Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen "Sinnen auf den Tod ist Sinnen auf Freiheit. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr.", 25. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Was der Philosoph Michel de Montaigne mit seinen "Essais" geschaffen hat, ist wahrlich bemerkenswert. Liest man heute ein Buch, einen Aufsatz oder einen Zeitungsartikel von vor 20 Jahren, so scheint es des Öfteren so, als tauche man ein in eine längst vergangene Epoche. Vor allem die digitale Revolution der Informationstechnologien hat das Leben auf unserem Planeten in extrem kurzer Zeit dramatisch und unwiderruflich verändert. Vor diesem Hintergrund einer zeitlichen Beschleunigung verblüfft der zeitlose Charakter dieser vor über 400 Jahren geschriebenen Aufsätze über so verschiedene Themen wie Reue, Bücher oder Erziehung umso mehr. Manche seiner Sätze könnten wortwörtlich in den heutigen bundesdeutschen Feuilletons abgedruckt werden, ohne dass sie jemand in das Jahr 1580 datieren würde. Bei vielen Themen, die derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert werden, zeigen die "Essais" eine frappierende und manchmal geradezu schockierende Aktualität; schockierend, weil die Menschheit in den vergangenen 400 Jahren nichts dazu gelernt zu haben scheint.

"Philosophieren heißt sterben lernen", der Titel des vielleicht bekanntesten Aufsatzes bleibt bis heute einer der faszinierendsten und zugleich zugänglichsten Beiträge zu dem unbestreitbaren Faktum der Endlichkeit unser aller Existenz. Montaigne sieht in dem adäquaten Umgang mit diesem Thema den Schlüssel zu einem erfüllten Leben: "Es ist ungewiß, wo uns der Tod erwartet; erwarten wir ihn also allenthalben! Sinnen auf den Tod ist Sinnen auf Freiheit. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr. Für den hat das Leben kein Übel mehr, der die Wahrheit einsieht; das Leben aufgeben ist kein Übel. Zu sterben wissen, das befreit uns von aller Lehnspflicht und von jedem Zwange" (16).

Von einer kaum zu glaubenden Aktualität sind auch Montaignes Ausführungen zum Thema Erziehung in dem Aufsatz "Über die Kinderzucht": "Der Hofmeister muß von einem Zögling nicht bloß Rechnung von den Worten seiner Lektion fordern, sondern von ihrem Sinn und ihrem Inhalt" (40). Das liest sich ohne Mühe als Plädoyer gegen ein reines Auswendiglernen und somit für eine eher schülerorientierte Pädagogik. Mit dieser Erkenntnis liegt Montaigne voll im Trend der heutigen Lernforschung. Selbiges gilt auch für seine Vorstellungen für den allgemeinen Umgang mit Kindern: "Weg mit Zwang und Gewalt! Nichts erniedrigt und verdummt nach meiner Meinung so arg eine sonst gut geartete Natur" (62). Wie wenig doch dieser eigentlich so logisch klingende Satz in das Bewusstsein vieler Menschen vorgedrungen ist, zeigen wieder einmal die Statements des unsäglichen Herrn Mixas, er habe ja zu keiner Zeit Kinder missbraucht, sondern ihnen lediglich "die eine oder andere Watschn" verpasst. Und der Stammtisch pöbelt, was denn das ganze Getue jetzt soll, ihnen haben ein paar Schläge doch auch nicht geschadet. Doch, haben sie, doch die meisten Menschen wählen eher den Weg der Verdrängung und Beschönigung, um sich nicht ihrer Vergangenheit stellen zu müssen.

Der Aufsatz "Von den Menschenfressern" war seiner Zeit meilenweit voraus und ist er gemessen am moralischen Standart vieler Zeitgenossen noch immer. Als das alte Europa die Nachricht von der Existenz von Kannibalenvölkern erreichte und mit Entsetzen darauf reagierte, bemerkte Montaigne lapidar: "Ich denke, es sei weit ärgere Barbarei dabei, einen Menschen lebendig zu fressen als tot zu fressen" (93). Messerscharf erkannte er, dass ein Mensch dazu neigt, immer nur das als barbarisch zu bezeichnen, "was nicht Sitte in seiner eigenen Heimat ist" (86).

Fazit: Selbstkritik, Selbstreflexion, ironische Distanz, Toleranz; die Lektüre der "Essais" macht die Flut von religiöser oder säkularer Selbsthilfeliteratur schlicht und einfach überflüssig. Der Philosoph räumt auf mit dem säkularen Heilsversprechen des Glücks durch Konsum und der religiösen Jenseitsneurose. Seine Beschreibung des wahren Wertes eines Menschen umfasst etwas, was man durchaus mit der etwas pathetischen Bezeichnung einer zeitlosen Weisheit beschreiben kann: "Der eigentliche Wert eines Menschen beruht auf seinem Herz und seinem Willen; darin liegt seine wahre Ehre [...]. Derjenige, welcher fällt, ohne daß sein Mut gedämpft ist, wer wegen naher Todesgefahr nichts von seiner Fassung verliert, [...] der ist gefällt, nicht durch uns, sondern durchs Glück; er ist getötet, nicht überwunden" (96).
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