Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gemischte Gefühle! Hörner teilweise furchtbar, Tempi z.T. verhetzt, aber auch mit schönen Passagen und sehr guten Streichern, 20. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Wassermusik (Audio CD)
Am 20. Oktober 1714 wurde Georg I. zum König von England gekrönt. Georg war damals bereits 54 und Kurfürst von Niedersachsen, also ein Fremder in dem Land, das er regieren sollte. Er wurde nie wirklich heimisch und sah sich einer öffentlich geführten Dauerfehde mit dem Kronprinzen, dem Prince of Wales, ausgesetzt.

Der König versuchte die Gunst des Volkes mit festlichen Veranstaltungen zu gewinnen. So kam es am 17. Juli 1717 zur legendären "River Party", einer prunkvollen Bootsfahrt, bei der ein großes Orchester unter der Leitung von Händel im Beiboot die "Wassermusik" aufführte. Eine herrliche kleine Anekdote für die Konzerteinführung oder das Programmheft, nur stimmt sie nicht bzw. bedarf sie der Relativierung. Welche der drei Suiten nun tatsächlich damals gespielt wurden, ob ein kleines oder ein ziemlich großes Orchester im Beiboot saß, ob Händel genau an jenem 17. Juli dabei war oder bei einer anderen Festivität - all dies ist ungeklärt.

Fest steht, dass Händel während seiner Londoner Zeit 3 Suiten geschrieben hat, die unter der Bezeichnung "Wassermusik" Einklang in den musikalischen Kanon gefunden haben und zu den bekanntesten Stücken Händels zählen.

Zu sagen, es gäbe zahlreiche Aufnahmen, wäre beinahe untertrieben. Dennoch verlief meine Suche nach einer rundum zufrieden stellenden Aufnahme bisher reichlich frustrierend. Ältere Aufnahmen im traditionellen Orchestersound klingen in der Regel etwas süßlich und unbeweglich bzw. was die F-Dur- und teilweise auch D-Dur-Suite betrifft auch sehr bombastisch. Alte Musikensembles, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben erschienen mir die logischste Lösung. Grundsätzlich bin ich ein glühender Anhänger dieser Bewegung. Die Ensembles spielen in der Regel frischer, transparenter und temperamentvoller als die traditionellen Orchester. Allerdings muss ich hier differenzieren: speziell wenn alte Instrumente verwendet werden kommt es sehr darauf an, wie alt die Aufnahme ist. So hat es beispielsweise eine Zeit lang gedauert, bis alte Musik-Ensembles mit Naturhörnern richtig umzugehen wussten. Häufig klangen diese früher doch reichlich schräg. Hören Sie nur die älteren Aufnahmen von Bachs Brandenburgischen Konzerten des Concentus Musicus Wien unter Harnoncourt. Für mich kaum auszuhalten!

F-Dur-Suite:

Bei der F-Dur-Suite der Wassermusik scheint der Zusammenhang mit dem Alter der Aufnahme nicht zu gelten: es klingt auch bei neueren Aufnahmen oftmals schräg was die Hörner hier so veranstalten. Ob ich Hogwoods frühe Aufnahme aus den 80ern höre oder Gardiners viel gelobte oder die des CMW, immer habe ich das Problem mit den Hörnern. Mit Pinnocks Aufnahme habe ich mich noch nicht eingehend genug beschäftigt. Beim Reinhören auf Amazon schien sie mir noch recht vielversprechend.

Was die hier zu besprechende Aufnahme des Ensembles Les Musiciens du Louvre-Grenoble unter seinem Leiter und Mitgründer Marc Minkowski betrifft, so bleibt dieses Problem bestehen. Und wie! Abschnittsweise (Teile der Ouvertüre, auch im 3. Track (ohne Satzbeeichnung) ist das für mein Ohr nahezu unerträglich. Es ist einfach schade, weil diese F-Dur-Suite speziell auch wegen der Hornpassagen ein wunderschönes Stück ist. Aber so wie auf dieser Aufnahme kann ich mir das nicht anhören!
Was mich außerdem stört sind die teilweise doch sehr extremen Tempi. Ich gebe zu, der gesamten Wassermusik wurde damit kein Gefallen getan, dass sie speziell von traditionellen Orchestern oftmals sehr romantisch-verklärend und fast schon bleiern langsam gespielt wurde. Auch die bereits erwähnte Aufnahme von Hogwood ist doch arg brav geraten. Bei den traditionell spielenden Ensembles verkitscht sie durch diese Spielweise. Hogwood schützt der rauere Ensembleklang vor Kitsch, aber durch seine Tempowahl wird das dargebotene einfach langweilig.
Bei Minkowski wird vor allem die F-Dur-Suite phasenweise furchtbar durchgehetzt. Das hat Vorteile, weil man damit dem grässlichen Hornklang nicht zu lange ausgesetzt ist, aber das kann nicht die Lösung sein. Es ist ein wenig schade, denn in ruhigeren Passagen deutet sich an, zu welch hervorragendem Klang die Musiciens du Louvre fähig sind. Insbesondere die Streicher gefallen mir sehr gut.

G-Dur und D-Dur-Suite: Die schon von der Grundanlage her zartere G-Dur-Suite ist das Sahnestück der "Wassermusik" von Minkowski und seinem Ensemble. Hier wird feinfühlig musiziert, hier stimmt das Tempo. Sie nehmen sie auch phasenweise zügig, aber nicht so extrem wie bei der F-Dur-Suite, der Holzbläserklang ist durchaus gelungen, wobei ich mir das Holz fast ein wenig vordergründiger gewünscht hätte. Es geht manchmal an Stellen im Gesamtklang unter, wo ich das nicht unbedingt für adäquat halte.

Die D-Dur-Suite ist ordentlich gelungen. Auch hier machen mir die Hörner teilweise etwas zu schaffen, aber sie spielen hier eben meistens nicht so vordergründig, so dass es nicht so ins Gewicht fällt. Der Klang der Trompeten ist deutlich angenehmer, sie könnten eine Nuance weicher sein, aber das kann man sich gut anhören. Teilweise finde ich auch, dass noch etwas mehr Transparenz wünschenswert wäre. Im Menuett beispielsweise könnte man das Holz noch etwas klarer klingen lassen. Aber insgesamt ist diese Suite ziemlich ordentlich gelungen, wenn auch nicht herausragend.

Die hier ebenfalls eingespielte Orchester-Suite, die die Ouvertüre zu Händels Oper "Rodrigo" darstellt ist ähnlich wie die G-Dur-Suite der Wassermusik von der Grundanlage her etwas zartfühlender als die Wassermusik und gelingt ähnlich wie diese dem Orchester sehr gut.

Fazit: Licht und Schatten prägen meinen Eindruck dieser Händel-CD von Marc Minkowski und seinem Ensemble. Insgesamt kann ich nicht verhehlen, dass ich ein wenig enttäuscht bin. Profikritiker und Hobbyrezensenten waren allesamt voll des Lobes, so dass ich hoffte, endlich ein rundum gelungene Einspielung der "Wassermusik" zu finden. Kernstück der Wassermusik ist für mich die F-Dur-Suite, insbesondere die dynamischeren Abschnitte. Genau diese sind aber aus meiner Sicht überhaupt nicht gut gelungen. Die G-Dur-Suite und die Rodrigo-Ouvertüre sind sehr gut gelungen, die D-Dur-Suite ist solide.

Empfehlung: Hören Sie auf jeden Fall mal hier bei Amazon in die Beispieltracks rein. Ich denke, das Klangbild der hier dargebotenen Ausschnitte ist ziemlich repräsentativ. Wenn Sie der Bläsersound z.B. des 3. Tracks nicht stört oder er Ihnen gar gefällt, dann haben wir diesbezüglich einfach sehr verschiedene Vorstellung und ich würde mutmaßen, dass Ihnen dieses Aufnahme dann insgesamt gefällt. Wenn er Ihnen ähnlich sauer aufstößt wie mir, der ich leider im Vorfeld nicht reingehört hatte, dann ersparen Sie sich diese CD!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare


Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.06.2011 11:59:32 GMT+02:00
CPE Bach meint:
Bei den Hörnern handelt es sich um "Natur-Hörner" (ohne Ventile), die klingen so ... Ich kann verstehen, dass das nicht "jedermanns Sache" ist, aber so klang es auch schon Händel im Ohr ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.06.2011 12:20:59 GMT+02:00
Danke für Ihre Anmerkung.

Dass es Naturhörner sind und dass diese keine Ventile haben ist mir durchaus klar. Dass die zwingend immer so klingen kann ich von meiner Hörerfahrung in Konzerten und von anderen CDs nicht bestätigen. Sicher ist es auch nicht die einzige CD, auf der sie so klingen. Aber es ist mir hier zu extrem. Nehmen Sie meinethalben Hogwoods Aufnahme der gleichen Musik (an der man viel anderes kritisieren könnte), ebenfalls mit Naturhörnern - das klingt längst nicht so schräg.

"aber so klang es auch schon Händel im Ohr" - die Frage wäre, woher Sie das so genau wissen. Davon abgesehen hört Wahrnehmung nicht im Ohr auf, sondern fängt eigentlich erst so richtig im Gehirn an. Und das Gehirn vergleicht in starkem Maße, was es schon gehört hat. Dementsprechend können wir, die wir alle in einer völlig anderen Tonumgebung aufgewachsen sind (Fernsehen, Radio, Autolärm, Industrielärm, Rockmusik, Klassische Musik auf Tonträgern prinzipiell jederzeit verfügbar) nicht einmal ansatzweise beurteilen, was wie in Händels Ohr geklungen hat bzw. wie sein Gehirn es verarbeitet hat und was für einen bewussten Klangeindruck er hatte.

Respekt für die Leistung des Ensembles und auch dafür, dass sie das Risiko eingehen, etwas unkonventioneller zu klingen. Ich habe auch bewusst eine Aufnahme im Sinne der historischen Aufführungspraxis gekauft und wusste auch das alte Instrumente verwendet werden. Oft mag ich was die Ensembles daraus machen. Bei dieser Aufnahme bin ich bezüglich der Hörner einfach nicht zufrieden.

Veröffentlicht am 16.04.2012 14:01:27 GMT+02:00
thomasspass meint:
Ich hörte mir diese Einspielung mit Interesse an, nachdem ich die Rezensionen - insbesondere Ihre - gelesen habe. Etwas heftig ist das Tempo und der Hörnerklang schon. Mir sagt dann die Einspielung von Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet (ASIN: B001DETDGO) Georg Friedrich Händel: Water Music / Music for the Royal Fireworks doch mehr zu, wenn es nicht die von Jordi Savall sein soll.
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.3 von 5 Sternen (3 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (2)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Landau, Pfalz

Top-Rezensenten Rang: 702