Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Reise ins Innere, 16. August 2012
Rezension bezieht sich auf: High Performance - Snowflakes Are Dancing (Debusssy Electronical Performed By Tomita 1973-1974) (Audio CD)
Wenn ich "Snowflakes are dancing" höre, befällt mich eine Art Lähmung. Ich empfinde eine seltsame Berührtheit durch diese elektronischen Töne und Klänge, hänge ihnen nach, lausche in mich hinein. Es klingt fast, als wäre die Musik von einem anderen Stern zu uns gekommen. Dabei stammen die Kompositionen von Claude Debussy.

Der Japaner Tomita hat diese Stücke vom Ende des 19. Jahrhunderts Mitte der 1970-er Jahre neu interpretiert. Seine Versionen, die mit Synthesizern von MOOG und ARP großteils erstellt wurden, haben für mich Sonderstatus in der Musikwelt.

Wenn ich die Musik in Gesellschaft abspiele, kommt es manchmal vor, dass Menschen sie sofort ablehnen. Vehement. Und ich muss tatsächlich gestehen, dass sie für manche Ohren anscheinend einfach nur nervend klingt. Das kommt wohl von dem Klang der 70-er Jahre Synthesizer, die mit Sinus,- Sägezahn-, Rechteck-Wellen und Ringmodulation arbeiten. Kein Vergleich zu den heutigen komplexen Synthesizern, mit denen man tausende von Klang Kombinationen herstellen kann. Aber durch diese Beschränkung auf die Ur-Synthies klingt die Musik sehr rein und solistisch. Nur ab und zu überdecken Klangflächen mit viel Hall das pulsierende monophone Geschehen und bringen diesen Weltraumklang zu Gehör. Wobei wir alle wissen, dass im Weltall keine Musik hörbar ist, weil es dort keine Materie (also keine Luft) gibt, die sie übertragen könnte.

Diese Musik klingt nach Ferne, nach Fremde, nach Unerhörtem. Und sie ist an vielen Stellen so intim, so zärtlich, so ergreifend, lullt mich ein wie ein Wiegenlied, so dass ich mich nicht entziehen kann. In "The girl with the flaxen hair" erzeugt der Japaner solch ästhetische Klänge, wie man sie kaum zuvor gekannt hat. Sie kommen weich daher, fließen wie Rinnsale über trockenen Boden und werden aufgesaugt vom Untergrund, der letztlich mein Unterbewusstsein ist. Was Debussy an Noten auf dem Klavier spielte, spielt Tomita auf diesen elektronischen Klangerzeugern, die meist nur wenig Obertöne haben - im Gegensatz zum Klavier. Aber durch Stapelung von Klängen verschiedenster Empfindung erzeugt Tomita einen Sog, der die Kompositionen Debussy's in eine neue Gefühls-Welt transponiert.

Bestimmte Klänge ähneln menschlichen Stimmen ("Gollywoggs Calkwalk"), mit denen Tomita quasi musikalische Dialoge entwickelt. Genial. Emerson Lake and Palmer lassen grüßen, die ihre Inspirationen teils, wie Tomita auf einer anderen CD, von Mussorgski holten. - Das Schöne an Tomita: er übertreibt nie. Er schafft es, aus den Möglichkeiten der Frequenz- und Amplitudenmodulation immer das stimmige für jede Komposition auszuwählen. Es klingt immer fremdartig - aber nicht maniriert.

Welch eine ausordentliche Musik tropft, pfeift und wabert da aus den Boxen heraus. Sinnlicher kann Musik meines Erachtens kaum sein. Dabei gelten Moogs und ARPs gemeinhin als kalte, technische Oszillatoren. Doch in meinen Ohren nehmen sie Klangformen an, die mich aus dem Alltag und allem, was ich sonst an Musik kenne, entführen. Wohin? Keine Ahnung. Aber es ist beeindruckend und schön.

Alle Musikliebhaber, die sich im Dunkeln mit Kopfhörern bewaffnet mal einer neuen Erfahrung stellen möchten, mögen sich diese Scheibe anhören. Ich liebe diese Musik schon seit 40 Jahren. Übersinnlich gut.

jojim
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.08.2012 20:18:09 GMT+02:00
H. Henke meint:
Sie haben hier eine solch herzlich, liebevolle Rezension verfasst, dass sie selbst ein Lob verdient. Es ist doch schön, dass es nicht nur die beschriebene ablehnende Vehemenz beim Hören Ungewohntens gibt, sondern auch die Bereitschaft, die eigens empfangene Regung anderen so von grundauf mitzuteilen. Mir hat dies als Anstachelung jedenfalls gereicht: Ich kaufe das Album jetzt auf Ihre Empfehlung.

Zwar kann mein Dasein noch nicht einmal auf einen Zeitraum zurückblicken, der allein Sie mit diesem Werk verbindet, doch zu zwei Bekanntschaften mit Tomita hat es schon gereicht. Daher möchte ich allen anderen dies vielleicht Lesenden die herrliche Bildsprache in den bisher mir bekannten "Pictures at an Exhibition" und "Planets" empfehlen. Musik wurde selten mit so viel eigener Bearbeitung in eine dem Original gegenüber ganz andere Art umgesetzt, ohne diesem die Erkennbarkeit und Nähe zu nehmen. Eine Verneigung dem Ursprung ohne jeden Anflug von ideenlosem Nachspielen. Diese Art, gute Dinge aufzufassen und vorbehaltlos qualitativ hochwertig in eine eigene Lesart zu antizipieren und weiterzuentwickeln, ist klassisch japanisch.

Wäre uns hierzulande etwas mehr davon gegeben, es wäre nicht weit her mit der so sinnbefreiten Coverproduktions-Mentalität und Einheitsbreikocherei, die vor Streichen wie Tomitas unrühmlich baden gehen.

Ihnen viel Spaß weiterhin beim Hören!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.01.2013 13:53:11 GMT+01:00
Danke für die Replik. Ich hoffe, ich habe nicht übertrieben.

Jojim
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Ort: Zürich

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