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6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vernunft - oder ist gesunder Menschenverstand eine Illusion? Rezension und Zusammenfassung zu Thomas Nagel "Geist und Kosmos", 2. Januar 2014
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Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
"Alles hängt also von der Unterstellung ab, dass schlechterdings jedes bemerkenswerte Merkmal menschlicher und anderer Organismen auch eine darwinistische Erklärung haben müsse. Doch welchen Grund gibt es eigentlich dafür, an so etwas zu glauben?" (Thomas Nagel, Der Blick von nirgendwo (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), S. 141)

Thomas Nagels Buch „Mind and Cosmos – Geist und Kosmos“ ist ein wissenschaftstheoretisches Buch, das die empirischen Erkenntnisse der Evolutionsforschung - und die daraus abgeleitete darwinistische Weltanschauung - mit den Methoden der Philosophie betrachtet und ordnet. (Es ist also keine "leichte Kost".) Der Untertitel des Buchs: "Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist" darf nicht als Skepsis gegenüber den empirisch gesicherten Ergebnissen der Evolutionsforschung missverstanden werden. Doch wenn die naturalistische Weltanschauung geltend macht, dass durch Extrapolation und Kombination einiger Entdeckungen der Biologie, Chemie und Physik die vollständige Erklärung für alles im Universum gelungen sei (S. 12), dann ignoriert sie stillschweigend die Realität gewisser Tatsachen, deren Verständnis ihr grundsätzlich versagt bleibt. Nagel argumentiert scharfsinnig: Materialistische Theorien sind einfach nicht ergiebig genug, um Geist und verwandte Phänomene zu erklären.

Die Suche nach der allumfassenden Wirklichkeit: Plausibilität der Weltanschauungen

Die größte aller philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen lautet: "Wie und in welcher Form kann die Welt verstanden werden?" (S. 33) Für Nagel ist es kein Zufall, dass wir die Welt verstehen können. Der Geist steht offensichtlich in einem doppelten Zusammenhang mit der Naturordnung, denn die Natur ist so beschaffen, dass bewusste Wesen mit Geist entstehen konnten, und sie ist so beschaffen, dass sie für derartige bewusste Wesen verstehbar ist. (S. 32) Jedes Verständnis der Außenwelt geht vom eigenen subjektiven Standpunkt aus. Im Widerstreit der Weltanschauungen wird unser Selbstverständnis zum "Tummelplatz für äußerst heftige Auseinandersetzungen, darüber was die physikalischen Wissenschaften erklären können und was nicht". (S. 40f) Naturwissenschaftler sollten nicht nur erkennen, wie begrenzt das tatsächlich Verstandene ist, sie sollten auch verstehen lernen, was sich mit den verfügbaren Theorien grundsätzlich erklären lässt und was nicht. (S. 12) Weltanschauungen wie Theismus und Darwinismus versuchen, jeweils mit ihren eigenen Mitteln, die Außenwelt zu verstehen. Während der Theismus ein stellvertretendes Verstehen durch einen jenseitigen Geist anbietet, "überträgt der evolutionistische Naturalismus alles, einschließlich uns selbst, auf eine Denkschablone naturwissenschaftlichen Verstehens", die einzig und allein für den unbelebten Bereich der Welt entwickelt wurde. (S. 40)

Für Naturalisten - auch wenn sie sich selbst nicht als Reduktionisten bezeichnen würden - ist "die Existenz und die Entwicklung des Lebens letztlich eine weitere Folge der Gleichungen der Teilchenphysik". (S. 35) Sie meinen, dass ihre "wissenschaftliche Weltanschauung" die einzige akzeptable Alternative zum (vermeintlich) "christlichen" Weltbild sei, obwohl alle Versuche, Geist und verwandte Phänomene der Materie unterzuordnen, wenig überzeugend waren. (S. 27, 52ff) All das lehnt der vernünftige Alltagsverstand als nicht plausibel ab. Dem gesunden Menschenverstand widerstrebt es offensichtlich, Leben, Bewusstsein, Vernunft und Wissen als zufällige Nebenfolgen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Natur zu begreifen. Doch warum vertrauen wir, ohne stichhaltige Beweise zu haben, auf die Zuverlässigkeit der Vernunft? (S. 41f, 118) Nagel erinnert daran: "Das Urteil, dass unsere Vernunft verlässlich ist, weil ihre Verlässlichkeit zu unserer Fitness beiträgt, ist nicht schlüssig." (S. 179) Denn wer mit der Evolutionstheorie beweisen will, dass die Vernunft verlässlich sei, macht einen logischen Denkfehler, indem er stillschweigend die Verlässlichkeit der Vernunft schon voraussetzt. (Siehe Wikipedia: logischer Fehlschluss, Zirkelschluss) Die Verlässlichkeit der Vernunft lässt sich nur durch eine A-priori-Beweisführung (plausible Behauptung, Evidenz) begründen. (S. 46) Obwohl Irrtümer immer möglich sind, vertrauen wir intuitiv auf unseren Alltagsverstand - ohne dabei auch nur im Geringsten an die Erkenntnisse der Evolutionsforschung zu denken. (S. 46) "Es gibt keinen Grund, unser Vertrauen in die objektive Wahrheit unseres mathematischen Denkens davon abhängig zu machen, ob sie mit der Annahme vereinbar ist, dass solche Fähigkeiten das Ergebnis der natürlichen Auslese sind." (S. 48) Im Vertrauen auf die Vernunft fordert Nagel: "Die Philosophie muss vergleichend vorgehen. Das Beste, was wir tun können, ist auf allen wichtigen Gebieten, jeweils nach unserer persönlichen Neigung, möglichst umfassende und sorgfältig ausgearbeitete konkurrierende Ideen zu entwickeln und zu prüfen, wie sie gegeneinander abschneiden. Eine solche Vorgehensweise ist überzeugender als die Suche nach dem entscheidenden Beweis oder nach der endgültigen Widerlegung." (S. 181, sinngleich S. 42)

Wenn Thomas Nagel die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur in Frage stellt, dann geht es ihm (erstens) um die Zufallshypothese der rein materiellen Evolutionstheorie und (zweitens) um die Integration des individuellen und kollektiven menschlichen Geistes in die Naturordnung. (S. 123, 125) Nagel: "Mein Vorhaben hat die vertraute Form eines Versuchs, einer Reihe von Bedingungen gerecht zu werden, die miteinander unvereinbar zu sein scheinen. Zusätzlich zum Antireduktionismus [der Gegenposition zum Materialismus, S. 26] sind zwei weitere Gesichtspunkte zu berücksichtigen: erstens der Einwand, dass bestimmte Dinge so bemerkenswert sind, dass sie als nichtzufällig erklärt werden müssen, wenn wir auf ein echtes Verständnis der Welt hinauswollen. Zweitens das Ideal, eine verständliche Ordnung der Natur zu entdecken, die alles mittels einer Reihe gemeinsamer Elemente und Prinzipien vereint - ein Ideal, das wir trotz der zwangsläufigen Bruchstückhaftigkeit unserer aktuellen Erkenntnisse anstreben sollten." (S. 17f)

Das Leib-Seele-Problem (Körper-Geist-Problem; S. 11, 57, 65, 86) erwächst aus der Frage, "ob die Welt in zwei verschiedene Teile, Geist und Materie, getrennt sei, und wenn ja, wie hängen sie zusammen?" (Bertrand Russell, Denker des Abendlandes: Eine Geschichte der Philosophie, Einführung S. 18) Anhänger der "deskriptiven Metaphysik" glauben, "dass die Suche nach einer einzigen Realität [von Geist und Materie] eine Illusion sei, weil es viele Arten der Wahrheit und viele Arten des Denkens gibt und diese sich nicht systematisch verbinden lassen durch die Vorstellung einer einzigen Welt, in der alle Wahrheit begründet ist." (S. 49f) Danach wäre das Mentale für jegliche wissenschaftliche Forschung unzugänglich. Allerdings wird heutzutage die eigene Geistigkeit nur noch selten bewusst erlebt. Intuitiv und aufgrund stillschweigender Annahmen betrachten viele Menschen ihr bewusstes Ich als eine Art unabhängige, willkürliche Steuerung, die keine echte Beziehung zum lebenden Körper hat. Sie verkennen ihren Leib als eine mehr oder weniger ansehnliche Marionette, der ihrem Willen zu Diensten steht. Ein solch cartesianischer Leib-Seele-Dualismus (wie ihn Rene Descartes vertrat), ein psychophysischer Parallelismus ohne ursächliche Beziehung von Psyche und Gehirn (S. 18) ist natürlich (genauso wie der kreationistische Glaube an die völlige Unabhängigkeit des Geistes von der Materie, S. 137) unvereinbar mit der christlichen Lehre von einer Einheit aus Leib und Seele - und widersprüchlich zum materialistischen Monismus (Geist ein Produkt der Materie), an den die meisten Philosophen und forschend tätigen Wissenschaftler glauben, "obwohl eine solche Weltanschauung keine notwendige Bedingung für die Ausübung irgendeiner dieser Wissenschaften ist". (S. 12) Dennoch wird "im Klima eines dominant wissenschaftlichen Naturalismus" das moderne Weltbild wie selbstverständlich mit den "stark spekulativen darwinistischen Erklärungen von praktisch allem" (S. 181) gleichgesetzt: Das Leben sei rein zufällig im Rahmen der physikalischen und chemischen Naturgesetze entstanden; die Vermehrung und Verbreitung von Lebewesen über unvorstellbar große Zeiträume und die Entwicklung einer bewundernswerten Artenvielfalt sei ausreichend erklärt durch zufällige Gen-Mutationen und deren Bestehen im Überlebenskampf gegen Naturbedingungen und gegen konkurrierende Lebewesen, als "Survival of the Fittest". (Oder wie sich Richard Dawkins in Der Gotteswahn auf S. 168 bzw. S. 46 ausdrückt: "Die natürliche Selektion ist ein additiver Prozess, der das Problem der Unwahrscheinlichkeit in viele kleine Teile zerlegt." und insbesondere: "Es gibt [k]eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz... Jede kreative Intelligenz, die ausreichend komplex ist, um irgendetwas zu gestalten, entsteht ausschließlich als Endprodukt eines langen Prozesses der allmählichen Evolution.“ )

Von Wunschdenken motiviert sind "Prinzipien spontaner Selbstorganisation" und alle mechanistischen Erklärungsversuche für die Ursprünge des Lebens. (Wie sollte auch signalverstärkende Rückkopplung von ziellosen Prozessen zu Zielstrebigkeit führen?) Wer die Evolutionstheorie ergänzen will, kommt an der grundlegenden Arbeit "Does Origins of Life Research Rest on a Mistake?" des Wissenschaftstheoretikers Roger White nicht vorbei. Ausführlich referiert Nagel, dass mechanistische Ergänzungen zur Evolutionstheorie, "welche die physikalische Gesetzmäßigkeit irgendwie wahrscheinlich machen", grundsätzlich als "unwissenschaftlich ausgeschlossen" und als "Schlussfolgerung unzulässig" sind. (S.130ff) Wer diesen Fehler vermeiden will, muss voraussetzen, dass für die Entwicklung des Lebens von Anfang an "einschränkende" Vorbedingungen feststanden. (S. 21, 126, 133) Nagels "Spekulationen über eine Alternative zur Physik als einer Theorie von allem berufen sich nicht auf ein transzendentes Wesen, sondern tendieren dazu, den inhärenten Charakter der Naturordnung komplizierter zu veranschlagen." (S. 24) Er schlägt ein Erweiterung der Naturgesetze um teleologische (zielgerichtete) Prinzipien vor und diskutiert zeitliche und räumliche Abweichungen in den Reaktions-Gleichungen und physikalisch-chemische Gesetzmäßigkeiten, sodass sie nicht völlig kausal-deterministisch wären. (S. 134) Doch Nagel stellt klar: "Diese teleologischen Spekulationen werden lediglich als Möglichkeiten dargeboten, ohne feste Überzeugung." (S. 178)

Theoretische Erwägungen zum Körper-Geist-Problem

Zunächst stellt Thomas Nagel eine breitere Palette von Optionen vor, die geeignet erscheinen, die Lücke in unserem Verständnis von der Naturordnung zu schließen. (S. 82ff) Jede evolutionstheoretische Erklärung hat zwei Elemente: (erstens) Die "ungeschichtliche" oder "konstitutive" Darstellung befasst sich mit den Grundvoraussetzungen (Konstitution, Entwicklungspotenzial, Befähigung) für die Entwicklung von Geist und Materie, während (zweitens) die "geschichtliche" Darstellung deren zeitliche Entfaltung unter den Bedingungen von physikalisch-chemischer Kausalität (Ursächlichkeit), Teleologie (Zielstrebigkeit) oder Intentionalität (göttlicher Absicht) betrachtet. Offensichtlich bilden Geist und Materie eine Einheit (Monismus), denn in dieser Welt gibt es ohne Materie keinen Geist, ohne Gehirnaktivität kein Bewusstsein. Das klassische Ideal, eine zusammenhängende Ordnung der Natur zu entdecken, sei jedoch mit dem cartesianischen Dualismus durch die Trennung von Geist und Materie aufgegeben worden: "Die großen Fortschritte in den physikalischen und biologischen Wissenschaften wurden durch den Ausschluss des Geistes aus der physikalischen Welt möglich gemacht. ... An irgendeinem Punkt wird es jedoch nötig werden, bei einem umfassenden Verständnis, das den Geist einschließt, neu anzusetzen." (S. 18, 56) Für alle Theorien, die Geist (Psyche) und Materie (Physis) zusammen als eine Ganzheit betrachten, verwendet Nagel den Sammelbegriff "psychophysischer Monismus": 1.) Der Behaviorismus (S. 58ff), welcher versucht, das Mentale auf seine materielle Außenwirkung zu reduzieren, vermag nicht zu überzeugen. 2.) Die "reduktionistischen" Programme (Definition S. 83 FN), sowohl die Beschränkung auf die Seele (Idealismus incl. logischer Positivismus, S. 57f) als auch die Fixierung auf den Leib (Materialismus incl. analytische Philosophie, S.58), sind daran gescheitert, das Einheitsideal zu realisieren. 3.) Nagel erwägt deshalb nur zwei "neutrale" psychophysische Konzepte (S. 13, 86), und er zeigt deren Schwächen auf: den "reduktiven" psychophysischen Monismus, als Theorie von der geistigen Beschaffenheit aller materiellen Bausteine (Definition S. 83 FN) und den "emergenztheoretischen" psychophysischen Monismus, als Theorie von der geistigen Beschaffenheit komplexer Organismen, die plötzlich und unerwartet auftaucht. (Emergenz: Auftauchen) Nach gründlicher Abwägung kommt Thomas Nagel zu dieser Bewertung der beiden "neutralen" monistischen Theorien: Wenn man (hypothetisch) unterstellt, dass die Evolutionsgeschichte kausal naturgesetzlich abgelaufen sei, erschiene, verglichen mit der "reduktiven" Variante, die "emergenztheoretische" Theorie plausibler - "gleichwohl sie wie Magie wirkt". (S. 85)

Nagel fragt weiter: Wie konnte sich im geschichtlichen Ablauf der Evolution unter dem Einfluss physikalisch-chemischer Naturgesetze Vernunft entwickeln? Er stellt fest, dass es undenkbar ist, die Verlässlichkeit der theoretischen Vernunft (sprachliche Begrifflichkeit, Erforschung der objektiven Wahrheit, Entwicklung von Normen und Lösungen, Mathematik, Logik) als etwas evolutionär Gewordenes und geschichtlich Veränderliches zu begreifen. Die Vernunft bestätigt autonom, aus sich heraus die zeitlose Gültigkeit ihrer Schlussfolgerungen. Dagegen relativiert der evolutionäre Naturalismus alle unseren geistigen Fähigkeiten als geschichtlich veränderlich, wodurch deren Verlässlichkeit untergraben wird. (S. 45) Offensichtlich verführt der evolutionäre Naturalismus dazu, keine unserer Überzeugungen wirklich ernst zu nehmen - auch nicht das naturalistische Weltbild. (S. 47) Doch da wir über Vernunft verfügen, erkennen wir, dass die Vernunft von einer Theorie ihres evolutionsbedingten Entstehens weder bestätigt noch untergraben wird. Schon Descartes hatte klar erkannt, dass wir uns von der Vernunft keinesfalls distanzieren können. (S. 120) Nagel folgert: Sollten Bewusstsein, Wahrnehmung, Wunsch, Handeln sowie die Ausbildung begründeter Überzeugungen und Intentionen eine natürliche Erklärung haben, dann waren die Möglichkeiten dazu dem Universum inhärent, lange bevor es Leben gab; und dieses geistige Potenzial war dem ersten Leben inhärent, lange bevor die Tiere auftraten. (S. 52)

Schließlich kommt Nagel zu den Fragen von Menschlichkeit und Ethik und zum seit über 600 Jahre währenden philosophischen Streit zwischen moralischen Realisten und moralischen Antirealisten (S. 141; Universalienproblem: Inhärentismus oder Realismus contra Konstruktivismus oder Nominalismus mit Subjektivismus, Relativismus, Anti-Essentialismus, Voluntarismus: Kult des Willens, Dezisionismus: Rechts-Positivismus) Wer den Werterealismus als eine metaphysische Theorie betrachtet, schätzt das Problem falsch ein. (S. 145) Es gibt doch in unserem Leben Realitäten, die sich dem subjektiven individuellen Wollen entziehen. Werte erinnern uns an die nicht frei verfügbaren Voraussetzungen des Menschseins. (S. 159) Wann muss sich unsere Gewissensentscheidung an einer allgemeingültigen Realität ausrichten und wann dürfen wir subjektiv und individualistisch urteilen? Entweder wir richten unser Tun nach richtig und falsch, gut und schlecht, nach objektiven Werturteilen (Realismus), oder wir glauben, dass wir willkürlich und subjektiv handeln können, nach individuellen Gefühlen, Motiven und Dispositionen (Subjektivismus). Die Naturwissenschaft kann diesen Streit natürlich nicht entscheiden: "Es gibt kein einschlägiges Experiment, das den Werterealismus beweisen oder widerlegen kann." (S. 150) Doch Anhänger des Darwinismus sind auf den Wertesubjektivismus festgelegt, denn nach ihrer Überzeugung konnte nur vorteilhaft motiviertes Verhalten evolutionär selektiert werden. (S. 47, 152ff; Für den Darwinismus sind Gefühle wie Schmerz und Lust eher wertfrei. S. 157) Die realistische Position, das Streben nach urteilsunabhängigen realen moralischen Werten betrachten Evolutionisten als vorgespiegelte Objektivität, als belanglose, illusionäre Begleiterscheinung des subjektiven Willens, als blind zufälligen, nicht vorhersehbaren, beiläufigen Nebeneffekt in der geschichtlichen Entfaltung des Lebens. (S. 128f, 154ff, 158f) Wenn wir allerdings starke Kopfschmerzen verspüren, beschreiben wir das üblicherweise als objektive Tatsache: "Ich hatte wirklich üble Kopfschmerzen und eine Tablette Aspirin hat mir tatsächlich geholfen." (S. 162) Dessen eingedenk verteidigt Thomas Nagel den Werterealismus: "Es ist offenkundig, dass Lust und Schmerz als biologisch fest verankerte Reaktionen eine lebenswichtige Rolle für die Fitness bewusster Lebewesen spielen, selbst wenn sie keinen objektiven Wert hätten. Die realistische Position muss darauf bestehen, dass diese Erfahrungen, zu deren Wesen Begehren und Abneigung gehört, auch an sich einen positiven und negativen Wert haben; wenn wir darüber nachdenken, wird uns einsichtig, weshalb Werte mit gewissen Körperfunktionen wie Sex, Nahrungsaufnahme oder Verletzung verbunden sind, obwohl dies nicht mit Notwendigkeit zur evolutionäre Geschichte dazugehört. Werte dienen der Anpassung, aber sie sind mehr als das. Obwohl diese Erfahrungen nicht die einzigen Dinge sind, die objektiven Wert besitzen, zählen sie zu den auffälligsten Phänomenen, mit denen Werte in das Universum kommen, und zu den klarsten Beispielen, durch die wir mit etwas von wirklichem Wert bekannt werden. Werte dienen der Anpassung, aber sie sind mehr als das." (S. 159, 173) Und Nagel folgert: "Aber im Fall der Werte und der praktischen Vernunft ist es meines Erachtens schlüssig, subjektivistisch zu sein, das heißt, alle Eindrücke objektiver Werte als illusionär zu betrachten und in den Abläufen praktischer Überlegung und moralischer Argumentation nichts anderes zu sehen als äußerst raffinierte Mittel, durch die festgelegt wird, was man letztlich will. ... Obwohl es mir unmöglich ist, diese Position zu übernehmen, denke ich nicht, dass sie nicht nachvollziehbar ist. Es geht hier um Plausibilität." (S. 179f. Ethik kann ja nur mit Plausibilität - a priori - begründet werden.)

Wissenschaftlicher Dogmatismus: Naturgesetze und Geist

In der Postmoderne, seit Mitte der 1970-er Jahre, weisen viele Menschen jedes Nachdenken über Geist und Sinn leidenschaftlich und schroff zurück. Es sei anrüchig und sinnlos über eine geistige Tiefe nachzudenken, die es nie gegeben habe. Es könne keine Oberflächlichkeit geben, da es keine wirkliche Tiefe gebe. Wahrheit sei nur eine erdrückende Illusion. Ohne eine solche Garantie zu leben heiße frei sein. (Terry Eagleton, Der Sinn des Lebens, S. 37, 86) Mehrfach in seinem Buch weist Nagel darauf hin, dass auch Philosophen fast zwangsläufig in Stürme der Entrüstung im Namen der „Political Correctness“ geraten, wenn sie über den menschlichen Geist nachdenken und wenn sie die Hypothesen der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie zur Entstehungsgeschichte von Bewusstsein und gesundem Menschenverstand nüchtern und sachlich analysieren: "Wenn die zeitgenössische Forschung in der Molekularbiologie die Möglichkeit offenlässt, legitime Zweifel zu hegen angesichts einer vollständig mechanistischen Darstellung von Ursprung und Evolution des Lebens, die einzig von den Gesetzen der Chemie und Physik abhängt, lässt sich dies zusammen mit dem Scheitern des psychophysischen Reduktionismus in der Vermutung bündeln, dass in der Naturgeschichte auch Prinzipien eines anderen Typs wirksam sind, Prinzipien einer Größenordnung, die ihrer logischen Form nach eher teleologisch statt mechanistisch sind. Mir ist klar, dass solche Zweifel vielen Menschen anstößig erscheinen mögen, was aber daran liegt, dass in unserer säkularen Kultur fast jeder der Einschüchterung erlegen ist, das reduktive Forschungsprogramm als sakrosankt aufzufassen, weil es heißt, dass alles andere keine Wissenschaft wäre." (S. 17) Doch viel spricht dafür, dass man das Mentale nicht erforschen kann, indem man es völlig aus der Versuchsanordnung eliminiert - und damit die Idee von einer ganzheitlichen Welt vernachlässigt -, so wie bei den "großen Fortschritten in den physikalischen und biologischen Wissenschaften ...[, die] durch den Ausschluss des Geistes aus der physikalischen Welt möglich gemacht wurden." (S. 18)

Die ideologischen Angriffe gegen Thomas Nagel sind erstaunlich inkonsequent, weil die meisten gebildeten Menschen der westlichen Welt zwar vom einem säkularen Weltbild überzeugt sind, nach dem "das Leben ein Zufallsprodukt der Evolution sei und so viel Sinn habe, wie ein Windstoß oder ein Magenknurren" (Der Sinn des Lebens, S 49), aber gleichzeitig im liberalen und sozialistischen Fortschrittsglauben an Zielstrebigkeit in der Welt glauben, mit immerwährendem sozialen Fortschritt in Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen - ganz im Sinne des "systematischen Hegelschen Idealismus". Der (sozialistisch gesinnte) Marxist glaubt fest an den naturgegebenen sozialen Fortschritt durch Entfaltung eines der Welt innewohnenden (immanenten) „Zeitgeists“. (Sozialer Fortschritt nach einer „dialektischen Logik“ permanenter Klassenkämpfe namens „Synthese aus These und Antithese“. In sozialen Dingen sei die Frage nach Entweder-Oder keine Sache der traditionellen Logik – sondern der Machtverhältnisse.) Und auch der bekannte (liberal gesinnte) Evolutionsbiologe Richard Dawkins wirbt für Hegels systematischen philosophischen Idealismus, für den Hegelschen „Zeitgeist“. (Terry Eagleton " Lunging, Flailing, Mispunching" und Das Böse, S. 189f.) In seinem populären Buch „Der Gotteswahn“ vertritt Dawkins die Ansicht: "Es gibt [k]eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz... Jede kreative Intelligenz, die ausreichend komplex ist, um irgendetwas zu gestalten, entsteht ausschließlich als Endprodukt eines langen Prozesses der allmählichen Evolution.“ (Der Gotteswahn, S. 46) Gleichwohl glaubt er an eine "übermenschliche Intelligenz", an einen evolutionären „ethischen Zeitgeist“, den er in der Welt entdeckt haben will. Dawkins fragt: „Was treibt ihn in diese einheitliche Richtung?“ und antwortet unwissenschaftlich: „Genauer zu erklären, warum der ethische Zeitgeist sich so umfassend und einheitlich wandelt, übersteigt die Möglichkeiten meiner amateurhaften Psychologie und Soziologie. In meinem Zusammenhang reicht die Beobachtung, dass er sich tatsächlich verändert. … Vermutlich steht dahinter keine einheitliche Triebkraft wie die Gravitation, sondern ein komplexes Wechselspiel verschiedener Kräfte.“ (Der Gotteswahn, S. 377. Dawkins propagiert in diesem Buch den "glücklichen Skeptizismus", indem er Karikaturen instinktiven menschlichen Verhaltens ad absurdum führt. Wenn aber Dawkins hier dem Glück einen absoluten Wert zugesteht, liefert er ein starkes Argument für die Realität der Werte, die er als Darwinist doch eigentlich ablehnen wollte. (siehe oben, Werterealismus: "Lust")

Fazit:

Der Philosoph Thomas Nagel achtet streng auf Plausibilität, wie sie uns der gesunde Menschenverstand in der Zusammenschau von theoretischer und praktischer Vernunft vorgibt. In „Geist und Kosmos“ behandelt er die hochinteressante wissenschaftstheoretische Frage: Was spricht gegen die naturalistische Weltanschauung der überwiegende Mehrheit der modernen Naturwissenschaftler und Philosophen (S. 12), nach welcher der gesunde Menschenverstand (S. 102, 116f) nur auf subjektiven, dem Willen untergeordneten Fähigkeiten beruht, "die von Grund auf durch Zufall und natürliche Auslese gebildet wurden oder beiläufige Nebenwirkung der natürlichen Auslese oder Erzeugnis der genetischen Drift sind"? (S. 178) Thomas Nagel wirbt mit starken philosophischen Argumenten für die traditionelle Gegenposition (Platon, Aristoteles), dass das Universum seit seinen Anfängen von Geist und Materie geprägt war und dass es sich auf ein Ziel hin entwickelt. Es sei nicht möglich diesen Geist zu erfassen, wenn man seine Forschung ganz auf zeitlos-konstante physikalisch-chemische Gesetzmäßigkeiten der Materie beschränke und das Mentale nur als ein zufälliges (emergentes) Epiphänomen der Evolution betrachtet.

Will man das Mentale nicht einfach als unerklärliches zufälliges Ereignis hinzunehmen, dann muss man voraussetzen, dass das Leben, mit Bewusstsein, theoretischer und praktischer Vernunft, von Anfang an als Ziel der Entwicklung angelegt war, dass die Tendenz zur Entwicklung des Lebens ein "Grundzug der Naturordnung ist, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird". (S. 178) Falls es jemals gelingen sollte, eine gemeinsame naturwissenschaftliche Theorie für Leib und Seele zu schaffen, sei das nach Nagel nur mit einer "größeren begrifflichen Revolution" möglich, mit einem Umdenken wie bei der elektromagnetischen Feldtheorie und der Relativitätstheorie. (S. 65.) Wer darauf besteht, dass die Naturwissenschaft Forschungsergebnisse zum historischen Entwicklungsverlauf der bewussten Innenperspektive des Lebens liefern kann, sollte nicht vorschnell spekulativ argumentieren. Geht doch der Darwinismus von vier keineswegs vorhersehbaren, mysteriösen sprunghaften "Emergenzen" aus, über deren statistische Unwahrscheinlichkeit man nur spekulieren kann: Die Geburt des Lebens (S. 21f, 130ff, 177f), die Geburt des Bewusstseins (S. 52f, 68ff, 85), die Geburt der theoretischen Vernunft (S. 49, 124, 128f) mit ihrer transzendierenden, kollektiven sprachlichen Begrifflichkeit (S. 108, 103, 125) und die Geburt des Gewissens - der praktischen Vernunft mit ihrem Realitätssinn für richtige und gute Gründe. (S. 174) Sollten die Möglichkeiten der Naturgesetze in geeigneter Weise zeitlich und räumlich eingeschränkt sein, wäre die Entstehung des Lebens zweifellos wahrscheinlicher, als bisher angenommen. Seine Anregung, nach teleologischen Prinzipien zu suchen, "dass einige Naturgesetze, anders als alle bisher entdeckten grundlegenden Gesetze der Naturwissenschaften, in ihrer Wirksamkeit temporal geschichtlich geprägt sind" (S. 134), betrachtet Nagel als echte Herausforderung für die experimentelle Naturwissenschaft (S. 103) – keineswegs aber als einen Fall für Psychologie und Soziologie oder systematische idealistische Philosophie. Wie alle bahnbrechenden Wissenschaftler (z.B. Kopernikus, Newton, Maxwell Gregor Mendel, Charles Darwin und Albert Einstein) müssen auch heutige Entdecker die Grenzen der herrschenden Lehrmeinung überschreiten. (S. 181)

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Anhang:

Ist die Wirklichkeit der Welt vielleicht doch einem Willen untergeordnet?

Der zielgerichtete Flug eines Pfeils (Teleologie) lässt sich naturwissenschaftlich analysieren. Dazu muss man nicht wissen, wer den Pfeil abgeschossen hat. (Atheisten ignorieren bekanntlich die Frage: "Warum gibt es etwas - wie z.B. einen fliegenden Pfeil - und nicht nichts?") Eine teleologische Erklärung der Weltgeschichte schließt für Gläubige die göttliche Schöpfung nicht aus. (S. 138) Allerdings entzieht sich die intentionalistische "Gotteshypothese" jeder empirisch naturwissenschaftlichen Forschung. (S. 137f) Nagel: "Der Theismus bietet uns ein stellvertretendes Verständnis, indem er es einem transzendenten Geist zuschreibt, dessen Absichten und Weltverständnis wir selbst nicht ganz teilen können, was es uns aber möglich macht zu glauben, dass die Welt intelligibel ist, wenn auch nicht für uns." (S. 40, siehe auch S. 43ff) Der Atheist Nagel sagt von sich, dass ihm der "sensus divinitatis" (der Sinn für das Göttliche) fehle. (S. 24) Dennoch denkt er über das absolute Geheimnis (das Mysterium) jedes religiös Gläubigen nach, "dass [möglicherweise] die Wahrheit aufgrund unserer wesensmäßigen kognitiven Beschränkungen jenseits unseres Erfahrungshorizonts liegt und nicht bloß außerhalb unseres Verständnisvermögens beim Stand, den die intellektuelle Entwicklung der Menschheit gegenwärtig erreicht hat." (S. 182) Wird also "intellektuelle Demut verlangt, dass wir der Versuchung widerstehen anzunehmen, dass Werkzeuge, wie wir sie jetzt besitzen, grundsätzlich ausreichen, um das Universum als Ganzes zu verstehen"? (S. 11)

Seit Urzeiten müssen Menschen in einer Welt leben und angemessen handeln, ohne deren Mechanismen jemals hinlänglich durchschaut zu haben, weshalb es immer ratsam war, überlieferte Erfahrungen zu beherzigen, rational abzuwägen, mit "Herz und Verstand" zu handeln - und dabei immer auf die Stimme des geheimnisvollen instinktiven Gewissens zu hören. (S. 116, Korrektur und Hemmungen) Nagel: "Eine theistische [bzw. teleologische] Erklärung wird unausweichlich eine gewisse Idee des Wertes einführen, ... obwohl damit zugleich das berühmte Problem des Bösen [und Schlechten] aufkommt." (S. 43) Zum Menschsein gehört jenes instinktive drängende Gewissen als ein zutiefst im Menschen verwurzelter Sinn für reale Werte. (Der Werterealismus ist keine metaphysische Theorie, Werte spielen eine lebenswichtige Rolle. S. 145 bzw. S. 159) Im Wechselspiel mit dem geheimnisvollen Schicksal muss jeder Mensch persönliche Verantwortung übernehmen. Unser existentielles Vertrauen in die geheimnisvolle Zukunft lässt sich durch keine wissenschaftliche Theorie begründen. Weder die Zufallshypothese noch teleologische Prinzipien können die persönliche Gewissensentscheidung ersetzen.
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Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.01.2014 14:19:28 GMT+01:00
Openuser meint:
Ehrlich gesagt verstehe ich nur Bahnhof, ahne nur, worauf Sie hinauswollen.
Daher beschränke ich mich auf einzelne Sätze, als Beispiel.
Mind and Cosmos ist ganz sicher kein wissenschaftstheoretisches Buch. Vergleichen
Sie mal mit der Einführung in die Wissenschaftstheorie von Gerhard Schurz. Der Unterschied könnte
kaum größer sein, das sieht man auf einen Blick. Andere Disziplin.
Dawkins als Teleologen darzustellen ist noch überraschender, das genaue Gegenteil ist der Fall. Aber ich
gebe zu, ich habe Gotteswahn nicht gelesen, aber Dawkins müßte dement geworden sein, wenn er sowas
dort geschrieben hat.
Aber der beste Satz ist dieser: Des Menschen Wille, zu glauben, ist unerschöpflich. So ist es.

Veröffentlicht am 25.01.2014 16:21:04 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.01.2014 17:37:16 GMT+01:00
Wiska meint:
Wer sich sachlich mit "Thomas Nagel "Geist und Materie" auseinander setzen will, sollte die wichtigsten, unstrittigen Antworten der Philosophie berücksichtigen, zu philosophischer Erkenntnistheorie (Epistemologie: "Woher wissen wir etwas?", gesunder Menschenverstand, Totalskeptizismus, Solipsismus) und zum Leib-Seele-Problem (Dualismus: psychophysischer Parallelismus; Monismus: Materialismus, Idealismus, Doppelaspekt). Einen guten Einstieg in die Problematik bieten Was bedeutet das alles? und Wikipedia "Philosophie des Geistes".

Aus gegebenem Anlass erfolgen Anmerkungen zum cartesianischen Dualismus:

@openuser hat am 27. Oktober 2013 über das Buch "Geist und Kosmos" bei Amazon eine leidenschaftliche Rezension veröffentlicht, eine Kritik ad hominem mit dem Titel "Vom Philosoph zum Scharlatan". Für ihn sei Thomas Nagel kein Philosoph, sondern ein Scharlatan, also ein "Schwindler, der Sachwissen und Fähigkeiten auf einem Gebiet nur vortäuscht." (Duden) Sofern @openuser meint, dass der Philosoph Thomas Nagel nicht wisse, was Plausibilität und naturalistische Zirkelschlüsse der Logik sind, geht das ins Leere. Denn was @openuser „völlig zirkulär" nennt, ist kein logischer Zirkelschluss, sondern eine naturwissenschaftliche Hypothese, eine Sache der Empirie und der Plausibilität. Es trifft übrigens nicht zu, dass Nagel die reduktive Antwort (Panpsychismus) bevorzugt. Ganz im Gegenteil! Nagel folgert: "Doch selbst wenn wir den Schluss ziehen, dass die Grundlage für den Geist in jedem Teil des Universums vorhanden sein muss, gibt es keinen Hinweis darauf, wie die monistischen Eigenschaften, die dem Bewusstsein in lebendigen Organismen zugrundeliegen, zuerst zum Ursprung des Lebens führen und schließlich zum Erscheinen von bewussten Systemen auf dem Tableau der Mutationen, die der natürlichen Auslese zur Verfügung stehen." (S. 97) Gerade für Kognition und Werterealismus hält er nur eine emergente Antwort für möglich. (S. 128 ,169)

@openuser vertritt in seiner Rezension "Vom Philosoph zum Scharlatan" , wohl aufgrund stillschweigender Annahme, die dualistische Position (psychophysischer Parallelismus). Doch dabei kann er sich nicht auf den Kognitionsforscher Wolfgang Prinz berufen, der als antireduktionistischer psychophysischer Monist exakt die gleiche Position vertritt wie Thomas Nagel. Prinz sagt: "Ich teile die Prämisse nicht, dass menschliches Verhalten durch die Hirnforschung erklärt wird. Hirnprozesse können einen interessanten Beitrag leisten, mehr aber nicht." (Wikipedia) Mit anderen Worten sagt er: "Das Mentale ist nicht identisch mit der Materie. Doch ohne lebendigen Leib gibt es keine Seele, denn die Empirie sagt uns, dass es in dieser Welt keine körperlosen Gespenster gibt." Da kann sich @openuser schon eher auf die Rezension des mutmaßlich cartesianischen Markus Gabriel beziehen, der sich laut @openuser "viel geschickter" verhält und "erst gar nicht [versucht], sich mit Evolutionsbiologen anzulegen". (Wahrheit eine Sache von "Geschicklichkeit"?) Fern ab jeder Empirie wirbt Gabriel, für philosophische Spekulationen a priori, dass es "neben einer rein materiellen Natur unzählige andere Bereiche gibt". Eine solche Behauptung der "deskriptiven Metaphysik" weist Nagel in "Geist und Kosmos" zurück:

"Wir müssten dann glauben, dass die Suche nach einer einzigen Realität eine Illusion ist, weil es viele Arten der Wahrheit und viele Arten des Denkens gibt und diese sich nicht systematisch verbinden lassen durch die Vorstellung von einer einzigen Welt, in der alle Wahrheit begründet ist. Und das ist eine ebenso radikale Behauptung wie irgendeine ihrer Alternativen." (S. 50)

Und wenn der Rezensent Gabriel zudem noch Definitionen und Begründungen in Thomas Nagels "Geist und Kosmos" vermisst, bedarf das der Relativierung:

(ad 1) In "Geist und Kosmos" geht es einzig um dieses Thema: "Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist." (Siehe Titel) Das Buch ist also keine Verteidigungsschrift für den von Nagel vertretenen, zweifellos plausiblen antireduktionistischen psychophysischen Monismus.

(ad 2) Nagel sagt über "Geist und Kosmos": "Mein Vorhaben hat die vertraute Form eines Versuchs, einer Reihe von Bedingungen gerecht zu werden, die gemeinsam unmöglich erscheinen. Zusätzlich zum Antireduktionismus sind zwei weitere Einschränkungen zu berücksichten: erstens eine Annahme, dass bestimmte Dinge so bemerkenswert sind, dass sie als nicht zufällig erklärt werden müssen, wenn wir auf ein echtes Verständnis der Welt hinauswollen. Zweitens das Ideal, eine zusammenhängende Ordnung der Natur zu entdecken, die alles auf der Grundlage einer Reihe gemeinsamer Elemente und Prinzipien eint - ein Ideal, das die unweigerlich sehr unvollständigen Formen unseres gegenwärtigen Verstehens nichtdestoweniger anstreben sollten." (S. 17f)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.01.2014 13:11:18 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.01.2014 13:12:46 GMT+01:00
Openuser meint:
Wiska, ich bin fasziniert, wie Sie mit den "...istischen ...ismen" herumwirbeln. Zumindest mir wird ganz schwindelig. Ich bin also nach Ihrer Meinung ein Dualist, und Nagel reduktiver Monist, oder umgekehrt, ich verstehe Sie nicht.

Aber das meine Polemik gegen Nagel irgendwann auf mich zurückfallen musste, das verstehe ich. Das tut mir alles leid, und ich habe schon a.o geschrieben, ich hatte weniger Nagel selbst, sondern eher einige Rezensenten im Sinn.

Veröffentlicht am 27.01.2014 21:18:38 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.01.2014 18:48:35 GMT+01:00
Wiska meint:
Thomas Nagel "Geist und Kosmos"
"Ungebräuchliche philosophische Spezialausdrücke"
(Nach einem Hinweis von @openuser )

Antireduktionismus, antireduktionistisch:
"Ich werde die Ausdrücke "Materialismus" oder "materialistischer Naturalismus" verwenden, um von der einen Seite des Konflikts zu sprechen, und den Ausdruck "Antireduktionismus" gebrauchen, wenn von der anderen Seite die Rede sein soll, auch wenn diese Bezeichnungen ziemlich grob sind." (Thomas Nagel "Geist und Kosmos" (Seite 26)

reduktiv, reduktionistisch:
"Hier besteht die Gefahr einer terminologischen Verwirrung. Ich werde "reduktiv" als den allgemeinen Terminus für Theorien verwenden, die Eigenschaften komplexer Ganzheiten in die Eigenschaften ihrer basalsten Elemente zerlegen. Ich werde "reduktionistisch" weiterhin für den speziellen Typ reduktiver Theorie verwenden, der höherstufige Phänomene ausschließlich unter dem Gesichtspunkt physikalischer Elemente und deren physikalischer Eigenschaften analysiert. Der psychophysische Reduktionismus ist ein Beispiel. Der Punkt, den man dabei nicht außer acht lassen darf, ist, dass eine antireduktionistische Theorie durchaus reduktiv sein kann, vorausgesetzt, die Elemente auf die sie höherstufige Phänomene reduziert, sind nicht ausschließlich physikalisch. Das ist die reduktive Theorie, von der ich hier spreche." (Thomas Nagel "Geist und Kosmos", Seite 83 Fußnote)

Das Leib-Seele-Problem

Man muss hier zwischen der intuitiven, ganz naiv emotionalen Position und der philosophischen, streng rationalen Position trennen.

Intuitiv fühlt sich jeder Mensch zum "psychophysischen Dualismus" hingezogen. (Psyche: Seele; Physis: Natur, Körper, Materie; Dualismus: Zweiheit )

"Dualistische Antworten auf das Leib-Seele-Problem: Der Dualismus reagiert auf die intuitive Kluft zwischen dem mentalen Innenleben und der physischen Realität wie folgt: Er behauptet, dass hier zwei grundsätzlich verschiedene Phänomene im Spiel seien – eben mentale und physische Entitäten." (Wikipedia: Philosophie des Geistes)

Dagegen steht die traditionelle philosophische Idee der Einheit von Seele und Leib. (Monismus: Eins-Sein) wie sie auch das Christentum vertritt. Man nennt das den "antireduktionistischen psychophysischen Monismus".

Die "modernen wissenschaftlichen Weltanschauungen"

Ein weiteres Problem sind die "modernen wissenschaftlichen Weltanschauungen" die auf Rene Descartes zurückgehen:
"Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Da also Geist und Materie verschiedene Entitäten sein müssen, ist der Dualismus folglich wahr." ( Wikipedia: Philosophie des Geistes)

Aus diesem Gedanken heraus schlug Descartes vor, die (objektive) Materie naturwissenschaftlich zu untersuchen (analysieren: zergliedern), und die Sache mit dem (ganzheitlichen, subjektiven) Geist zunächst mal zurückzustellen.

Zwei Formen des Reduktionismus - Materialismus und Idealismus:

Später kamen dann Philosophen (des sogenannten wissenschaftlichen Idealismus) auf die Idee, nur über den Geist nachzudenken und die Materie als etwas Nebensächliches zu denken :
reduktionistischer psychophysischer Monismus = Idealismus
(Die Materie als ein Sekundärphänomen des Geistes)

Dagegen spekulierten andere Philosophen (des sogenannten wissenschaftliche Materialismus und Positivismus), wie wäre es wenn man über die Materie nachdenkt und den Geist als etwas Nebensächliches betrachtet:
reduktionistischer psychophysischer Monismus = Materialismus
(Der Geist als ein Sekundärphänomen der Materie)

Antireduktionismus die Gegenpositon zum Materialismus (Reduktionismus)

Wenn man aber davon ausgeht, dass es Geist und Materie gibt, und diese eine Einheit bilden, kommt man zur Philosophie des:
antireduktionistischen psychophysischen Monismus = Einheit von Geist und Materie (Doppelaspekttheorie: Einheit von Psyche und Gehirn, Einheit von mentalem Innenraum und materieller Außenwelt)

Beim Antiredukionismus unterscheidet man zwei "konstitutive" (ungeschichtliche) Theorien zur Verbindung von Geist und Materie (konstitutiv: grundlegend, gestaltend, verbindend; Konstitution: Zusammensetzung, Grundlegung, Zusammenfassung, Verfassung)
1.) reduktive Theorie (Panpsychismus: Der Geist ist bruchstückhaft schon allen kleinsten materiellen Bausteinen beigefügt.)
2.) Emergenzstheorie (Der Geist taucht ganz plötzlich als Ganzheit zusammen mit der komplexen Materie von Nervensystems und Gehirn auf.)

Die von Thomas Nagel vertretene Position:

Wenn man die Welt, so wie sie ist und wie sie geworden ist, als Ganzheit aus Geist und Materie naturwissenschaftlich empirisch erklären will und nicht nur als Tatsache hinnehmen will, dann bedürfe die Evolutionstheorie einer Erweiterung um eine Komponente, die schon zur Zeit der Entstehung (!) des Lebens wirksam war - und damit die Entstehung des Lebens und des Mentalen wahrscheinlich (überzufällig) und wirklich erklärbar macht. Dazu stellt Nagel eine telelogische zeitabhängige Variabilität der physikalisch-chemischen Naturgesetze zu Diskussion.
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