Kundenrezension

177 von 195 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Psychogramm eines zutiefst verunsicherten Amerikas, 3. November 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Homeland - Season 1 [4 DVDs] [UK Import] (DVD)
Als amerikanische Serie könnte "Homeland" nicht untypischer sein. Schon der Vorspann mit seiner eigenwillig schrägen Jazzmontage und seinen verstörenden Bilderpuzzles verrät, dass es sich hierbei nicht um eine 08/15 USA-Krimiserie handelt, sondern um den Versuch, eine in Israel entwickelte und dort sehr erfolgreich im TV Programm gelaufene Dramenhandlung ins Amerika anno 2012 zu verpflanzen. Soviel sei verraten: das Experiment ist gelungen. "Homeland" setzt dabei erfrischenderweise nicht auf Spannung sondern auf gute Schauspieler und ein ausgeknobelt-intelligentes Skript.

Sgt. Nicholas Brodie ist seit dem Irak-Feldzug 2003 verschollen und hinterlässt Frau und Kinder, die im aufgekratzten Amerika nach 09/11 allein klarkommen müssen. Carrie Mathison (grandios: Claire Danes) ist eine CIA Agentin, die in Irak einen Tip bekommen hat, dass ein US-Marine von alQuaida "umgedreht" worden, d.h. zum Islam bekehrt und als "Schläfer" in die USA entsandt werden soll. Wenig später wird Brodie vom US-Militär aus seiner Gefangenschaft befreit und kehrt als Kriegsheld nach 8 Jahren Verschollensein in die Heimat und zu seiner Familie zurück. Carrie hält Brodie für den "Schläfer" und so beginnt ein Verwirrspiel um Gut und Böse, Macht und Einfluss, Realität und Wahn, welches, angereichert durch die Darstellung der typischen sozialen und psychologischen Probleme eines Kriegsheimkehrers, einen (für US-Verhältnisse) unerwarteten Tiefgang bereithält.

Die Serie erlaubt Einblicke in ein traumatisiertes, hypersensibles und zuweilen paranoides Amerika. Gekonnt wird mit den Stereotypen des wachsamen und starken Staates (verkörpert durch polizeiliche, nachrichtendienstliche und militärische Institutionen: FBI, CIA, Secret Service und Homeland Security) gespielt. Ist stete Wachsamkeit und Misstrauen nun richtig und erforderlich oder doch nur eine latent psychotische Überreaktion? Reflektiert wird dieses widersprüchliche Geschwisterpaar von Freiheit und Sicherheit in dem Innenleben der beiden Hauptfiguren Brodie und Carrie, die, selbst psycho-soziale Wracks, im Laufe der Serie auch persönlich zusammenfinden und doch, das wird sich zeigen, höchst unterschiedliche Interessen verfolgen.

Bis zum Schluss bleibt "Homeland" sehenswert, wenn auch erst ganz am Ende klassische Spannung aufkommt. Auch wenn es das Verdienst der Macher von "Homeland" ist, Inhalt und Anspruch vor Spannung zu setzen und auf jeglichen Cliffhanger zu verzichten, hätte ich mir im Ergebnis doch an der ein oder anderen Stelle etwas mehr emotionalen Tiefgang gewünscht. Und so manches Handlungselement erweist sich als stark konstruiert, etwa den kometenhaften politischen Aufstieg des Kriegsheimkehrers Brodie zum Parteikandidaten der Republikaner für den Kongress.

Alles in allem ist "Homeland" jedoch eine erfrischend tiefgängige und intellektuell fordernde Serie, die auf seichten Kitsch und übertriebene Spannungsbögen verzichtet. Das ist in jedem Fall sehenswert und sei dem Freund anspruchsvoller US-Serien á la "The Wire" wärmstens ans Herz gelegt.

Update zu Homeland -Staffel 2:

Nachdem nun auch die zweite Staffel im US-Fernsehen gelaufen ist, erlaube ich mir ein kleines (spoilerfreies) update:

- Homeland 2 wird spannender als Staffel 1, büßt dafür jedoch eine gehörige Portion Realismus ein.
- Das Ende der 2. Staffel enthält einen geradezu grandiosen Cliffhanger, der einen förmlich zwingt, Staffel 3 auch noch zu sehen.
- Der Kauf von Staffel 1 lohnt sich, da sich auch das Anschauen von Staffel 2 wieder lohnt. Man macht daher mit dem "Einstieg" in die Serie im Ergebnis nichts falsch.

Update zum Spiegel-Artikel vom 28.1.2013:

Die Spiegel-Redakteure Georg Diez und Thomas Hüetlin haben sich im Heft vom 28.1.2013 sehr treffend zur deutschen "Staatsfunkerlandschaft" anno 2012 geäußert und insbesondere "Homeland" als Gegenbeispiel angeführt, wie man richtig gutes Fernsehen macht.

Zitat: "Bis sich also ARD und ZDF aus den fünfziger Jahren in die Gegenwart vorgearbeitet haben, schauen wir weiter Homeland, auf DVD, gern zwei, drei, vier Folgen hintereinander, weil wir danach süchtig sind - und nicht um 23:15 Uhr, wie es uns die Programmmacher von Sat 1 vorschlagen, die auch noch tief im 20. Jahrhundert stecken. Wir werden staunen, weil wir nicht glauben können, was wir sehen. Und wir werden uns fragen, in was für einem Land wir eigentlich leben."

Update zum Spiegel-Artikel vom 4.11.2013:

Dirk Kurbjuweit vergleicht "Homeland" mit dem NSA-Skandal. Für ihn könnte "Homeland" nicht aktueller sein.

Zitat: "Die Gestalt unserer Zeit ist die Agentin Carrie Mathison, die Hauptfigur der amerikanischen Serie Homeland, gespielt von der wundervollen Claire Danes. Die Szenen unserer Zeit finden sich in den ersten Folgen von Homeland, wenn Mathison nervös zu Hause sitzt und das Leben eines Terrorverdächtigen beobachtet und abhört [...] Die Lieblingsserie von Barack Obama ist Homeland. Es ist eine befremdliche Vorstellung, dass er im Sessel sitzt, sich von Carrie Mathison unterhalten lässt und dabei für einen Staat verantwortlich ist, der so paranoid handelt wie diese Frau."
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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11-20 von 21 Diskussionsbeiträgen
Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.02.2013 19:14:39 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.02.2013 19:18:22 GMT+01:00
Creasy meint:
Ja, genau so sehe ich das nämlich. Ich wiederhole mich, echt gute Rezension!
Ich beobachte das schon länger, dass "amerikanisch" leider oft als Synonym für "kitschig" missbraucht wird. Generell, aber insbesondere in Sachen Film und Serie. Auf der anderen Seite suche ich vergebens nach deutschen Serien, die sich mit eben Breaking Bad, Homeland oder wie Sie sagen den skandinavischen und BBC-Produktionen messen können. Naja, wie dem auch sei, ich habe heute die erste Staffel fertig geschaut und fange jetzt mit Freude die 2. an!!

PS: "Staatsfunkerland" gefällt mir ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.05.2013 22:03:41 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.05.2013 22:31:18 GMT+02:00
Mentor54 meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 09.06.2013 02:04:58 GMT+02:00
Lee meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.06.2013 12:50:14 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.06.2013 12:50:23 GMT+02:00
OldboY meint:
@Mentor54: Das israelische Original zu sehen hatte ich noch keine Zeit. "Im Angesicht des Verbrechens" ist klasse, da haben Sie Recht! Leider weisen Sie damit auch schon gleich auf das Problem hin, dass es außerdem in Deutschland nicht viele Lichtblicke gibt. So habe ich auch die Kritik im Spiegel verstanden, die Dominik Graff ja ausdrücklich als "Lone Star" im deutschen Fernsehen darstellt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.07.2013 12:01:43 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.07.2013 12:04:51 GMT+02:00
Ich als us Amerikaner habe da eine andere
Sicht der Vorkommnisse.
Gebe vielen der Kommentartoren recht. Bezüglich fiktiv und real, im Umgang mit einer verwundeten Nation. Nach 09/11 war nichts mehr wie früher."Homeland" ist weit entfernt von plakativität. Und die US TV Landschaft unterscheidet sich in vielen von der Deutschen. Wir haben mutige Kabel Multisender welche es nicht scheuen unbequeme Themen an zu fassen. Das fehlt in Deutschland. Öffentlich rechtlich oder Privat.
sorry for meine schlechte Deutsh

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.07.2013 12:11:03 GMT+02:00
OldboY meint:
"Wir haben mutige Kabel Multisender welche es nicht scheuen unbequeme Themen an zu fassen. Das fehlt in Deutschland. Öffentlich rechtlich oder Privat."

Stimme Ihnen und dem Spiegel voll und ganz zu. Das deutsche Staatsfernsehen ist aufgrund seiner behördenähnlichen Strukturen und wegen seinem öffentlichen Auftrag nicht in der Lage kontroverses Fernsehen zu machen. Die privaten Sender könnten es, haben dafür jedoch in Deutschland kein Geschäftsmodell. Sie sind werbefinanzerte Commercial-Plattformen, die mittlerweile nur noch Sendungen produzieren, die sich in welcher Form auch immer als Werbeträger eignen. Das Pay-TV ist in Deutschland nie angenommen worden, eben auch wegen der bereits hohen Abgabenbelastung deutscher Haushalte mit TV und sonstigen Gebühren im Übrigen. Die guten Sachen werden allesamt aus dem Ausland eingekauft.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.12.2013 14:46:51 GMT+01:00
Mentor54 meint:
"Heiße Eisen" wie Homosexualität oder Rassismus hat bereits die Mutter aller deutschen Fernsehserien "Lindenstraße" vor 25 Jahren angefasst. Diese Einstellung "Alles, was aus dem Ausland - insbesondere den USA - kommt, ist toll, und alles, was im eigenen Land produziert wird, ist Scheiße" nervt mich und gibt es in dieser Form wohl nur in Deutschland.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2014 11:51:06 GMT+01:00
OldboY meint:
Ich kann ihre Haltung verstehen, teile sie jedoch nicht. Das Land mit der größten "Selbstzerfleischung" ist aus eigener langjähriger Erfahrung eindeutig Großbritannien. Die Lage in Deutschland ist anders. Kritik am eigenen Land ist zulässig, sofern sie der Staatsräson oder einer bereits etablierten Mehrheitsmeinung entspricht. Gleichzeitig werden Einrichtungen wie der Staatsfunk fast bedingungslos akzeptiert. Tatort, Tagesthemen etc. haben hierzulande einen derartigen Heiligen-Status, der es den Programmmachern erlaubt ausschließlich in festgefahrenen Bahnen zu verharren und Innovationen nur sehr zögerlich anzugehen. Vielleicht entspricht das dem sprichwörtlichen preußischen Ordnungsgeist, der chaotischen Entwicklungen, Überwerfungen, Innovationen grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, à la: "Haben wir schon immer so gemacht, wo kämen wir denn dahin, wenn wir das ändern?"

Veröffentlicht am 05.03.2014 20:27:25 GMT+01:00
B52bo meint:
"im aufgekratzten Amerika nach 09/11", bedeutet das etwa, dass Sie tatsächlich glauben, dies seie ein Terrorakt gewesen, oder was? Das WTC wurde einst konstruiert, um selbst Flugzeugeinschlägen zu trotzen.
Hören Sie doch auf diese Terrorparanoia zu schüren. alQuaida und 9/11 haben genauso wenig miteinander zu tun, wie Mutter Theresa und die Mafia.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.03.2014 10:35:59 GMT+01:00
OldboY meint:
@B52bo: ????

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