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Kundenrezension

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychologie der ehelichen Untreue, 5. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Madame Bovary: Roman (Taschenbuch)
Drei große Eheromane kennt das 19. Jahrhundert: Tolstois „Anna Karenina“, Fontanes „Effi Briest“ und Flauberts „Madame Bovari“. Jeder dieser drei Romane beschreibt den Zusammenbruch einer Ehe auf eine durchaus unterschiedliche Weise, gemeinsam aber ist ihnen allen, dass sie den Schwanengesang der ehelichen Treue anstimmen und mit einem Paukenschlag die Epoche einläuten, in denen die Frauen als Ehefrauen ihre Sehnsüchte und Gefühle geltend machen und ihre langweilen Gatten in den Wind schießen.. Der erste und wegweisendste dieser drei Romane war zweifellos die Geschichte der „Madame Bovari“, einer jungen und gebildeten nordfranzösischen Frau, die sich in der Mitte des 19. Jhdts. in ihrer Ehe mit dem Landarzt Charles Bovari zuerst grämt, dann langweilt, ehe sie mit diversen Geliebten aus der ehelichen Treue ausbricht. Was heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken oder aufregen könnte, war bei der Erstveröffentlichung 1856 ein Skandal, wobei man heute gar nicht mehr genau weiß, worin dieser Skandal eigentlich bestanden hat: in der Darstellung der Getriebenheit, mit der Madame Bovari am Ende ihre Sehnsüchte auslebte und sich schließlich zusammen mit ihrer Familie ins Verderben stürzt oder in der genialen psychologischen Verständnisleistung, mit der Flaubert Emmas Innenwelt schließlich so evident werden lässt, dass ein jeder nachfühlen kann, warum Emma Bovari die Gegenwart ihres Gatten schon nach kurzer Zeit kaum noch ertragen kann. „Alles, was Charles sagte, war flach wie ein Straßentrottoir, und Gemeinplätze und Binsenweisheiten zogen vorbei, ohne zum Aufbegehren, zum Lachen oder zum nachdenken zu reizen.“ stöhnt die junge Ehefrau. Obwohl er sie auf Händen durch sein einfaches Landarztleben trägt, ist seine Plumpheit und Tapsigkeit ihr ein tagtägliches Ärgernis, das sie in die Launenhaftigkeit und die Krankheit treibt. Niemand ist da, dem sie ihre Not miteilen könnte, denn der Landpfarrer, dem sich sie anzuvertrauen erwägt, kann sich eine existentielle Not jenseits der Lebensnotdurft nicht vorstellen. Eine Zeitlang kämpft Emma sogar gegen die zunehmenden Aversionen an, weil sie ahnt, dass sie ihren Charles eigentlich lieben sollte, doch „lautlos wie eine Spinne wob die Langeweile ihre Fäden in alle Kammern ihres Herzens“, bis sie es nicht mehr aushält, und die Verlockungen ergreift, die ihre Umwelt bereithält, zuerst den jugendlichen Leon dann den Lebemann Rudolphe. Für den Leser unserer Tage ist frappierend zu sehen, wie die Hauptfigur des Romans umso unsympathischer wird, je mehr sie sich individualisiert. Ihre nach heutigen Maßstäben vollkommen legitimer Lebenshunger gewinn im Kontrast zur relativ intakten Gesellschaft, in der Emma lebt, etwas absolut Gieriges und Unverantwortliches. Die Lieblosigkeit, mit der sie ihre Tochter behandelt, wirkt zutiefst unmenschlich, die Rückhaltlosigkeit, mit der sie sich in den Konsum stürzt und sich dabei verschuldet, ist der reine Wahnsinn, und doch sind alle Verhaltensweise der Madame Bovari einhundertfünfzig Jahre später Teil der gesellschaftlichen Normalität geworden. Man betrügt einander wann immer die Sehnsucht juckt, die Kinder werden bleiben dabei auf der Strecke ( siehe Shalev: Späte Familie ) und wenn alles schief läuft bleiben immer noch die Tröstungen des Konsums. Flaubert als Autor dieses Epochenwerkes ist weit davon entfernt den moralischen Zeigefinger zu erheben, er ist nur der hellsichtige Notar einer Zukunft, die er an dem Schicksal einer Frau seiner eigenen Gegenwart ins Stammbuch schreibt. Wie er das bewerkstelligt, ist große Literatur, auch wenn die Message alles andere als erbaulich ist.
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