Kundenrezension

14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Axt für das gefrorene Meer in uns, 26. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Auf der Schwelle zum Glück: Die Lebensgeschichte des Franz Kafka (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Zumindest eine Sache an diesem Buch ist wirklich etwas Besonderes: Die meisten Quellen zeichnen Kafka sehr düster als einen fast schon depressiven, sehr introvertierten Künstler, der niemals lachte. Das mag auch zu einem Großteil stimmen, aber Alois Prinz beschreibt fast direkt zu Beginn seiner Biographie einen herzhaft lachenden Kafka, dem dieser Lachanfall vor den Augen seines Chefs zwar hinterher hochgradig peinlich ist, aber keinerlei Konsequenzen hatte. Das ist nur eine Kleinigkeit, wenige Abschnitte lang, aber es hat mich durch das ganze Buch begleitet und die Sicht auf Franz Kafka ein wenig verändert.
Ausführlich zu erzählen beginnt Prinz im Jahre 1910, Kafkas Kindheit wird nicht weiter erwähnt, aber das darf beim Titel diese Werks auch nicht verwundern, denn erst 1910 (0der 1909, wenn man ab Kafkas erster kleinen Veröffentlichung rechnen will) stand Kafka "auf der Schwelle zum Glück". Dennoch ist man von der ersten Seite an gebannt, man fühlt sich förmlich neben Kafka hergehend, man sieht Prag vor sich, die Leute, die Umgebung, das ist großartig. Man ist leicht verstört von diesem Künstler, der es einfach nicht schafft sein Leben zu leben, der sich einen eigene Rhythmus erfinden muss, um seine Leidenschaft, oder vielmehr das, was für ihn Leben ist, nämlich das Schreiben, ausleben zu können. Das Schreiben, ja, nicht der eventuelle Erfolg, der folgen könnte, sollte etwas gedruckt werden, nein, der Vorgang des Schreibens. Aber es klappt einfach zu selten. In der elterlichen Wohnung ist es zu laut, seine Arbeit in einer Unfall-Versicherungsanstalt lähmt ihn. Und wenn dann doch mal was hervorsprießt, dann wird es schnell wieder liegen gelassen, um was Anderes zu beginnen. Somit dürfte es für niemanden ein Wunder darstellen, dass seine drei Romane Fragmente geblieben sind. Alois Prinz schafft es hervorragend uns diesen Druck verstehen zu lassen, diese innere Zerrissenheit von Kafka, immer etwas Außergewöhnliches fabrizieren zu müssen, auch in Liebesdingen wird das deutlich. Er macht zwar seiner Angebeteten zwanglos einen Heiratsantrag, er möchte so gerne Ehemann und Vater sein, warnt aber kurz darauf ihren Vater ihm bloß nicht seine Tochter zur Frau zu geben, da er sie nur unglücklich machen würde mit seinen ganzen Macken. Man mag das als übertrieben oder gar feige ansehen, aber für ihn war es ein Schutz, für sich selbst und für andere. Erst in seinen letzten Monaten scheint er in dieser Hinsicht das richtige zu tun und auch tun zu wollen. Auch diese Zeit, in der er seine schwere Krankheit als eine logische Schlussfolgerung auf sein Leben ansieht, erst resigniert, dann aber doch noch kämpfen will, wird sehr ausführlich und eindringlich wiedergegeben. Der Mensch Kafka ist meines Wissens nach selten so gut beschrieben worden. Aber auch sein Werk, und vor allem auch die Verbindung von Werk und Leben, wird nicht aussen vorgelassen. Immer wieder gibt Alois Prinz kurze Inhaltsangaben von Kafkas bekannstesten Schriften wieder. Z. B. der einzelne Mensch, der gegen eine unsichtbare Macht ankämpft, sich bemüht, aber gar nicht weiss gegen wen oder was er genau er zu kämpfen hat, der die Spielregeln nicht kennt usw. Diese Inhaltsangaben, nun mit Kafkas Leben oder zumindest mit Situationen aus seinem Leben im Hinterkopf, dürften wohl bei dem einen oder anderen für etwas Klarheit sorgen, sollte noch keine vorhanden gewesen sein. Darauf gebe ich jetzt aber keine Versicherung, denn zum einen gibt es wohl DIE Interpretation von Kafkas Werken nicht. Bis heute gibt es unzählige Deutungsansätze, politischer, psychologischer, religiöser u.a. Natur. Und zum zweiten habe ich bereits vor dieser Biographie alles von und vieles über Kafka gelesen bzw. gesehen und glaubte eigentlich schon immer ihn verstanden zu haben. Aber ich denke schon, dass es speziell für Kafka-Neulinge (auch jüngere!) einen guten Einstieg darstellt. Alle anderen dürften sich mit neuer Freude auf Kafka stürzen.
So schlängelt man sich dann also durch dieses sehr gut lesbare, da fast durchweg flüssig und leicht geschriebene Buch von dem Autor, dessen Ulrike Meinhof Biographie mich auch schon überzeugt hat. Einen ganz kleinen Minuspunkt gibt es aber, weil manche Abschnitte etwas gewollt und erzwungen klingen. So zum Beispiel im, ich glaube, 3. Kapitel, als Franz Kafka geschäftlich auf Reisen ist. Er kommt als einziger Gast in einem Hotel unter und findet morgens beim Verlassen seines Zimmers zwei Brautsträuße vor, die wohl von einer Hochzeitsgesellschaft vergessen wurden. Im Kontext klingt das, als wollte der Autor diese kleine Begebenheit unbedingt noch unterbringen. Wer allerdings auch eine solch kleine Kleinigkeit noch wissen will, der dürfte sich freuen. Auch wenn sowas Ausnahme bleibt, es wird sich schon zum Großteil auf die schwerwiegenderen Fakten konzentriert. Naja, es wird am Ende auch fast wieder gut gemacht, als erklärt wird, was mit sämtlichen Personen aus Kafkas Leben nach dessen Tod geschah. Sehr interessant.
Viel Spass jedenfalls mit dem Buch, ich werde mich jetzt wieder mal auf Kafkas Werke stürzen.
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