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Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Aufschrei und Anklage, 5. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen (Taschenbuch)
Der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann organisierte als Leiter der Abteilung IV B 4 (Juden- und Räumungsangelegenheiten) des Reichssicherheitshauptamtes die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden. Nach dem Sturz des NS-Regimes gelang es ihm, in Argentinien unterzutauchen. Dort wurde er vom israelischen Geheimdienst entdeckt und 1960 nach Israel entführt. Am 11. April 1961 begann sein Prozess vor dem Jerusalemer Bezirksgericht, am 15. Dezember wurde er zum Tode verurteilt.

Die jüdische Philosophin und Publizistin Hannah Arendt emigrierte 1933 aus Deutschland, zunächst nach Frankreich, später in die USA. Sie berichtete für die amerikanische Zeitschrift The New Yorker vom Eichmann-Prozess. Ihre Artikelserie erschien 1963 unter dem Titel "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" und rief eine lange Debatte hervor. Denn Arendts Buch ist kein objektiver Prozessbericht. Es ist ein Versuch, zu verstehen, was zwischen 1933 und 1945 in dem Land geschah, in dem sie aufgewachsen war, und wie es geschehen konnte. Arendt scheut sich nicht, unangenehme Fragen zu stellen und darauf noch unangenehmere Antworten zu liefern, was sowohl in der BRD als auch in Israel vorwiegend auf Ablehnung stieß.

50 Jahre nach seinem Erscheinen hat sich die Kontroverse um das Buch beruhigt. Wie Hans Mommsen in einem einleitenden Essay zu dieser Ausgabe feststellt, hatte Arendt in einigen Punkten unrecht: "Eine Reihe von Feststellungen sind nicht hinreichend kritisch überprüft. Einige Schlußfolgerungen verraten eine begrenzte Kenntnis des Anfang der 60er Jahre zur Verfügung stehenden Materials." (S. 10) Für ein Geschichtsbuch ist Arendts Buch tatsächlich nicht sachlich genug, doch eben darin liegt seine Stärke. "Eichmann in Jerusalem" ist nicht der nüchterne Tatsachenbericht, den Arendt vielleicht schreiben wollte, sondern ein Aufschrei, ein Dokument persönlicher Erschütterung, und eine Streitschrift.

Über den Angeklagten stellt Arendt fest: "Trotz der Bemühungen des Staatsanwalts konnte jeder sehen, daß dieser Mann kein "Ungeheuer" war, aber es war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, daß man es mit einem Hanswurst zu tun hatte." (S. 132) In ihrem Buch führt Arendt daher nicht nur den Angeklagten vor, sondern auch das Gericht und den Staat Israel, die erwartet hatten, einen der Hauptentscheidungsträger des Völkermords vor Gericht zu stellen. Doch Eichmann war weder ein glühender Antisemit, noch ein Unmensch, noch hatte er viel Entscheidungsgewalt besessen. Er war ein völlig mittelmäßiger, beschränkter Mensch, der Befehle ausgeführt hatte. Deshalb war er in Arendts Augen noch lange nicht unschuldig und er hatte auch keine andere Strafe als die Todesstrafe verdient. Doch dem Gericht gelang es nicht, die Art und die besondere Schwere seiner Schuld festzustellen. Stattdessen wurde versucht, ihn des Mordes zu überführen. Als er keinen Mord zugab, wurde er der Lüge bezichtigt.

Arendt deckt eines der größten Probleme der Verfolgung und Bestrafung von NS-Tätern auf: Das System funktionierte, weil Männern wie Eichmann die Verantwortung abgenommen wurde. Doch wie geht man mit sogenannten "Schreibtischtätern" wie Eichmann um, die nie von eigener Hand einen Menschen töteten – und es wohl auch nie getan hätten? Weil auf diese Frage 50 Jahre nach dem Eichmann-Prozess noch keine befriedigenden Antworten gefunden wurde, bleibt Arendts Buch hochaktuell. Arendt beschäftigt sich jedoch nicht nur mit Eichmann, sondern mit grundlegenden moralischen Fragen. Wie konnte ein beispielloses Verbrechen wie der Holocaust in einem Land begangen werden, in dem Arendt selbst aufgewachsen war? Weshalb gab es so wenig Widerstand gegen das NS-Regime? Arendts scharfe Vorwürfe an die Deutschen, an die ihrer Meinung nach mit den Nazis kollaborierenden Judenräte und an die Attentäter um Stauffenberg wurden vielfach kritisiert, oft zu Recht. Andererseits sind aber viele ihrer Vorwürfe berechtigt, etwa was die Nachkriegsprozesse und deren überraschend milde Urteile angeht. Und ihr sehr persönlicher Versuch, die moralische Tragweite der NS-Verbrechen zu erfassen, ist bewegend und beunruhigend.

Für eine der wichtigsten Erkenntnisse Hannah Arendts halte ich die von den Nazis herbeigeführte "Totalität des moralischen Zusammenbruchs" (S. 219), durch die Verbrechen wie der Völkermord und Täter wie Eichmann erst möglich wurden: "Viele Deutsche und viele Nazis, wahrscheinlich die meisten, haben wohl die Versuchung gekannt, NICHT zu morden, NICHT zu rauben, ihre Nachbarn NICHT in den Untergang ziehen zu lassen (denn daß die Abtransportierung der Juden den Tod bedeutete, wußten sie natürlich, mögen auch viele die grauenhaften Einzelheiten nicht gekannt haben) und NICHT, indem sie Vorteile davon hatten, zu Komplicen all dieser Verbrechen zu werden. Aber sie hatten, weiß Gott, gelernt, mit ihren Neigungen fertigzuwerden und der Versuchung zu widerstehen." (S. 249)
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