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3.0 von 5 Sternen Selbstbezichtigung eines Davongekommenen?, 9. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Fluchtpunkt: Roman (Bibliothek Suhrkamp) (Gebundene Ausgabe)
Dieser zuerst 1962 veröffentlichte Roman trägt starke autobiografische Züge. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht vollkommen deckungsgleich mit dem Autor Peter Weiss ist, lesen wir hier doch seinen persönlichen Rückblick auf die erste Zeit seines Exils in Schweden, die Jahre 1940 bis 1947.
Die prägende Erfahrung dieser Lebensphase scheint eine gewisse Nicht-Zugehörigkeit und Nutzlosigkeit zu sein. Nicht-zugehörig fühlt er sich zunächst im Gastland (erst 1946 erhält er die Staatsangehörigkeit zugesprochen) aber immer wieder auch gegenüber anderen Flüchtlingen aus Deutschland und den während des Krieges okkupierten Ländern. Im Vergleich zu ihnen hat er einerseits nichts verloren: keine Heimat (dazu hatte er schon zu viele Ortswechsel hinter sich) und keine Habe (seine jüdisch-stämmigen Eltern sind auch in Schweden unternehmerisch erfolgreich) andererseits setzt er aber auch nichts aufs Spiel, zeigt sich weder im künstlerischen noch im politischen Sinne sonderlich engagiert. Immer wieder fühlt sich nutzlos in seinen Beziehungen und in seiner künstlerischen Arbeit - besonders wenn er sich mit denen vergleicht, die sich für ihre Ideale oder andere Menschen einsetzen. Am ehesten scheint ihm die Flucht vor diesen Selbstzweifeln zu gelingen, als er sich als Waldarbeiter verdingt und sich in der abgelegenen Winterlandschaft mit riesigen Baumstämmen abmüht. Doch auch hier erweist er sich letztlich als Fremder: Welten trennen ihn von den einheimischen Holzfällern.
Nach dem Ende des Krieges stellt sich die Frage nach der Zugehörigkeit noch eindringlicher: "Zu wem gehörte ich jetzt, als Lebender, als Überlebender ... gehörte ich nicht eher zu den Mördern und Henkern. Hatte ich diese Welt nicht geduldet, hatte ich mich nicht abgewandt..."
Die vermeintlich wiedergewonnene Freiheit erweist sich zunächst als große Leere: "...mein Leben war nutzlos, ich hatte nicht einmal etwas verloren, weil ich nie etwas besessen hatte, ich konnte keine Wunden, keine Narben aufweisen, weil ich an keinem Kampf teilgenommen hatte, ich hatte nichts zu berichten, weil mir nichts widerfahren war..."
Das Buch endet allerdings nicht mit dieser bitteren Bilanz sondern mit der Schilderung eines Paris-Aufenthalts im Frühjahr 1947, bei dem der Erzähler offenbar wieder Boden unter die Füße bekommt und die hinter ihm liegende Lebensphase abschließen kann. Diesen Umschwung kurz vor Schluss kann ich als Leser zwar nicht so ganz nachvollziehen, aber wenn das Buch autobiografisch ist, wird's für ihn schon so gewesen sein...
Für mich als einen, der bis dato nichts von Peter Weiss und nur einiges über ihn gelesen hatte, war diese Lektüre jedenfalls eher eine angenehme Überraschung.
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