Kundenrezension

17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kraftvoll sondergleichen, 27. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell (Taschenbuch)
Es ist schwierig, sich zu überlegen, was man dem erwartungsvollen Leser eines Reviews zu "Die Herren von Winterfell" sagen soll, weil man kaum weiß, wo man zu beginnen hat. Die "Ein Lied von Eis und Feuer"-Serie hat so viele Stärken, dass es schwierig ist, zu entscheiden, welche man betonen und sogar, auf welche man zuerst eingehen soll. Es ist auch hart, einen Vergleich innerhalb des Genres zu finden, durch das man dem Leser die Kraft dieser Serie näher bringen könnte. Ich glaube nicht, dass dieses Review dem wahren Können des Autors gerecht wird, aber ich will versuchen, es dem Leser des Reviews nahe zu bringen.

Mag eine Zusammenfassung des Plots zunächst wie Fantasy von der Stange á la Jordan, Goodkind und Paolini anmuten, so ist dieses Buch und die ganze ihm folgende Serie doch ein ganz eigenes Kaliber. Der Autor, George R. R. Martin, ist ein wahrer Meister seines Fachs. Sein Stil ist bildhaft und ausdrucksstark, dabei verzichtet er jedoch auf unnötige Schnörkel, die die Sätze aufgeblasen und rosarot würden wirken lassen. Im Gegenteil ist seine Sprache prägnant und kraftvoll, er bringt die Dinge auf den Punkt. Es gab einige Wendungen und Beschreibungen, die ich schlicht und ergreifend wunderschön fand. Da wird etwa ein Pferd folgendermaßen beschrieben: "Es war grau wie das winterliche Meer, mit einer Mähne wie Silberrauch." Später wird uns über eine Stadt gesagt: "[...] die breiten winddurchwehten Straßen [sind] mit Gras und Schlamm gepflastert und von wilden Blumen wie ein Teppich überzogen." Durch diese Prosa wird Westeros so lebendig und greifbar wie unsere eigene Welt, man sieht sie und alles, was sich auf ihr abspielt, geradezu vor sich. Die Serie ist also sowohl für Menschen geeignet, die keinen übermäßig poetischen Stil mögen als auch für solche, denen es oft zu trocken wird. Mr. Martin findet ein großartiges Mittelding. Die Prosa ist so kraftvoll und umtriebig, dass es mir einige herrlich groteske Szenen, die ich bei einem anderen Autor als um Aufmerksamkeit hurende Ekel-Element eingestuft hätte und die ich hier aufgrund von Spoiler-Gründen nicht verraten will, schwer gemacht haben, zu entscheiden, ob ich lachen, weinen oder einfach schreien soll - und das ist hier durchaus positiv gemeint.
Auch muss man lobend erwähnen, wie viel der Mann recherchiert hat. Ich bin kein Historiker oder ein Spezialist für irgendetwas, was innerhalb und jenseits dieses Universums existiert, aber ich konnte keinen einzigen Fehler sachbezogener Natur in den Büchern ausmachen. Ein klassisches Beispiel innerhalb des Fantasy-Genres sind die "Roboter-Pferde", die kaum jemals Nahrung oder Schlaf brauchen und stunden- oder sogar tagelang ohne Pause galoppieren können. Mr. Martin begeht solche Fehler nicht. Auch und besonders hat er sich über die Kriege informiert, auf denen die Serie basiert, den Hundertjährigen Krieg und die Rosenkriege. So man sich selbst damit befasst hat, kann man auch, obwohl es sich hierbei um keine strikte historische Fantasy handelt, einige Dinge finden, die einem vielleicht ein Schmunzeln oder ein wissendes "Ah!" entlocken. Beispielsweise die Namen der Häuser Stark und Lannister, die direkt von den englischen Häusern York und Lancaster zu stammen scheinen.

Anders als etwa bei Tolkien (an den Mr. Martin übrigens durch den Charakter des Samwell Tarly eine hübsche Hommage liefert), der das Hauptaugenmerk seiner Schriftstellerei seiner Welt Mittelerde gewidmet hat, ist die Ein Lied von Eis und Feuer-Serie sehr charakter-zentrisch, doch das tut der Qualität der Serie keineswegs Abbruch: Weder innerhalb noch außerhalb des Genres Fantasy habe ich kaum jemals so detailreich gezeichnete, so überaus menschliche, so verschiedenartige Charaktere gesehen, die so nachvollziehbar handeln - hier gibt es kein "Gut" und "Böse". Im Gegenteil tut Mr. Martin alles, um uns, den Lesern, zu zeigen, dass jeder Mensch in Wahrheit "grau" ist. Wie in einem echten Krieg gibt es auch in Westeros keine endgültige, unantastbare "Wahrheit". Eine Besonderheit der Serie ist, dass jedes Kapitel aus der Sicht eines anderen Charakters erzählt wird, von denen es sehr viele gibt, dabei begeht der Autor jedoch nicht den Fehler, uns als Leser alles doppelt und dreifach aus verschiedenen Perspektiven erfahren zu lassen. Allerdings erlaubt uns der Blick in all die verschiedenen Köpfe, all die Motivationen zu sehen, all die Absichten und moralischen Vorstellungen, sodass wir deutlich sehen, dass zwischen "richtigem" und "falschem" Handeln oft nur ein sehr schmaler Grat und dass der Sieg des einen zugleich die Niederlage des anderen ist - und umgekehrt.
Hier möchte ich besonders betonen, dass es Mr. Martin auf herausragende Weise schafft, auch Personen auf realistische Weise zu charakterisieren, mit denen andere so ihre Probleme haben. Die Kinder in seinen Büchern benehmen sich weder wie Babys noch wie kleine Erwachsene, sondern durchaus ihrem Alter entsprechend, und auch in die Gefühlswelt von Frauen kann er sich weit besser hineindenken als so mancher männlicher Autor seines Alters, wie etwa Jordan, dessen weibliche Charaktere alle ständig schniefen, sich die Röcke glatt streichen und die Arme unter der Brust verschränken und außerdem ein merkwürdiges Talent dafür haben, in Situationen zu gelangen, die sie halbnackt zurücklassen. Mr. Martin hingegen zeigt schon mit den beiden Stark-Töchtern Arya und Sansa, ihrer Mutter Catelyn und der Königin Cersei, später auch mit Asha, Brienne, Ygitte, Jeyne, Daenerys und vielen anderen eine breite Palette sehr unterschiedlicher Charaktere, die alle als solche so viel Respekt bekommen, wie sie verdient haben, und nicht nur zum Vergnügen des "Helden" und des Autors da sind und lediglich im Schatten ihrer Männer, Väter und Brüder präsentiert werden.
Außerdem sind die Charaktere realistische Produkte ihrer Welt, mit ihren Sitten, Gebräuchen und Normen, die sich zum Teil sehr von den "normalen", heutigen, westlichen unterscheiden, schon, weil Mr. Martin sich wirklich viel Mühe gegeben hat, die Welt als mittelalterlich darzustellen. So ist etwa, anders als in vielen Fantasy-Romanen, keines der Edelfräulein geschockt, als es erfährt, dass es ohne das eigene Einverständnis an einen vielleicht sogar viel älteren Mann verlobt wurde - diese Mädchen haben ihr Lebtag damit gerechnet, sind mit der Vorstellung aufgewachsen und wundern sich nicht über diese "Grausamkeit". Auch, dass einige Mitglieder dieser Gesellschaft wegen Dingen, an denen sie nicht schuld sind, von anderen schief angeschaut werden, wird nicht als unfassbare Gemeinheit aufgefasst. Jon Snow, der Bastardsohn Lord Eddard Starks etwa, oder Tyrion, den kleinwüchsigen Bruder der schönen Lannister-Zwillinge, regen sich nicht endlos darüber auf, wie ungerecht das alles ist, sondern nehmen es, wenn schon nicht als angenehm, doch einfach als gegeben hin.
Auch sei lobend erwähnt, dass Mr. Martin keinen seiner Charaktere so sehr liebt, dass er ihn vor einem grausamen Tod retten würde. Gerade im Genre Fantasy überleben die "Guten" oft, weil der Autor es offenbar als moralisch falsch erachtet, sie sterben zu lassen, oder, schlimmer noch, sie werden durch ein magisches Ritual oder Ähnliches zurück ins Leben gerufen. Mr. Martin hingegen lässt zu, dass seine Charaktere einen - oftmals unschönen - Tod finden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Manch ein Leser mag diesen Aspekt der Serie als unschön empfinden, da er sich quasi von Charakteren, die er vielleicht bereits sehr lieb gewonnen hat, trennen muss, für mich persönlich trägt das allerdings nur zur Kraft dieser Bücher bei. Auch ich war so manches mal sprachlos und traurig, wenn ein Charakter, den ich sehr wertschätzte, auf vielleicht sogar brutale Weise sein Ende fand, aber das erschien mir nie wie billiges Heischen von Aufmerksamkeit, sondern intensivierte noch das Leseerlebnis. Nachdem in Generischem Fantasybuch XYZ die Helden zigmal in tödlicher Gefahr schwebten und es doch jedesmal überlebten, war es eben nicht mehr sonderlich spannend - bei Mr. Martin kann man nicht sicher sein, dass die Charaktere überleben!

Ich weiß, dass es für viele Leute auch Gründe gibt, die Serie nicht zu lesen: Wie schon erwähnt, gibt es hier keine klar definierte, archetypische gute oder böse Seite, keinen bösen Overlord, der zu stürzen ist, niemand, auf den man zeigen und schreien kann: "Er ist schuld!" Leser eher idealistischer Fantasy werden sich in Westeros nicht wohlfühlen, denn diese Welt ist dreckig, hässlich und grau. Tatsächlich liefert der Autor im Charakter Sansa eine herrliche Dekonstruktion einer Prinzessin aus klassischer, idealistischer Fantasy - sie hofft auf ein Happy End, sieht nur die positiven Seiten und denkt, dass alles gut enden wird, weil sie hübsch und rechtschaffen ist. Außerdem natürlich ist die Serie bereits sehr lang und noch unvollendet, wodurch sich einige sicher auf den Schlips getreten fühlen. Der Fairness halber muss auch noch hinzugefügt werden, dass es in dieser Fantasy mehr um den Krieg, die Leute und die Entwicklung der Welt geht als darum, möglichst viel "Zauberhaftes" zu zeigen. Man wird nicht auf jeder Seite fünf Elfen und zehn Orks finden, Magie ist nicht übermächtig und glitzernd, sondern wird mehr in Prophezeiungen und fremdartigen Mächten und dergleichen ausgespielt und die Bücher lesen sich insgesamt vielleicht mehr wie ein historischer Roman denn wie typische Epic Fantasy. Wer darin jedoch keine Makel sieht, der wird die Serie rundherum lieben. Für mich ist die ganze Serie die beste Fantasy seit dem Herrn der Ringe!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.10.2013 22:31:09 GMT+02:00
A.Schober meint:
Eine der besten Rezis auf Amazon.
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.2 von 5 Sternen (771 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (518)
4 Sterne:
 (88)
3 Sterne:
 (57)
2 Sterne:
 (32)
1 Sterne:
 (76)
 
 
 
Gebraucht & neu ab: EUR 9,99
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent