Kundenrezension

62 von 69 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Psychotherapie und Neurobiologie - versöhnt, 18. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern (Taschenbuch)
Lange Zeit waren Psychiatrie, Psychotherapie und Neurobiologie verschiedene, unvereinbare Welten. Der in Psychiatrie ausgebildete Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Eric R. Kandel, der die molekularen und zellbiologischen Grundlagen des Lernens erforscht hat, hat sich eindringlich für eine Kooperation der sich so fremden Wissensgebieten stark gemacht (beispielsweise in E. R. Kandel: "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes"). Joachim Bauer, Professor an der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Freiburg, zeigt in diesem Buch, wie weit die Kooperation inzwischen fortgeschritten und was an Wissen dazugekommen ist. Das Buch gibt einen Einblick in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der verschiedenen Wissenschaften.

Unser Verhalten, unser Fühlen, unser seelisches Befinden hängt einerseits von unserer erblichen Grundausstattung ab, andererseits reagieren unsere Gene auf das, was aus der Umwelt auf uns einwirkt (das sind hier die Beziehungen zu anderen Menschen). Fehlende Beziehungen, beispielsweise, können zum Verlust von Nervenzellen und dem Abbau von Verbindungen zwischen den Nervenzellen führen. Auf diese Weise können schwere seelische Störungen auftreten.

Neue Erkenntnisse haben in besonderem Maß die bildgebenden Verfahren gebracht, mit denen man etwa seit den neunziger Jahren die Aktivität von Gehirnarealen messen kann. Sie gaben den ersten Hinweis darauf, dass Psychotherapie die biologischen Strukturen des Gehirns beeinflussen kann. Das ist wichtig, da man nun in der Lage ist, die biologische Wirkung von Psychotherapie und Psychopharmaka besser einschätzen und auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse des Patienten individuell abstimmen kann (zusammen mit anderen medizinischen Parametern, wie Medikamentenverträglichkeit, deren Prüfung der Autor nachdrücklich einfordert).

Joachim Bauer erläutert die Reaktion von Genen auf zwischenmenschliche Beziehungen wie Stress, und wie damit Depressionen und die Anfälligkeit für Infektionen zusammenhängen. Weitere Themen sind Herzerkrankungen, Tumorrisiko, die Vergiftung von Patienten mit zu hoher Dosierung von Psychopharmaka, Schmerzgedächtnis, posttraumatische Belastungsstörung, seelische und neurologische Folgen von Gewalt und Missbrauch bei Kindern, Borderline-Störungen. Er beschreibt die Auswirkungen von Psychotherapie auf Hirnstrukturen und warnt vor Überinterpretation von Messwerten: Entscheidend ist letztlich nicht der Messwert, sondern das subjektive Empfinden des Patienten und seine Lebenserwartung.

Strauchelnd durch Nachbars (Wissenschafts-)Garten.

Das letzte Kapitel, das über die Funktion der Gene, schwächelt leider etwas. Es gibt nicht etwa nur 35.000 Proteine in unseren Zellen (das ist die Anzahl der Gene; genauer: es sind derzeit 23.000 bekannt), sondern um die 500.000 (siehe beispielsweise Konrad Kunsch: "Der Mensch in Zahlen"); eigentlich noch viel mehr, wenn man die Modifikationen berücksichtigt. Und so wird es dann auch bei den Folgerungen problematisch. Erberkrankungen seien außerordentlich selten, nur ein bis zwei Prozent aller menschlichen Erkrankungen durch eine genetische Mutation bedingt. Nun, fast 2.000 Gene sind bekannt, die Krankheiten verursachen (das sind immerhin acht Prozent der Gene). Außerdem wirken die meisten Gene zusammen mit anderen und mutierte Gene können eine Prädisposition für Erkrankungen ergeben. Hier scheint mir der genetische Faktor etwas unterschätzt zu sein. Und was die Struktur von Genen betrifft: Promoter und Enhancer sind nicht das gleiche und funktionieren auch nicht gleich. Ich empfehle, diese Dinge woanders nachzulesen.

Aber wenn man von diesem Wildern in Nachbars Garten absieht, ist Joachim Bauer doch ein sehr verständliches, interessantes und wichtiges Buch gelungen. Wir sehen, dass das was wir empfinden, die Beziehungen zu anderen Menschen, unsere Lebensstile, biologische Spuren in unserem Gehirn hinterlässt. Sie sind messbar. Dies sollte jenen zu denken geben, die meinen, psychotherapeutische Erfolge ließen sich nicht mit Methoden bestätigen, die die "evidenzbasierte Medizin" verlangt. Die Hoffnung ist, dass wir diese Erkenntnisse für bessere - auf den Menschen individuell zugeschnittene - Therapieansätze nützen.

Eindrucksvoll. Lesenswert.
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