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5.0 von 5 Sternen Die Wildgans, 18. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Wildgans: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Die Wildgans“ zählt als das wichtigste Werk des japanischen Schriftstellers Mori Ogai, der zu den herausragenden Autoren Japans des 19. Jahrhundert gehört. Bei dieser Geschichte geht es um Otama, Halbwaisin, die alleine bei ihrem sie zärtlich liebenden Vater aufwächst, der sich Zeit seines Lebens krummlegt, um mit seinen bescheidenen Mitteln seiner Tochter etwas Glück und Wohlstand zu bereiten. Nach einer gescheiterten Beziehung zu einem Polizisten geht sie eine Beziehung mit einem „Geschäftsmann“ ein und wird dessen Konkubine. Zwar fühlt sie sich dabei nicht wohl und erntet auch die Missachtung ihrer Umwelt, profitiert jedoch auch davon, da ihr „Herr“ ihr ein Haus stellt und auch dem Vater in der Nähe ein kleines Haus und eine Haushilfe besorgt. Dadurch fühlt sich Otama ihrem Vater gegenüber verpflichtet, der Respekt vor ihm verlangt also sozusagen ein Arrangement, um sich ihren Traum zu erfüllen, dass der alte Mann es einmal besser hat. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass ihr Gönner ein Wucherer ist, der Geld an Studenten und andere zu hohen Zinsen verleiht. Sie schafft es dennoch, sich so zu verstellen, dass ihr Gönner nichts bemerkt und macht auch ihrem Vater vor, das richtige Glück gefunden zu haben. Inmitten dieses Zwiespalts trifft sie zufällig, sprichwörtlich en passant, den attraktiven Studenten Okada, der jeden Tag an ihrem Haus vorbeiläuft, sie sieht und sich auch seinerseits in sie verliebt. Das Hinleben auf den Augenblick, an dem sie am Fenster sitzt und der Student am Haus vorbeiläuft, den Hut zieht und sie grüßt, füllt sehr schnell den Sinn ihres Tagewerks aus. Er hilft ihr, die Beziehung zu ihrem „Gönner“ zu überstehen, indem sie einfach ständig an ihn denkt, er macht sie glücklich, was ihr hilft, ihrem Vater weiterhin vorzuspielen, dass alles perfekt sei. Ein Zufall bringt die beiden denn auch tatsächlich zusammen, als der Student ihr nämlich zu Hilfe kommt, als eine Schlange versucht, ihre Vögel aus einem Vogelkäfig zu rauben, der in ihrem Fenster hängt. Danach plant sie in aller Stille eine Zusammenkunft, doch ein dummer Zufall kreuzt ihre Pläne: Okada, inzwischen selbst in die Unbekannte verliebt, kann auch an nichts anderes mehr denken und versucht seiner Sehnsucht zu entgehen, indem er sich zu einem Studium in Deutschland entschließt. Am letzten Abend plant er, noch einmal am Haus der Otama vorbeizugehen. Just an diesem Abend plant auch Otama den entscheidenden Schritt zu tun, schickt Ume, ihre Angestellte nach Hause, und überwindet sich, den Studenten nun tatsächlich anzusprechen. Okada jedoch trifft an jenem Abend in Begleitung seines besten Freundes einen Studienkollegen, der gerade eine Wildgans gefangen hat und diese zubereiten will. Das Abendessen im Gästehaus war an diesem Abend zufällig schlecht, so das- ebenfalls zufällig- Okada und sein Freund dieser Einladung zusagen. Im Park wird eine Wildgans „erlegt“ und zurück in die Wohnung des Studienkollegen gebracht. Wie es auch hier der Zufall will, ist es Okada, der einen Mantel trägt und die illegal erlegte Wildgans unter diesem verstecken muss. Ebenfalls zufällig ist gerade ein Polizist unterwegs, so dass sich die drei Gänsediebe beeilen müssen. Als sie am Haus der Otama vorbeigehen, hat sie gerade den Mut aufgebracht, hinaus auf die Straße den Studenten entgegen zu gehen, sie steht also mitten auf der Straße- nichts ahnend, dass die drei soeben eine Wildgans gestohlen haben und noch weniger ahnend, dass Okada am nächsten Tag abreisen wird- und die drei ziehen, da sie dieses illegale Beutegut bei sich haben, einfach an ihr vorbei. So ergibt es sich- zufällig-, dass das von beiden gewünschte Zusammentreffen nie stattfindet und Schuld daran ist eine erlegte Wildgans. Der Abend der drei Studenten verläuft eintönig, einer isst die Gans fast alleine auf, Okada und sein Freund, dem er erst am selben Abend sagte, dass er Japan verlassen werde, trinken lediglich Sake und als sie nach Hause gehen, ist es spät und es bleibt bei einem schlichten „Gute Nacht“- und am nächsten Tag ist Okada weg. Das Tragische an dieser Geschichte ist, dass es ein dummer Zufall ist- eine sprichwörtlich dumme Gans-, die nicht nur eine unerfüllte Liebe, sondern auch eine Freundschaft plötzlich ohne ein richtiges Ende enttäuschend und abrupt beenden lassen. Die Perspektive der Geschichte ist die des Freundes von Okada, der zunächst die erste Begegnung Okada und Otama beschreibt, dann die Lebensgeschichte der Otama und schließlich die Episode mit der Wildgans, mit der alle Hoffnungen zunichte gehen. Dass er die Geschichte der Otama kannte, erklärt sich, dass er am Ende noch kurz und knapp berichtet, sie später kennengelernt, aber keine Beziehung mit ihr eingegangen zu haben. Die zwei Verlassenen trafen sich also und somit schließt sich der Kreis. Atmosphärisch ist dieses Buch äußerst eng und gibt den Zwiespalt zwischen Altertum und Moderne in Japan des 19. Jahrhunderts wieder. Die Charaktere sind teilweise noch in den Vorstellungen des alten Japans der Meiji-Restauration ge- und verfangen, andererseits aber streben sie schon nach neuen Idealen. Der männlich Hauptprotagonist, Okada, liest z.B. einerseits chinesische Klassiker, bricht aber andererseits nach Deutschland auf, um dort westliche Medizin zu studieren. Ogai beschreibt mit seinem Werk sehr realistisch den Widerspruch, den die japanische Gesellschaft zu diesen Zeiten durchleben musste und zeigt in dieser Geschichte auch autobiografische Züge, denn er selbst wurde in seiner Jugend durch konfuzianische, traditionelle Erziehung geprägt, ging 1872 mit seinem Vater nach dem Ende des letzten Shogunats in die neue Hauptstadt Tokio, um dort moderne Medizin zu studieren, er selbst entstammte einer Medizinerfamilie traditioneller Ausrichtung, hatte also selbst diesen Spagat der Zeiten und Kulturen durchlebt. Von 1884 bis 1888 lebte er selbst in Leipzig, Dresden, München und Berlin und beschäftigte sich intensiv mit europäischer Literatur, zu der er durch das Deutsche Zugang fand. Ogai fing, zurück in Japan, mit der Übersetzung einiger großer literarischer Werke Europas und gilt noch heute als der Übersetzer Goethes, seine Faust-Übersetzungen gelten noch heute als die besten Übersetzungen Goethes ins Japanische. Vielleicht ist auch der Inhalt der „Wildgans“ ein stückweit autobiografisch, denn während Okada das immer noch traditionell verhaftete Leben Japans verlässt, um sich neue Möglichkeiten im Westen zu suchen, so bleibt Otama enttäuscht zurück und lebt weiterhin als Konkubine eines Wucherers, gefangen in einer starren Welt, die einer Frau, wie sie es ist, ihren eindeutigen Platz zuweist. Ein sehr lesenswertes Buch, erstens, weil die Geschichte „typisch japanisch“ sehr anrührt und gleichzeitig mehr als andere japanische Werke sehr viel „Europäisches“ in sich birgt. Zweitens zeigt diese Geschichte die Schwierigkeiten, die Japan auch gesellschaftlich zu leisten hatte, um den enormen Sprung in die Neuzeit zu schaffen und erklärt dadurch auch noch heute sichtbare „fremde“ Elemente auf sehr subtile Weise, die dem europäischen Leser ein Stück mehr über Japan erklären. Schließlich- drittens- ist Ogai sicherlich einer der ersten Japaner, die gerade zu Deutschland einen starken Bezug hatten und leider immer noch zu unbekannt bei uns- von daher: sehr empfehlenswert!
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