Kundenrezension

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begeisterndes Standardwerk, 3. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Kulturgeschichte der österreichischen Küche (Gebundene Ausgabe)
Die vorliegende Kulturgeschichte der österreichischen Küche ist ein Standardwerk. Was gelegentlich schon angedacht und versucht wurde, nämliche eine Synopse der kulinarisch-gastronomischen Kulturgeschichte Österreichs zu verfassen, liegt hiermit in einer gelungenen, zeitgemäßen Form vor. Österreich, das sich kulinarisch auch ein Jahrhundert nach dem Untergang der Habsburger Monarchie für eine - naturgemäß zu Unrecht unterschätzte und zu wenig beachtete - Großmacht hält, hat Dr. Peter Peter, der aus Deutschland stammt, aber biografische Österreich-Bezüge hat, viel zu verdanken. Er publiziert hier eine Kulturgeschichte der österreichischen Küche, die in ihrer profunden, dabei jedoch liebevollen und ironisch-witzigen Darstellung der historischen Entwicklung und Bezüge, einzigartig ist und viele jahrzehntelang gepflegte Klischees und Halb- oder Viertelwahrheiten korrigiert. Die zeitliche Spannweite seiner Darstellung ist kaum größer zu denken, sie beginnt mit der Ernährung des Eismanns Ötzi und endet mit allerjüngsten Entwicklungen in der österreichischen Gastronomie. Peter durchreist in den einzelnen Kapiteln die kulinarisch-gastronomische Vor- und Frühzeit Österreichs, Renaissance, Barock etc. über die Zwischenkriegszeit bis hin zum Jahr 2013 und durchmischt diese Darstellungen mit Kapiteln über die Küchen der einzelnen Bundesländer, deren kulinarische und Produktbesonderheiten er kenntnisreich schildert, und die wichtigsten gastronomischen Institutionen Österreichs nämlich Kaffeehaus, Würstelstand, Heuriger, Kellergasse, Buschenschank, und Beisl. En passant schildert Peter auch die Entstehung der Weinsorten und Bierprodukte, die heute als typisch österreichisch gelten und wirft auch einen Blick auf die Geschichte einiger wichtiger Mehlspeisen (z.B. Linzer Torte, Sacher Torte oder Dobos-Torte) und Süßwaren wie die Mozart-Kugel oder die Manner-Schnitten. Das Österreichische der österreichischen Küche wurde lange Zeit ausschließlich an Wien festgemacht, das als politisches und kulturelles Zentrum bestimmend war. Die von Wien weitabliegenden Gegenden haben jedoch teilweise gänzlich andere, unhöfische Traditionen gepflegt bzw. werden diese in den letzten Jahren wieder entdeckt. Dieses Buch trägt also sehr stark zu einer nicht nur zeitlich, sondern auch einer räumlich-geografisch differenzierten Betrachtung der österreichischen Küche bei und erst in dieser Differenzierung ist die Vielfalt dieses zentraleuropäischen Bereichs zu würdigen.
Gewürzt werden die einzelnen Kapitel nicht nur mit Rezepten aus den relevanten Kochbüchern der jeweiligen Zeit - der Autor beweist hier seine außerordentliche Sach- und Literaturkompetenz und ersetzt so manche Geschichte des Kochbuchs - sondern auch mit einem großartigen Bildmaterial, in dem mitunter köstlich mit Österreich-Klischees gespielt wird - die junge Romy Schneider mit Gretelfrisur, prächtigem Kreuz am Halsketterl und Gugelhupf in der Hand stimmt diesbezüglich gleich auf der ersten Seite ein.
Im Anhang finden sich ein kulinarisches Glossar und ein sehr hilfreiches Literaturverzeichnis. Das Glossar wird vor allem nicht-österreichischen Lesern helfen, denn wie man spätesten seit Karl Kraus` Bonmot weiß, unterscheiden sich Österreich und Deutschland ja vor allem durch die gemeinsame Sprache.
Ich wünsche diesem Buch und den darin enthaltenen Gedanken eine weite Verbreitung.
Anhang: Damit diese Rezension nicht wie die reinste Apotheose klingt, möchte ich etwas haarspalterisch zwei Kleinigkeiten noch erwähnen, die eventuell Verbesserungspotenzial in sich tragen könnten. Peter Peter reklamiert, die Tante Jolesch hätte das geheime Rezept für ihre berühmten Krautfleckerl mit ins Grab genommen - tatsächlich jedoch hat sie am Sterbebett gestanden, was die Großartigkeit ihrer Fleckerl ausgemacht hat: Weil ich nie genug gemacht hab ...". Gewiss, diese Anweisung zur bewussten Verknappung erscheint vielen Österreichern nach wie vor in erster Linie als eine puritanische Unsinnigkeit und nicht als ernährungspsychologisch-hedonistische Weisheit, aber die Tante Jolesch hats seinerzeit schon gewusst. Die zweite Kleinigkeit betrifft Politisches. Aus Höflichkeit heraus denke ich verfährt der Autor mit Österreichs Defiziten in der Verarbeitung der nationalsozialistischen Zeit etwas milde. Meiner Meinung nach hätte man schon deutlicher werden können, wenn über den berühmt-berüchtigten Dr. Zweigelt, den Namensgeber der österreichischen Rotweinsorte, berichtet wird. Zweigelt war nicht nur Nazi-Mitläufer oder strammer Nationalsozialist", sondern er hat aktiv dafür gesorgt, dass einer seiner Schüler, ein Mitglied einer Widerstandsgruppe, der Gestapo ausliefert wurde. Dass aufgrund dieses Tatsachen in den 70er Jahren noch, übrigens unter Bundeskanzler Bruno Kreisky, es möglich war, eine Weinsorte nach dieser politisch und persönlich verwerflichen Figur zu benennen, ist ein Skandal und sollte heute zumindest dazu führen, dass der Zweigelt-Wein trotz aller wirtschaftlichen und Marketing-Bedenken unbenannt wird. Was aber passierte in Österreich? Im Jahr 2002 wurde der Dr. Zweigelt-Preis" (Porträt-Medaille) zur Prämierung österreichischer Weine eingeführt - ein unfassbarer Mangel an politischer Einsicht und Sensibilität!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

4.6 von 5 Sternen (5 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (4)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
EUR 21,95
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Wien

Top-Rezensenten Rang: 13.911