Kundenrezension

181 von 199 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Psychogramm eines zutiefst verunsicherten Amerikas, 3. November 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Homeland - Season 1 [4 DVDs] [UK Import] (DVD)
Als amerikanische Serie könnte "Homeland" nicht untypischer sein. Schon der Vorspann mit seiner eigenwillig schrägen Jazzmontage und seinen verstörenden Bilderpuzzles verrät, dass es sich hierbei nicht um eine 08/15 USA-Krimiserie handelt, sondern um den Versuch, eine in Israel entwickelte und dort sehr erfolgreich im TV Programm gelaufene Dramenhandlung ins Amerika anno 2012 zu verpflanzen. Soviel sei verraten: das Experiment ist gelungen. "Homeland" setzt dabei erfrischenderweise nicht auf Spannung sondern auf gute Schauspieler und ein ausgeknobelt-intelligentes Skript.

Sgt. Nicholas Brodie ist seit dem Irak-Feldzug 2003 verschollen und hinterlässt Frau und Kinder, die im aufgekratzten Amerika nach 09/11 allein klarkommen müssen. Carrie Mathison (grandios: Claire Danes) ist eine CIA Agentin, die in Irak einen Tip bekommen hat, dass ein US-Marine von alQuaida "umgedreht" worden, d.h. zum Islam bekehrt und als "Schläfer" in die USA entsandt werden soll. Wenig später wird Brodie vom US-Militär aus seiner Gefangenschaft befreit und kehrt als Kriegsheld nach 8 Jahren Verschollensein in die Heimat und zu seiner Familie zurück. Carrie hält Brodie für den "Schläfer" und so beginnt ein Verwirrspiel um Gut und Böse, Macht und Einfluss, Realität und Wahn, welches, angereichert durch die Darstellung der typischen sozialen und psychologischen Probleme eines Kriegsheimkehrers, einen (für US-Verhältnisse) unerwarteten Tiefgang bereithält.

Die Serie erlaubt Einblicke in ein traumatisiertes, hypersensibles und zuweilen paranoides Amerika. Gekonnt wird mit den Stereotypen des wachsamen und starken Staates (verkörpert durch polizeiliche, nachrichtendienstliche und militärische Institutionen: FBI, CIA, Secret Service und Homeland Security) gespielt. Ist stete Wachsamkeit und Misstrauen nun richtig und erforderlich oder doch nur eine latent psychotische Überreaktion? Reflektiert wird dieses widersprüchliche Geschwisterpaar von Freiheit und Sicherheit in dem Innenleben der beiden Hauptfiguren Brodie und Carrie, die, selbst psycho-soziale Wracks, im Laufe der Serie auch persönlich zusammenfinden und doch, das wird sich zeigen, höchst unterschiedliche Interessen verfolgen.

Bis zum Schluss bleibt "Homeland" sehenswert, wenn auch erst ganz am Ende klassische Spannung aufkommt. Auch wenn es das Verdienst der Macher von "Homeland" ist, Inhalt und Anspruch vor Spannung zu setzen und auf jeglichen Cliffhanger zu verzichten, hätte ich mir im Ergebnis doch an der ein oder anderen Stelle etwas mehr emotionalen Tiefgang gewünscht. Und so manches Handlungselement erweist sich als stark konstruiert, etwa den kometenhaften politischen Aufstieg des Kriegsheimkehrers Brodie zum Parteikandidaten der Republikaner für den Kongress.

Alles in allem ist "Homeland" jedoch eine erfrischend tiefgängige und intellektuell fordernde Serie, die auf seichten Kitsch und übertriebene Spannungsbögen verzichtet. Das ist in jedem Fall sehenswert und sei dem Freund anspruchsvoller US-Serien á la "The Wire" wärmstens ans Herz gelegt.

Update zu Homeland -Staffel 2:

Nachdem nun auch die zweite Staffel im US-Fernsehen gelaufen ist, erlaube ich mir ein kleines (spoilerfreies) update:

- Homeland 2 wird spannender als Staffel 1, büßt dafür jedoch eine gehörige Portion Realismus ein.
- Das Ende der 2. Staffel enthält einen geradezu grandiosen Cliffhanger, der einen förmlich zwingt, Staffel 3 auch noch zu sehen.
- Der Kauf von Staffel 1 lohnt sich, da sich auch das Anschauen von Staffel 2 wieder lohnt. Man macht daher mit dem "Einstieg" in die Serie im Ergebnis nichts falsch.

Update zum Spiegel-Artikel vom 28.1.2013:

Die Spiegel-Redakteure Georg Diez und Thomas Hüetlin haben sich im Heft vom 28.1.2013 sehr treffend zur deutschen "Staatsfunkerlandschaft" anno 2012 geäußert und insbesondere "Homeland" als Gegenbeispiel angeführt, wie man richtig gutes Fernsehen macht.

Zitat: "Bis sich also ARD und ZDF aus den fünfziger Jahren in die Gegenwart vorgearbeitet haben, schauen wir weiter Homeland, auf DVD, gern zwei, drei, vier Folgen hintereinander, weil wir danach süchtig sind - und nicht um 23:15 Uhr, wie es uns die Programmmacher von Sat 1 vorschlagen, die auch noch tief im 20. Jahrhundert stecken. Wir werden staunen, weil wir nicht glauben können, was wir sehen. Und wir werden uns fragen, in was für einem Land wir eigentlich leben."

Update zum Spiegel-Artikel vom 4.11.2013:

Dirk Kurbjuweit vergleicht "Homeland" mit dem NSA-Skandal. Für ihn könnte "Homeland" nicht aktueller sein.

Zitat: "Die Gestalt unserer Zeit ist die Agentin Carrie Mathison, die Hauptfigur der amerikanischen Serie Homeland, gespielt von der wundervollen Claire Danes. Die Szenen unserer Zeit finden sich in den ersten Folgen von Homeland, wenn Mathison nervös zu Hause sitzt und das Leben eines Terrorverdächtigen beobachtet und abhört [...] Die Lieblingsserie von Barack Obama ist Homeland. Es ist eine befremdliche Vorstellung, dass er im Sessel sitzt, sich von Carrie Mathison unterhalten lässt und dabei für einen Staat verantwortlich ist, der so paranoid handelt wie diese Frau."
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 21 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.12.2012 23:09:23 GMT+01:00
Jojo Weidner meint:
Die Rezension hat, nach dem Spiegel- Beitrag, meine Absicht bestärkt, mir die Serie zu kaufen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.12.2012 19:19:20 GMT+01:00
Petrol meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.12.2012 11:00:23 GMT+01:00
OldboY meint:
Ich habe rein gar nichts gegen konstruktive Kritik. Wäre nett, wenn Sie Ihre Meinung etwas genauer darlegen könnten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.12.2012 14:51:35 GMT+01:00
Petrol meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 25.12.2012 15:26:29 GMT+01:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.12.2012 11:27:29 GMT+01:00
OldboY meint:
Aber genau das macht doch die Serie aus. Sie ist realistisch gehalten und will das Spannungsverhältnis zwischen Wachsamkeit ("starker Staat") und Freiheit ("Rule of Law") im Amerika nach 09/11 ausleuchten. Wie weit dürfen Geheimdienste gehen? Sind z.B. ad-hoc eingerichtete Lauschangriffe auf Verdächtige zulässig oder gelten hier die Regeln eines Rechtsstaats, auch dann wenn der Verdacht möglicherweise zutrifft und Untätigkeit eine Katastrophe auslösen kann? Ich will damit sagen, dass die Serie selbst den Bezug zu diesen Themen herstellt. Und genau das habe ich rezensiert. Ich bewerte ja die Serie und gebe hier nicht meine eigene Meinung wieder. Sofern es Sie interessiert: ich halte die USA nach wie vor für ein freiheitliches Land, wenngleich die oben genannten Spannungen nach 09/11 zugenommen haben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.02.2013 21:20:42 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2013 14:38:08 GMT+01:00
T. Ringel meint:
@Petrol

"Das wäre eine lange Geschichte."

Ich liebe es - erst die Klappe aufreißen und dann den Schwanz einziehen. DAS nenne ich gepflegte Diskussionskultur :-)

Veröffentlicht am 16.02.2013 00:16:50 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.02.2013 00:18:23 GMT+01:00
Creasy meint:
Ich finde die Rezension nicht schlecht, sogar gut gelungen, aber was mich etwas stört sind diese Aussagen über "typisch amerikanisch" und "einen (für US-Verhältnisse) unerwarteten Tiefgang" ....
Da wird schon viel Mist produziert, aber es gibt durchaus auch vieles mit Tiefgang, z.B. Breaking Bad um nur mal eine andere Serie zu nennen.

Ist jetzt nichts allzu wichtiges hier aber wollte ich nur mal am Rande anmerken, weil meiner Meinung nach amerikanische Produktionen zu oft (ganz allgemein gesprochen jetzt) als trashig und flach dargestellt werden ;)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.02.2013 18:14:17 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.02.2013 18:15:41 GMT+01:00
OldboY meint:
Ich gebe Ihnen Recht! Wenn ich ernsthaft nochmal darüber nachdenke, ist es eigentlich genau umgekehrt wie ich eingangs in der Rezension geschrieben habe und es wirdgerade bei uns in Deutschland zu viel seichter Quatsch à la "Um Himmels Willen", "Rosamunde Pilcher" und vor allem zu viel Scripted Reality Müll (Berlin Tag & Nacht etc.) produziert. Da sind uns die Amerikaner doch sehr weit voraus. Wir Deutschen stehen da eigentlich ziemlich einsam da, denn auch die Skandinavier (Borgen, The Killing) und insbesondere die britische BBC produzieren teilweise hervorragende Serien (Dr. Who, Luther, Sherlock, Downton abbey uvm). Was ist nur los um "Staatsfunkerland" Deutschland?
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