Kundenrezension

24 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Philosophie meets Naturwissenschaft -- wieder mal, 25. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können (Taschenbuch)
Wenn Philosophen über Naturwissenschaft sprechen, ohne selbst Naturwissenschaftler zu sein, ist nicht selten der Teufel los. So oder ähnlich mag auch die Kurie gedacht haben als sie den Justizmord an Giordano Bruno beging. Nur: Bruno ist eine der allzu wenigen glorreichen Ausnahmen unter den Naturphilosophen. Dieser Mann hatte wirklich etwas zu sagen. Frau Knapp ist ein eher trauriges Beispiel für die Gegenseite, trotz ihres sympathischen und ansprechenden Stils. Auf den ersten zehn Seiten von Richard P. Fenymans QED erfährt der Leser ein mehrstelliges Vielfaches von dem, was Frau Knapp auf ihren ersten hundert Seiten vielleicht sagen will, und doch nicht schafft. Allein auf den Seiten 31 bis 38 findet sich eine ganze Kaskade wirklich horrenden Unsinns, und mein Text ist leider länglich, weil ich allen Lesern genau erläutern möchte, was mich stört:

S. 31: >>Wir gehen seither (gemeint ist seit Newton) davon aus, dass die Welt ein rationalisierbares, objektives Gefüge ist, das wir nach und nach mit all seinen Facetten wissenschaftlich erfassen können. << An Frau Knapp sind hier die Erkenntnisse der 60-er Jahre vorbeigeplätschert: Wir wissen, dass wir *niemals* die Natur mit all ihren Facetten wissenschaftlich erfassen können, denn die Natur ist ein Spiel, deren Spielregeln wir auf Grund der Spielzüge, die wir beobachten, erraten wollen. Wir wissen niemals, ob wir richtig liegen. Wir können uns allenfalls darüber freuen, wenn wir die nächsten Spielzüge zutreffend vorhersagen können. Aber nicht das Zutreffen von Vorhersagen führt zum Fortschritt, sondern der Fehler, die *falsche* Vorhersage. Frau Knapp baut hier -- wie leider auch an anderen Stellen des Textes -- einen Strohmann auf, um ihn mit dem philosophischen Zeigefinger umzustoßen. So etwas mag ich überhaupt nicht.

S. 33: >>(Wissenschaftler) müssen aus unendlich vielen Fragen und Experimenten diejenigen auswählen, die ihnen am wichtigsten erscheinen. Dabei orientieren sie sich an den Werten der Gesellschaft, in der sie leben.<< Das ist schlichtweg Humbug. Echte Wissenschaftler sind nur von ihrer Neugier abhängig. An welchen gesellschaftlichen Werten, bitte, hat sich Einstein bei der Abfassung seiner drei Arbeiten aus dem Jahre 1905 orientiert? Welche gesellschaftlichen Werte brachten Galilei dazu, die Fallgesetze zu untersuchen? Welche gesellschaftlichen Werte brachten Cantor dazu, über das Unendliche nachzudenken und die Mengenlehre zu entdecken? Im Gegenteil: Große Wissenschaftler sind in der Lage (ohne es bewusst zu wollen) gesellschaftliche Werte zu ändern. Dort, wo andere >>gesellschaftliche Werte<< den Ton angeben, wie zum Beispiel zur Zeit des jungen Chandrasekhar, kann ein Buch (in diesem Fall *Atombau und Spektrallinien* von Arnold Sommerfeld) neugierige Geister dazu bringen, die angestammte Welt zu verlassen und als Pionier neue Werte zu erschließen. In Frau Knapps Satz zeigt sich die Tendenz, sich etwas zurechtzubiegen, dass es in die Welt der eigenen Vorstellung hineinpasst. Dagegen hilft vielleicht nur: Schuster, bleib bei deinen Leisten und leiste was, indem Du erst einmal zu dem wirst, worüber Du Bescheid zu wissen vorgibst.

S. 34: >>(Wissenschaft) ist nur eine von vielen möglichen Arten, Informationen über die Wirklichkeit zu sammeln.<< Auch das ist falsch. Wir sammeln *Spielzüge* so wie sie sich für uns darstellen -- und dann geht das muntere und außerordentlich spannende Raten weiter. Lediglich die Glaube an die Existenz einer objektiven Wirklichkeit dürfte für die meisten Wissenschaftler zwingend sein, um nicht ihr Ratespiel in einer aufgeblähten *Sinnosigkeit* untergehen zu sehen.

S. 50: >>Die Schneise, die Relativitätstheorie und Quantenphysik ins Dickicht unserer Gedankenformen geschlagen haben, ist längst zu einem bequemen Pfad geworden, dem wir folgen können. Wir hätten diesen Pfad auch mithilfe der Philosophie finden können ...<< Nein, das hätten wir in keiner Weise. Die Philosophie geht in gewisser Form den vermeintlich *bequemen* Weg und vermeidet jegliche Mathematik. Nicht nur, dass Galilei feststellte, dass das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, nein, ohne Mathematik können wir überhaupt keine Zusammenhänge in der Schärfe erkennen, wie sie für eine naturwissenschaftliche Erkenntnis notwendig sind. Leider gibt es gegenüber der Mathematik bei Vielen (und leider auch vielen Philosophen nicht ausgenommen) Vorbehalte, die vermutlich aus schlechten Erfahrungen mit dem Physikunterricht in der Schule herrühren, wenn es vorwiegend darum ging, zu *rechnen*, etwas einzusetzen und nach irgendeiner Seite aufzulösen. Der Witz ist gerade, Gleichungen etwas anzusehen, ohne sie aufzulösen (wie es Paul Dirac mit so treffenden Worten formulierte). Es klingt hart, aber es *ist* leider so: Wer kein Spaß an Mathematik hat, *kann* auf dem Gebiet des Naturwissenschaftlichen nicht weit kommen. Es bedeutet eine sehr gravierende Einschränkung (Feynman), die allenfalls zu einem losen Nebeneinander von Phänomenen führt. In dem Buch von Knapp kommt keine einzige, nicht eine winzige einzige Gleichung vor. Und dennoch wagt es die Autorin zu behaupten, Newtonsche Physik säße in unseren Knochen.

Wenn es in *unseren Knochen* sitzt, warum dauert es so lange, bis ein Newton sich auf die *Schultern von Riesen* gestellt hat? Meinen wir denn etwa in der Antike hätte es keine derartigen Geister gegeben? Wer kann -- sofern er nicht sich ohnehin intensiv damit beschäftigt -- genau erklären, warum das erste Newtonsche Axiom, das eine fundamentale, keineswegs selbstverständliche Erkenntnis in verschärfter Weise ausdrückt, *kein* Spezialfall des zweiten ist, wie so oft behauptet wird? Wie oft wird immer noch der Unsinn der Vor-Newtonschen Zeit betrieben, die *kreisähnliche* Bewegung des Mondes mit Hilfe der angeblichen Gleichheit von Fliehkraft und zum Zentrum der Bahn gerichteter Gravitation zu erklären, ohne zu merken, dass dies der Newtonschen Lehre eklatant widerspricht, weil der Mond dann geradeaus fliegen müsste und sich auf Nimmerwiedersehen von uns entfernen würde? Es sitzt uns in der Tat SEHR in den Knochen, die Newtonsche Lehre. Warum tun sich dann junge, sehr interessierte Geister aus gutem Grund damit so schwer?

Allein das Gefasel >>vielleicht haben Sie keinerlei Ahnung von Newtonscher Physik und vielleicht noch nicht einmal Interesse, darüber mehr zu erfahren<< (ja, genau DAS wäre dann der wunde Punkt!); und dann der Höhepunkt: >> und eigentlich müssen sie das auch nicht...<< Ich bewundere alle Leser, die an dieser Stelle nicht das Buch in die Ecke pfeffern. Wie kann eine Autorin, die sich an eine solche Materie wagt (was ein großartiges Vorhaben ist) mit einem solchen Unfug ihre eigene Idee über den Haufen werfen? Als Richard Feynman gebeten wurde, etwas über moderne Physik zu erzählen, wählte er -- zur Verwunderung des Auditoriums -- die Entdeckung des Gravitationsgesetzes! So ein >>uralter Kram<<? Erst wenn man DAS begriffen hat, was DAS mit moderner Physik zu tun hat, sollte sich ein Philosoph an ein solches Werk wagen wie Frau Knapp.

S. 54: >>Albert Einstein konnte seine Relativitätstheorie nur deshalb entwickeln, weil er in der Lage war ... Raum und Zeit infrage zu stellen.<< Nein. Die eigentliche Größe besteht darin, die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit für einen Beobachter, an dessen Ort das erste Newtonsche Axiom erfüllt ist, als einen Spielzug der Natur zu begreifen. Und wenn es uns noch so gegen den Strich geht, dass es gleichgültig ist, wie schnell wir hinter einem Lichtblitz herlaufen; wir könnten ebenso gut stehenbleiben. Das von Frau Knapp Genannte ist die messerscharfe logische Folge aus dem Relativitätsprinzip (das schon lange bekannt war) und jenem Satz von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.

S. 56: Wenn Frau Knapp dann noch schreibt, dass die Relativitätstheorie zu den am besten >>bewiesenen<< Theorien der Naturwissenschaft zählt, muss ich allen Ernstes zu bedenken geben, ob das Buch die Zeit wert ist. Die mutige Frau wagt sich auf ein Gebiet, auf dem sie selbst nicht sattelfest ist. Es kann *überhaupt* keine bewiesenen Theorien geben, was jeder weiß, der *wirklich* begriffen hat, was ein forschender Wissenschaftler tut. Sollte Frau Knapp nicht Karl Popper kennen? Abgesehen von der Frage, ob Karl Popper überhaupt notwendig ist?

Vielleicht gehe ich hier zu hart mit Frau Knapp um, vielleicht empfinden einige Leser meine Anmerkungen sogar anmaßend und belehrend. Ich bin WEIT davon entfernt, SEHR weit. Aber vielleicht wird dadurch um so deutlicher: Mich ärgert dieses Buch. Und warum? Weil hier versucht wird, Wissen mit Luftwurzeln zu vermitteln. Solche Sätze wie >>es gibt eine Theorie kleinster Teilchen, die Quantenelektrodynamik, bei der sich aber Wissenschaftler nicht darüber im Klaren seien, was sie für unser Weltbild bedeute<< ist Geschwaller ohne Inhalt. Wir sind in der Lage mit dieser Theorie alle Vorgänge mit Licht und Materie so genau vorherzusagen wie mit keiner anderen Theorie. Ist das etwa nichts? Plötzlich wird klar, warum es so etwas wie partielle Reflexion gibt. Hier scheint der Name Programm zu sein. Frau Knapp hakt diesen Punkt einfach ab.

Wer Mathematik partout nicht mag und akzeptiert, dass er sich einschränkt, kann bei dem (leider schwer zu lesenden) Giordano Bruno sehen, wie eine wirklich gute Naturphilosophie (der Spätrenaissance) aussieht. Aber selbst so ein Phänomen wie Bruno greift (zum Beispiel bei seiner Optik im Aschermittwochsmahl) daneben. Auch wenn ich selbst bei weitem Bruno nicht in allen Punkten verstehe: Es macht Spass. Frau Knapp macht mir *keinen* Spaß.

Gruß Heiko Schröder

P.S.: Zwei Sterne. Einen für das rechte und einen für das linke Auge. Welches weint, kann ich nicht sagen. Sehr wahrscheinlich beide.
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.07.2013 19:53:39 GMT+02:00
Lilith meint:
Herr Schröder - nach dieser Rezension bekomme ich Lust darauf ein Buch von Ihnen zu lesen :-) Hat Spass gemacht, wie Sie ein paar Themen aus dem Buch zurecht gerückt haben - Dankeschön - liebe Grüsse Doris Heydeck

Veröffentlicht am 02.12.2013 19:30:16 GMT+01:00
ch44 meint:
(1)

Hallo Herr Schröder,

ich stimme Ihnen natürlich zu; möchte aber etwas auf einen ihrer Punke eingehen, der oft zu Missverständnissen führen kann.

Sie schreiben:
<<“S. 56: Wenn Frau Knapp dann noch schreibt, dass die Relativitätstheorie zu den am besten >>bewiesenen<< Theorien der Naturwissenschaft zählt, muss ich allen Ernstes zu bedenken geben, ob das Buch die Zeit wert ist. Die mutige Frau wagt sich auf ein Gebiet, auf dem sie selbst nicht sattelfest ist. Es kann *überhaupt* keine bewiesenen Theorien geben, was jeder weiß, der *wirklich* begriffen hat, was ein forschender Wissenschaftler tut. Sollte Frau Knapp nicht Karl Popper kennen? Abgesehen von der Frage, ob Karl Popper überhaupt notwendig ist?“>>

Sie haben natürlich recht, dass naturwissenschaftliche Theorien streng genommen nicht „bewiesen“ werden können, das ändert aber nichts daran, dass trotzdem oft (auch von Naturwissenschaftlern) von „Beweis“ die Rede ist. Es kommt nämlich darauf an, was man genau unter einem „Beweis“ versteht.

Ich erläutere meinen Standpunkt mal ausführlicher:
Absolute “Beweise” sind natürlich unmöglich. Nehme ich mal eine philosophisch strenge Beweisdefinition als Beispiel (aus “Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie” Band 1, S. 304.): Dort heißt es, der Beweis sei “eine Begründung für aufgestellte Behauptungen … Das dabei nach Rede und Gegenrede … verlaufende Verfahren … erlaubt erst dann von einem Beweis für die Behauptung zu sprechen, wenn der Behauptende sich nicht bloß gegen die eventuell mangelhafte Gegenrede ‘behauptet’, sondern sich gegen JEDEN MÖGLICHEN Einwand verteidigen kann, er also eine Gewinnstrategie für seine Behauptung hat.”

Nach dieser Beweisdefinition (ohne Zusatz-Annahmen) hat die gesamte Menschheit noch keinen Beweis hervorgebracht, noch nichtmal in der Mathematik. Aber die philosophisch mit Sicherheit sinnvolle abstrakte Definition eines Beweises hat ein grundsätzliches praktisches Dilemma. In einer abstrakten Definition –die als solche auch über Mehrdeutigkeit und Interpretation erhaben sein muss – dürfen keine Ausdrücke stehen, die der Interpretation bedürfen oder die im Einzelfall diskutabel sind. Aus diesem Grund MUSS ein wertendes Adjektiv der möglichen Einwände in der Definition fehlen. Das bedeutet aber in der Praxis, dass bereits ein nicht sinnvoller Einwand oder ein völlig unberechtigter Einwand einen Beweis aushebelt, denn ob ein Einwand sinnvoll ist – oder berechtigt – hängt natürlich vom Einzelfall und vom Standpunkt des Betrachters ab.
Akzeptieren wir also nur Beweise, die streng nach obiger Definition stichhaltig sind, so hat die gesamte Menschheit noch keinen erbracht. Irgendeiner ist ja sprichwörtlich immer dagegen und kann nach obiger Definition allein mit der Bemerkung „es könnte aber doch auch anders sein, Sie wissen doch auch nicht alles…“ den zu diskutierenden Beweis aushebeln. Das bedeutet wiederum, dass diese Beweisdefinition es absolut jedem Idioten ermöglicht, einen sinnvollen Argumentationsstrang null und nichtig zu machen – was in der Praxis für jeden denkenden Menschen extrem frustrierend sein muss.

Es ist auch eine ideale Ausrede für Denkfaule und Grundlage für jeglichen Aberglauben. Jeder Idiot kann überall wo es ihm passt (z.B. wo naturwissenschaftliche Erkenntnisse dem eigenen sich zusammengebalsteltem Wunsch-Weltbild kritisch gegenüberstehen) dieses Totschlag-Argument auspacken um die Naturwissenschaft so weit es geht schlechtzureden (“ist ja eh nichts bewiesen”, “es kann ja noch widerlegt werden”, usw.).

Mathematische Beweise sind erst möglich, wenn man als Zusatz-Annahme die Gültigkeit der der Mathematik zu Grunde liegenden Axiome voraussetzt; und demnach nur mathematische Einwände als sinnvoll erachtet. Die Behauptung muss sich demnach nur noch gegen Einwände im Rahmen der mathematischen Axiome verteidigen können. Macht man dies nicht, muss sich die Behauptung gegen JEDEN MÖGLICHEN Einwand verteidigen, auch wenn dieser mathematisch nicht sinnvoll ist. Also auch: „Das Distributivgesetz gilt hier nicht, weil mein Sofa rot ist!“ Und sowas kann man mathematisch nicht widerlegen... .
Ein Beweis per Logik: „Wenn A größer ist als B, und wenn B größer ist als C, dann ist auch A größer als C!“ Aber auch dieser Beweis gilt nur, wenn man eben die Richtigkeit der Annahmen akzeptiert. Kommt man mit einem Einwand wie „das ist bestimmt falsch/ eine Fälschung/ Lüge, dass A größer ist als B, das erkenne ich nicht an“, dann taugt auch dieser Beweis nichts mehr.

Man kann sich in diesem Punkt nun entweder darauf einigen, dass der Begriff des Beweises immer nach einer strengen philosophischen Definition zu verstehen ist. In diesem Fall ist in der Praxis nichts wirklich endgültig beweisbar. Man müsste dann überall von mehr oder weniger gut bestätigten Hypothesen sprechen, zur Unterscheidung von überprüften und unüberprüften Aussagen jedoch immer mit dieser Angabe. (Wichtig ist, dass dann, streng genommen, die Mathematik und Logik keinesfalls besser da steht als empirische Naturwissenschaft. Denn es ist pure Willkür, die Definition für die Mathematik bereitwillig zu ändern, um mathematische Beweise zu ermöglichen, sie aber unverändert streng zu fordern, wenn es um eine Disziplin wie die Naturwissenschaft geht.)

Oder man einigt sich darauf, dass man in der Praxis akzeptieren muss, dass die strenge Beweisdefinition entsprechend der jeweiligen Disziplin und ihrer Werkzeuge geändert oder ergänzt werden muss. In diesem Fall können alle für ihre jeweilige Disziplin von Beweisen und bewiesenen Aussagen sprechen, nur verstehen eben nicht alle dasselbe unter diesem Begriff.

Unabhängig, wofür sich jeder persönlich entscheiden möchte; und unabhängig davon wie sehr manch Kampfphilosoph auf seiner „einzig richtigen“ Beweisdefiniton verharren möchte; in der menschlichen Alltagspraxis wird der zweite Weg gegangen.
Und so gibt es in der Justiz (Aufklären von Verbrechen...) und Naturwissenschaft ebenso „Beweise“ wie in der Mathematik, nur sind die Beweise eben nicht gleichwertig.
In der Mathematik kann mit einem vorgegebenen Satz an Axiomen etwas logisch vollständig und eindeutig bewiesen werden. In der Naturwissenschaft gibt es induktive Begründungen; die in ihrer „Beweisqualität“ nicht an einen deduktiven Beweis in der Mathematik herankommen, aber trotzdem oft als „Beweis“ bzw. „bewiesen“ bezeichnet werden. Z.B. über eine Beweisdefinition wie: “Naturwissenschaftliche Theorien seien bewiesen, wenn sie in der Praxis so oft bestätigt wurden, dass berechtigte Zweifel an ihrer Gültigkeit nicht mehr bestehen“.
Auch steht z.B. in Meyers großes Taschenlexikon, unter dem Stichwort "Beweis": "Logik, Wissenschaftstheorie: Darlegung der Richtigkeit (Verifikation) oder Unrichtigkeit (Falsifikation) von Urteilen durch logische oder EMPIRISCHE Gründe." Wir haben hier eine viel weichere Definition, in der empirische Gründe explizit als Beweismittel zugelassen werden und bestätigte wissenschaftliche Aussagen somit als bewiesen bezeichnet werden können.

Veröffentlicht am 02.12.2013 19:31:06 GMT+01:00
ch44 meint:
(2)

Nach Popper ist es egal, wie oft eine Theorie bestätigt wird, sie bleibt immer nur hypothetisches Wissen.
Das muss man sich jetzt mal genauer anschauen: Es stimmt natürlich, wenn es darum geht, herauszufinden, ob die Theorie (mit ihren Axiomen/ Postulaten..) im Detail wirklich genau der Wahrheit entspricht. Das können wir nie beweisen, und auch wenn eine Theorie in tausenden Experimenten widerspruchsfrei experimentell quantitativ bestätigt ist, sagt dies nichts darüber aus, ob die Annahmen der Theorie im Detail/genau richtig bzw. „wahr“ sind. Sie können auch dann noch (strenggenommen) „falsch“ sein.
Jetzt muss man sich aber mal anschauen, inwiefern sie noch „falsch“ sein können. Was heißt hier überhaupt „falsch“? Und da ist das Thema mit dieser Sicht der Dinge (Popper), nur unzulänglich behandelt.

Ein Ziel in der Naturwissenschaft ist es nicht nur, eine Theorie mit „wahren“ Annahmen zu haben sondern schlicht und einfach nützliche Theorien/Formeln zu haben, mit denen sich Vorgänge in der Natur ausreichend genau berechnen lassen. Somit kommt es gar nicht unbedingt drauf an, ob die Theorie wirklich im Detail richtig ist und ob die Postulate „wahr“ sind oder nicht. Auch wenn die Theorie streng genommen falsch/ widerlegt ist, ist sie andererseits gesehen überhaupt nicht falsch.
Klassisches Beispiel: Newtonsche Mechanik. Ist sie falsch/ widerlegt? Klar, streng genommen. Wenn ich die Newtonsche Mechanik als „ganze Wahrheit“ hinstelle und schaue ob die Axiome wirklich wahr sind; dann ist sie widerlegt. Dennoch finde ich es völlig unangebracht, sie schlicht und einfach (ohne weitere Erläutungen inwiefern sie widerlegt ist), als widerlegt zu bezeichnen. Dann würde man in der Schule und selbst im Studium großteils eine widerlegte Physik lernen… .

In der Logik ist eine Widerlegung eine Falsifizierung, nach der das ursprünglich Ausgesagte nicht länger Gültigkeit besitzt. Aber genau das trifft hier in der Physik nicht zu. Sichwort: Korrespondenzprinzip. Eine neue Theorie die eine alte ersetzt, muss überall dort wo die alte Theorie erfolgreich angewendet wird und hervorragend bestätigt ist, dieselben Vorhersagen beibehalten. Oder anders gesagt: Im klassischen Grenzfall müssen wieder die alten Gleichungen rauskommen. Und das ist ein grundlegender Unterschied zur “Widerlegung” im allgemeinen Sprachgebrauch.

Die neue Theorie muss auch die alten Beobachtungen mit erklären können, und kann nicht mehr behaupten, “alles sei ganz anders”. Wo wir gesicherte Erkenntnisse/ Messergebnisse haben, kann es (im Rahmen der Messgenauigkeit…) nicht mehr anders sein.
Hervorragend bestätigte Theorien können nicht „widerlegt“ werden, sondern überarbeitet und dann in einem allgemeineren Kontext neu verstanden werden.
Ist die newtonsche Mechanik also widerlegt? Nein, sie ist nicht widerlegt, sie ist als Grenzfall/Spezialfall in der neueren Allgemeinen Relativitätstheorie und Quantenmechanik enthalten, so dass wir sie aus einem allgemeineren Blickwinkel neu verstehen können.
Gleiches muss in Zukunft auch für die Quantenmechanik und Relativitätstheorie gelten. Sie sind inzwischen so gut bestätigt, dass sie in jeder Zukunftstheorie die sie einmal ersetzen werden als Grenzfälle enthalten sein müssen. Daher ist es durchaus legitim zu sagen sie sind inzwischen „bewiesen“. Man muss eben verstehen inwiefern sie bewiesen sind, und auch was „falsch“ bzw, „widerlegt“ in den Sätzen oben überhaupt bedeutet. Ob die Annahmen der Theorie dabei „wahr“ sind ist nach dieser Sicht irrelevant. Auch wenn die Axiome streng genommen falsch sind (nach Popper also „falsifiziert“): Die Theorie bleibt nützlich, wird weiterhin verwendet, die Formeln beschreiben die Realität ausreichend genau, und darauf kommt es an.

Wir können ja auch sehr wohl Wahrscheinlichkeitsaussagen über die Richtigkeit einer Theorie machen (durch den Bestätigungsgrad). Die Behauptung, dass der Bestätigungsgrad nichts über die Wahrscheinlichkeit und die Richtigkeit einer Theorie aussagen würde, widerspricht dem Gesetz der großen Zahlen aus der Stochastik. In seiner einfachsten Form besagt dieser Satz, dass sich die relative Häufigkeit eines Ereignisses der Wahrscheinlichkeit dieses Zufallsergebnisses annähert, wenn das zu Grunde liegende Experiment immer wieder durchgeführt wird.
Einfaches Beispiel: Beim Würfeln liegt die Wahrscheinlichkeit, eine 6 zu würfeln, bei 1/6. Bei wenigen Würfen beobachtet man noch Abweichungen von dieser entsprechenden Häufigkeit. So kann bei 12 Würfen statt der erwarteten zwei 6er auch gut nur einer kommen oder auch schon mal fünf. Würfelt man jedoch 1000000 mal, so wird sich in guter Näherung ergeben, dass etwa ein sechstel der Würfe eine 6 ergibt. Genau deshalb wird man sofort schließen, dass der Würfel manipuliert ist, wenn 1000000 Würfe auch 1000000 6en ergeben.
Was bedeutet dies für den Bestätigungsgrad von physikalischen Theorien? Physikalische Theorien werden experimentell hervorragend quantitativ bestätigt; im Ergebnis wird dadurch die Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit gegenüber dem Zufall sauber abgegrenzt. Bei allen Theorien, die in der Physik als gesichert bestätigt angesehen werden, liegt dieser Wert durchweg bei Werten über 99,999 Prozentpunkten.
Und auch hier gilt: Ob die Annahmen der Theorie dabei „wahr“ sind ist nach dieser Sicht irrelevant. Auch wenn die Axiome streng genommen falsch sind: Die Theorie bleibt nützlich, wird weiterhin verwendet, die Formeln beschreiben die Realität ausreichend genau, und darauf kommt es an.

Die Aussagen Poppers sind demnach vollkommen richtig, wenn es darum geht herauszufinden ob die Annahmen der Theorie/ die Theorie selbst streng genommen ganz wahr ist. Und um das herauszufinden ist der Bestätigungsgrad irrelevant. Aber wie oben erläutert ist diese Sicht nicht alles.

Also, wenn jemand in den Naturwissenschaften von „Beweis“ spricht, so heißt das nicht automatisch, dass er sich mit der wissenschaftlichen Methodik und Erkenntnistheorie nicht auskennt (das ist hier allgemein gemeint und bezieht sich jetzt nicht auf dieses Buch und Frau Knapp, dass Sie Frau Knapp hier zurecht kritisieren bestreite ich garnicht).

Was ich bisher nicht beachtet habe (und erst recht zeigt, dass nichts absolut „bewiesen“ ist): Natürlich müssen wir, um überhaupt Wissenschaft betreiben zu können, Annahmen voraussetzen: Nämlich, dass sich die Welt überhaupt mathematisch beschreiben lässt und z.B. die Orts- und Zeitinvarianz der Naturgesetze. Geht man davon aus, dass sich alle Gesetzmäßigkeiten permanent ändern und nichts durch feste Naturgesetze beschreibbar ist; oder dass eine höhere Macht ins Geschehen eingreift und die Naturgesetze beliebig steuern und verändern kann (und dies auch tut, vielleicht auch erst ab morgen), wäre die Physik sinnlos.
Aber selbst diese Annahmen sind keine willkürlichen, sondern inzwischen hervorragend bestätigt. Ein absoluter Beweis ist das natürlich nicht. Tatsächlich können wir erkenntnistheoretisch nicht ausschließen, dass morgen der Himmel nichmehr blau ist, sondern grün-rosa blinkt oder dass ein Stein nach oben fällt wenn ich ih fallen lasse. Dennoch sind solche Spekulationen absurd . Und führen zu nichts (naturwissenschaftlich), allenfalls ist diese Argumentation eine Verstärkung für Aberglauben, Pseudowissenschaft, Esoterik. Mit derartigen Gedanken sollte man sich gar nicht weiter beschäftigen, man sollte es erkenntistheoretisch lediglich im Hinterkopf behalten.

Dieser Punkt, den ich auch schon oben genannt habe (jeder Idiot kann rumprahlen mit „ist ja eh nicht bewiesen“ um die Naturwissenschaft schlechtzureden...) ist mir dabei besonders wichtig; weshalb ich es sehr kritisch sehe, gerade dem naturwissenschaftlich wenig gebildeten Teil der Bevölkerung weiszumachen „keine Theorie sei beweisbar“, ohne gleich mit auf das Korrespondenzprinzip einzugehen. Man spielt dabei manch Esoterikern in die Hände.

Wenn Sie schon mal wie ich mit einem im geisteswissenschaftlichen Bereich zwar sehr gebildetem, aber wissenschaftskritischen, bornierten Kampfphilosophen diskutiert hätten, der die „Unbeweisbarkeit“ naturwissenschaftlicher Aussagen in den Mittelpunkt stellte und dazu nutzte, die Naturwissenschaft auf realitätsferne Art schlechtzureden [(es kann nichts bewiesen werden → wissenschaftliche Erkenntnisse sind alle unsicher und hypothetisch, jede heutige Theorie wird höchstwahrscheinlich mal widerlegt werden → die Naturwissenschaft vermittle uns demnach ein Bild der Realität, das in wesentlichen Zügen falsch ist → es ist unvernünftig, auf diesem „wackeligen Fundament“ (also begründet durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse) sein Weltbild aufzubauen, wer dies tut sei ein engstirniger Dogmatiker; usw.)]; vermutlich um sein wissenschaftsfeindliches, esoterisches (?) Weltbild zu rechtfertigen; würden sie wohl verstehen, warum ich immer etwas allergisch reagiere, wenn behauptet wird dass naturwissenschaftliche Aussagen nicht „bewiesen“ werden können.
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Ort: Praha, Tschechien

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