Kundenrezension

106 von 115 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige..., 30. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Also sprach Zarathustra (Gebundene Ausgabe)
...hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt ist!" (Zarathustras Vorreden, 2. Teil) Das von 1883 bis 1891 erschienene Hauptwerk Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" gehört für mich zu den inspirierendsten Schriften, die jemals in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Ästhetisch ein Hochgenuss, entwickelt "Also sprach Zarathustra" alle Konzepte Nietzsches, die bis heute nachwirken: Den Tod Gottes, den Willen zur Macht sowie den Übermenschen.

Nach zehn Jahren Einsamkeit will Zarathustra seine Einsichten an die Welt weitergeben und steigt von seinem Berg zu den Menschen hinab. Verwundert muss er feststellen, dass offenbar noch keiner vom Tod Gottes gehört hat. In insgesamt 80 Reden breitet Zarathustra seine Philosophie aus, die noch heute absolut zu faszinieren weiß.

Auf Grund der These vom Tod Gottes, wird Nietzsche gemeinhin als Nihilist bezeichnet. Damit wird oftmals fälschlicherweise in Verbindung gebracht, dass Nietzsche für eine Gesellschaft ohne Moral und Werte eintritt. Dies ist falsch. Dahinter steht die engstirnige Ansicht, dass einzig und allein Gott als Quelle moralischer Kategorien anzusehen ist und dementsprechend ohne Gott auch keine Moral möglich sei. Gott als Quelle von Werten lehnt Nietzsche in der Tat kategorisch ab: "Diese Welt, die ewig unvollkommne, eines ewigen Widerspruches Abbild und unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schöpfer" (Von den Hinterweltlern). Eine Moral hergeleitet von einem "unvollkommnen Schöpfer" hat es nach Nietzsche nicht verdient, bewahrt zu werden. Überhaupt sei der Bezug auf eine metaphysische Instanz nur ein Trick, um zu verbergen, dass Werte höchst menschliche Produkte sind, die manchmal durch Verweis auf ihre angebliche göttliche Herkunft versucht legitimiert zu werden: "Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht viel es ihnen als Stimme vom Himmel" (Von tausend und einem Ziele).

Was Nietzsche hier postuliert, ist die Tatsache, dass Werte und moralische Kategorien nicht naturgegeben, sondern menschliche Konstrukte sind. Als Gegenkonzept entwickelt Nietzsche den Übermenschen. Der Übermensch ist oftmals ist oftmals als ein bestimmter Typus eines körperlichen Menschen missinterpretiert worden. Vielmehr bezeichnet der Übermensch eine bestimmte individuelle Lebenseinstellung, zu der jeder Mensch das Potential hat. Ein Übermensch akzeptiert die Menschen so wie sie sind und braucht keine von einer göttlichen Instanz hergeleiteten Werte als Krücke, um ein menschliches Leben zu führen. Mit dem Übermenschen ist die Chimäre eines Gottes überflüssig geworden. Der Weg zum Übermenschen sei jedoch hart und schwer, da der Mensch Angst vor der Selbstverantwortung habe: "So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte!" (Von der Menschen Klugheit) Um den Zustand des Übermenschen zu erreichen, brauche es den Willen zur Macht. Der Wille zur Macht ist im Grunde nichts anderes, als der Wille zum Übermenschen.

Nietzsche wirkt bis heute nach. Vor allem die poststrukturalistischen Denker berufen sich auf ihn. Michel Foucault, der in seinen Untersuchungen zur Sexualität, zu Gefängnissen, Krankenhäusern und Psychiatrien das Konzept der Konstruiertheit aller Wahrheiten verfeinert hat, ist da an erster Stelle zu nennen.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 13.08.2009 08:31:11 GMT+02:00
Auch wenn ich gerade einmal 16 Jahre alt bin, so finde ich, dass das eine wirklich treffende Rezension ist und außerdem gefällt mir, dass sie auch die Missinterpretation des Übermenschen erwähnen.

Veröffentlicht am 12.03.2010 22:40:41 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.04.2010 20:22:23 GMT+02:00
Lucullus meint:
Die Deutung von Nietzsches Vision des Übermenschen als einer Lebenseinstellung, zu der "jeder Mensch das Potenzial hat", ist ein groteskes Missverständnis.

Der Autor des "Zarathustra" war zwar kein Vorläufer des Nationalsozialismus, wohl aber ein gefährlicher Denker, der beanspruchte "Dynamit" zu sein und "mit dem Hammer zu philosophieren".

Diesen Anspruch einlösend griff Nietzsche neben dem Christentum auch den Humanismus, die Demokratie, den Liberalismus, den Nationalismus, den Sozialismus, den Feminismus sowie die Gleichheitsvorstellungen seiner Zeit an.

Der "Übermensch" wird von ihm ausdrücklich als ein aristokratisches Ideal formuliert, das nur für eine kleine Elite gedacht ist. Dementsprechend heißt es im "Zarathustra":

"Es gibt solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie Prediger der Gleichheit und Taranteln. ... Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet m i r die Gerechtigkeit: 'Die Menschen sind nicht gleich'. Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche? Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so lässt mich meine große Liebe reden!" (Also sprach Zarathustra, Zweiter Teil, Von den Taranteln).

Noch deutlicher wurde Nietzsche in seinem Nachlass, wo er unmissverständlich erklärte: "Meine Philosophie ist auf Rangordnung gerichtet: nicht auf eine individualistische Moral" (Kritische Studienausgabe, Band 12, Nachlass 1885-87, S. 280).

In direktem Gegensatz zu Kant, dessen kategorischer Imperativ verlangte, "die Menschheit ... jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel" zu gebrauchen (Akademieausgabe Band IV, S. 429), sah Nietzsche in der Menschheit "viel eher noch ein Mittel, als ein Ziel. Es handelt sich bloß um den Typus: die Menschheit ist bloß das Versuchsmaterial" (Kritische Studienausgabe, Band 14, Nachlass 1887-89, S. 221). Ein Volk sei der "Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben großen Männern zu kommen" (Jenseits von Gut und Böse, § 126).

Grundvoraussetzung für das Auftreten solcher Männer seien hierarchische Lebensverhältnisse. "Jede Erhöhung des Typus 'Mensch' war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein: als einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Wertverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in irgend einem Sinne nötig hat" (Jenseits von Gut und Böse, § 257).

Verstreute Bemerkungen konkretisieren, wie Nietzsche sich die angemessene Aristokratie dachte. Auf dem Grunde aller vornehmen Rassen sei, so schrieb er, das Raubtier, "die prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifende b l o n d e B e s t i e nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Tier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildnis zurück: - römischer, arabischer, germanischer, japanischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger - in diesem Bedürfnis sind sie sich alle gleich" (Zur Genealogie der Moral, Erste Abhandlung, § 11).

Raub- und Herrenmenschen dieser Art glaubten ganz selbstverständlich, "dass einem Wesen, wie 'wir sind', andere Wesen von Natur untertan sein müssen und sich ihm zu opfern haben" (Jenseits von Gut und Böse, § 265).

In außergewöhnlichen historischen Konstellationen könne es geschehen, dass Aristokratien Männer hervorbringen, die dem Ideal des Übermenschen nahekommen. Zuletzt sei dies, so meinte Nietzsche, während der Französischen Revolution erfolgt. Mitten darin sei das Ungeheuerste passiert: "das antike Ideal trat selbst leibhaft und mit unerhörter Pracht vor Auge und Gewissen der Menschheit, - und noch einmal, stärker, einfacher, eindringlicher als je erscholl ... die furchtbare und entzückende Gegenlosung vom Vorrecht der Wenigsten! Wie ein letzter Fingerzeig zum anderen Wege erschien Napoleon, jener einzelnste und spätestgeborene Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleischgewordene Problem des vornehmen Ideals an sich - man überlege wohl, was es für ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Übermensch ... (Zur Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung, § 16).

Ähnlich bewundernd wie zu Napoleon äußerte sich Nietzsche über Caesar, den Staufenkaiser Friedrich II., Cesare Borgia, Leonardo da Vinci und Goethe. Es bedarf wohl keiner Begründung, dass nicht jeder das Potenzial hat, so zu leben oder das Gleiche zu leisten, wie diese Männer.

Weil sie nicht den Mut besitze, sich zum Vorrang des großen Mannes und der Notwendigkeit von Ungleichheit und Sklaverei zu bekennen, hielt Nietzsche die Moderne für eine Epoche des Verfalls. "Die Zeiten sind zu messen nach ihren p o s i t i v e n K r ä f t e n - und dabei ergibt sich jene so verschwenderische und verhängnisreiche Zeit der Renaissance als die letzte g r o ß e Zeit, und wir, wir Modernen mit unserer ängstlichen Selbst-Fürsorge und Nächstenliebe, mit unseren Tugenden der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der Wissenschaftlichkeit ... als eine s c h w a c h e Zeit. ... Die 'Gleichheit', eine gewisse tatsächliche Anähnlichung, die sich in der Theorie von 'gleichen Rechten' nur zum Ausdruck bringt, gehört wesentlich zum Niedergang ..." (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, § 37).

Der Liberalismus sei eine "Herden-Vertierung" (a. a. O., § 38), die Demokratie eine "Niedergangs-Form der organisierenden Kraft" (a. a. O., § 39), die Moderne ein "physiologischer Selbst-Widerspruch" (a. a. O, § 41).

Nachdrücklich wies Nietzsche darauf hin, dass seine Vision des "Übermenschen" eine Verneinung des normativen Fundaments der Moderne bedeute. "Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte 'Objektivität' zum Beispiel, das 'Mitgefühl mit allem Leidenden', ..." (Ecce Homo, Jenseits von Gut und Böse, § 2).

Nietzsches Moralkritik zielte vorwiegend darauf ab, den "Vornehmen" sämtliche Freiheiten im Umgang mit den "Herdentieren" zu eröffnen. Kämen sie einmal mit diesen zusammen, sollten sie keinen Einschränkungen unterliegen. Sie "halten sich in der Wildnis schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschließung und Einfriedung in den Frieden der Gemeinschaft gibt, sie treten in die Unschuld des Raubtiergewissens z u r ü c k, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben" (Zur Genealogie der Moral, Erste Abhandlung, § 11).

Den höchsten Exemplaren eines SOLCHEN Adels, NICHT dem sich selbst verwirklichenden modernen Menschen, galt Nietzsches Aufmerksamkeit.

Der postmodern weichgespülte Nietzsche, dessen "Zarathustra" ein Ideal predigt, das jeder erreichen kann, hat mit dem historischen Nietzsche nichts zu tun.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.07.2010 23:17:40 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.07.2010 09:54:00 GMT+02:00
Andreas Reich meint:
Ausgezeichnete Replik, danke. Für solche Erwiderungen lohnt es sich, die Kommentare zu durchforsten. Ich denke aber, dass es als eigene Rezension größere Chancen hätte, von vielen gelesen zu werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.06.2011 17:46:13 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.06.2011 17:47:01 GMT+02:00
MaNic' meint:
@valer ambrus: sie haben das wirklich schön zusammengestellt und nietzsches intention weit aus passender erkannt... dieses falsche bild von ihm ist ausdruck von der angst vor seinen forderungen!
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