedrungene, in sich gekehrte, ruhige Hamburger, dort der unbeirrbare, knurrige Hüne aus Breslau. Beide finden in dieser Edition zusammen. Und es ist faszinierend zu sehen, was aus der Musik des einen unter der Leitung des anderen wird.

Die EMI-Box vereinigt Klemperers Brahms-Interpretationen mit dem Philharmonia Orchestra aus den Jahren von 1954 bis 1962:

CD 1
- Variationen über ein Thema von Haydn, Op. 56a (1954, mono)
- 1. Sinfonie (1956/57)

CD 2
- 2. Sinfonie (1956)
- 3. Sinfonie (1956/57)

CD 3
- Akademische Festouvertüre (1957)
- Tragische Ouvertüre (1957)
- Alt-Rhapsodie mit Christa Ludwig (1962)
- 4. Sinfonie (1956/57)

Der gemeinsame Nenner

Setzt man Klemperer in direkten Vergleich zu zwei anderen großen Zeitgenossen, läßt sich seine Sicht auf Brahms am ehestens erfassen. Einerseits haben wir Wilhelm Furtwängler, den großen Romantiker, dessen Brahms-Interpretationen vom dramatischen Moment geprägt sind und dessen Spektrum in den Kriegsjahren von durchdringendster Ekstase bis zu einer hochklassischen Sicht am Ende seines Lebens reicht. Anderseits ist da der Humanist auf dem Podium, Bruno Walter. Sein Brahms zeichnet sich durch eine zutiefst menschliche, bejahende und versöhnliche Sicht aus.

Und wir haben Otto Klemperer, dessen Brahms-Interpretationen meiner Meinung nach ebenso individuell und in ihrer Form unerreicht sind, wie die der zuvor genannten Meister. Hier hören wir einen Brahms von titanischer Größe, äußerst stringent gespielt und mit einem dunklen Glanz, den man nur bei Klemperer finden kann. Er betont das Große, das Absolute des norddeutschen Meisters.

Einzelbetrachtungen

Dieser dunkle, titanische Ansatz geht bei den Sinfonien voll und ganz auf. Hier gelingt Klemperer ein homogener, gewaltiger und überzeugender Brahms. Fast scheint es so, als fänden sich hier der geniale Komponist und sein kongenialer Interpret, als erfasse der Dirigent das Absolute der Musik vollkommen uneingeschränkt. Gelungen sind ebenso die beiden Ouvertüren. Wer sich für einen faszinierenden Kontrast zur Akademischen interessiert, dem sei Walters Einspielung nahegelegt. Die Alt-Rhapsodie ist genausogut getroffen. Einzig die Haydn-Variationen verfehlen meinen Geschmack. Wo bei der Akademischen Festouvertüre Klemperers Monumentalität verfängt, hier tut sie es nicht. Ich kenne sechs der sieben Furtwängler-Aufnahmen und bin der Meinung, daß Klemperer die Farbigkeit und das Heitere des Stücks leider nicht findet.

Zu loben ist daneben noch das Spiel des Philharmonia Orchestras, das sich geradezu in Klemperers Bann zu befinden scheint und darunter zu regelrechten Höhenflügen anhebt. Die EMI hat technisch einiges geleistet, und abgesehen von der einen Monoaufnahme sind diese mehrheitlich aus den Fünfzigern stammenden Einspielungen klanglich außerordentlich gut gelungen.

Klemperer, der Besondere

Diese dunkle Sicht kann an manchen Stellen extrem werden, aber Klemperers Interpretationen gehören zu den großen Brahms-Visionen. Sicherlich sind sie damit nicht jedermanns Sache, aber musikalisch doch eindeutig hervorragend – für sich wie im Vergleich mit anderen.

Manchem Hörer mag die schiere Größe überwältigen, die monumentale Geradlinigkeit überfordern, vielleicht zu Beginn an der einen oder anderen Stelle spröde oder trocken anmuten. Aber wer im absoluten Komponisten Brahms einen Titanen sucht, der wird ihn hier finden!

II. Ein Deutsches Requiem (CD 4)

"Klemperers DEUTSCHES Requiem", 4/5 Sterne

Bekannt ist, daß Johannes Brahms schrieb, daß er "[...] gern auch das >Deutsch< fortließe und einfach den >Menschen<" setzen würde. Das ist insofern relevant, als daß dieser Umstand viel darüber aussagt, wie der Komponist sein Requiem selbst sah. Und ich finde, darin liegt das Problem dieser Interpretation.

Otto Klemperer und sein Philharmonia Orchestra harmonieren auch in dieser Brahms-Aufnahme aus dem Jahr 1961 ganz hervorragend. Die Solisten, Elisabeth Schwarzkopf (Sopran) und Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton) überzeugen ebenso wie der Philharmonia Chorus, der aber etwas breit singt.

Doch nun zum bereits erwähnten Problem, und ich möchte betonen, daß dies keineswegs eine unwürdige Interpretation des Werks ist. Ich möchte lediglich auf die Besonderheit der Einspielung hinweisen. Meiner 4-Sterne-Wertung ist zu entnehmen, wie ich dazu stehe.

Klemperer, der Meister des Tragisch-Monumentalen trifft hier auf Brahms' "Deutsches Requiem", soweit so gut. Aber bei seiner Interpretation hat das Gewaltige, das Dunkle für meinen Geschmack zuviel Gewicht, so daß es mir gelegentlich zu sehr in eine trocken-spröde Monumentalität abdriftet. Und daraus ergibt sich das Dilemma, daß genau die Seite, die Brahms bei der Namensgebung ansprach, das Menschliche, ein wenig zu kurz kommt. Denn sein Requiem ist mitnichten die toternste und tieftraurige Totenmesse, die man hinter dem Titel vermutet. Es ist weniger das direkte Beklagen des Verlustes, als ein Sinnieren, ein Meditieren über den Tod. Es ist damit weniger eine anlaßbezogene Klage als vielmehr eine innere, zutiefst persönliche Beschäftigung mit der Sterblichkeit.

Ginge es darum, den Namen eines Werkes möglichst treffend umzusetzen, wäre Klemperers Interpretation eine Punktlandung. Der deutschen Seele wird schließlich immer ein gewisser Tiefgang, eine Form der Gedanken- und Gemütsschwere nachgesagt, die der Dirigent hier eindeutig trifft. Allerdings kommt mir in dieser dunklen, trockenen Sicht das Menschliche etwas zu kurz. Für mich besteht ein Unterschied zwischen der Klage über den Verlust eines Menschen und der inneren Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Künstlerisch kann man an dieser Aufnahme kaum etwas bemängeln, aber interpretatorisch treffen Christian Thielemanns menschlich-farbenfreudigere Sicht und Wilhelm Furtwänglers dramatischere Requiem-Interpretationen meinen persönlichen Geschmack mehr.

Ich will keinesfalls ein "Deutsches Requiem", das einen heiteren Grundton hat, aber meines Erachtens besteht bei diesem Werk mit seinem spezifisch dunklen Grundton die Gefahr, daß man den Bogen überspannt, wenn man diesen Grundton zusätzlich noch "abdunkelt". Nun überspannt Klemperers Aufnahme den Bogen nicht, aber sie spannt ihn doch aufs Äußerste. Und sollte bei einer Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit letztlich nicht auch das versöhnliche Element das entscheidende sein? Diese Seite des "Deutschen Requiems" kommt mir leider zu kurz.

Als Einstieg würde ich diese Aufnahme nicht empfehlen, da man als Hörer Gefahr läuft, keinen Gefallen am Werk zu finden. Als weitere, vertiefende Interpretation eignet sich Klemperers großartige wie gewaltig dunkle Sicht aber allemal.
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