Kundenrezension

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Muff von 100 Jahren, 9. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Schwarze Witwen und Eiserne Jungfrauen (Gebundene Ausgabe)
Dem Buch ist ein Zitat von Nietzsche vorgestellt, als Motto sozusagen, in dem Nietzsche behauptet, Frauen, die hassen, seien gefährlicher als Männer, da weder durch irgendwelche Rücksichten noch Mitleid gehemmt. Da schwant einem schon Schlimmes, und zu Recht. Klischees über Frauen, die im späten 19./frühen 20. Jh. Furore gemacht haben (man denke an die gesamte sexologische Szene von Möbius bis zu Lombroso bis zu Krafft-Ebing) werden hier wieder aufgewärmt. Damit meine ich nicht, dass diese Autoren hier etwa diskutiert oder auch nur als Vorbilder zitiert würden. Sondern vielmehr scheint es so, als seien Bolte und Dimmler einfach auf dem Wissenstand und auch dem Niveau der Vorstellungen über Weiblichkeit und Kriminalität von ca. 1900 stehengeblieben; sie wiederholen einfach die (in der Regel zutiefst primitiven) Ideen alter Sexologen zum Thema weibliche Kriminalität, und das scheinbar, ohne die einschlägigen Texte auch nur gelesen zu haben.

Über mordende Frauen gibt es inzwischen massenhaft Literatur: belletristische, soziologische, kriminologische, psychologische, psychiatrische und historische. Bolte und Dimmler dagegen tun so, als hätten sie eigenhändig entdeckt, dass Frauen morden können: 'Wir betreten hier einen nahezu unerforschten Kontinent.' (S. 16). Das Ziel ihres Buches sei, LeserInnen darüber aufzuklären, 'daß auch Frauen Schattenseiten haben'; diese elementare Tatsache bezeichnen sie als einen 'lange Zeit totgeschwiegenen Thomas' (S. 14). So scheint es ihnen höchst erstaunlich, dass Morde begangen werden durch 'zarte Frauenhände, die in den Parfümerien so geschickt und kunstvoll teure Duftflakons in hübsches Geschenkpapier einpacken oder am heimischen Schreibtisch Klassenarbeiten korrigieren' (S. 15). 'Normale' Frauen, darf man daraus schliessen, existieren in ihrem Denken allenfalls als Verkäuferinnen oder Lehrerinnen, die sich sogar bei der Arbeit idealiter im Haus aufhalten (wenn schon Frau am Schreibtisch, dann bitteschön am heimischen), und deren Arbeit allerhöchstens Kindern oder der Verschönerung anderer Frauen zugute kommen darf.

Aus der alt-sexologischen Vorstellung einer normativen Weiblichkeit, die vor allem sexuell bestimmt ist, erklärt sich auch die Vielfalt weiblicher Gestalten in Boltes und Dimmlers Buch, die in einem Werk über Mörderinnen eigentlich nichts zu suchen haben. Wann hätten Brigitte Bardot oder Marlene Dietrich oder Jeanne d'Arc einen Mord begangen? Offensichtlich geht es hier letztendlich nicht um Kriminalität, sondern Sexualität: ein Übermass an Sexyness/Sexualität (Bardot, Dietrich) oder umgekehrt Virginität und ein Mann-Sein-Wollen (Jeanne d'Arc in Männerkleidung!) ist Indiz genug für abnorme Weiblichkeit, und von dort scheint es nur ein winziger Schritt zur weiblichen Gewaltkriminalität. 'Frauen morden besser', verkündet eine Kapitelüberschrift--also ist Mord etwas spezifisch Weibliches. Eine andere dagegen trompetet: 'Frauen werden Männer und suchen das Abenteuer'--also sind's doch die unweiblichen Weiber, die morden... Bolte und Dimmlers gequälte Logik hier erinnert sehr an Cesare Lombroso, der 1893 behauptete, Gewaltkriminalität sei ein Zeichen für Zurückgebliebenheit und daher 'typisch weiblich,' da er Frauen im Vergleich zu Männern für geradezu schwachsinnig hielt. Die Tatsache, dass -- damals wie heute -- 90% oder mehr aller Gewaltverbrechen von Männern begangen wurden, wischte er kurzerhand vom Tisch, indem er behauptete, dass Frauen, diese geborenen Gewaltverbrecher, zu dumm oder feige seien, ihre gewalttätigen Gelüste in die Tat umzusetzen. Solange man sich von den Fakten nicht in seine Theorien pfuschen lässt, kann man die eigenen Ideen auch durch Indizien beweisen, die ihnen völlig widersprechen.

Wissenschaftliche Ansprüche erfüllt das Buch nicht. Hier werden lediglich bekannte Mordfälle nacherzählt, basierend auf minimaler Literaturkenntnis, von Spekulationen durchsetzt und um längst nachgewiesene Fakten recht unbekümmert. Vereinzelt machen sich die Autoren eines Plagiats schuldig: frühere Autoren zum Thema werden verweislos kopiert (so z. B. das Voget-Zitat auf S. 46 ohne Angabe des Autors). Auch das Hippel-Zitat zur Abscheulichkeit der Schminke im Bezug auf die sich schminkende Giftmörderin Gesche Gottfried (S. 30) ist keineswegs auf Boltes/Dimmlers Mist gewachsen, sondern auf dem von Friedrich Leopold Voget (1831), der hier nicht genannt wird. Das ist vielleicht nicht direkt ein Plagiat, aber zumindest wissenschaftliche Unehrlichkeit: man tut, als habe man das gelesen, was der (wohl aus diesem Grund) nicht zitierte Voget gelesen hat, und als habe man eigenständig Zusammenhänge entdeckt, die man in Wahrheit lediglich von ihm übernommen hat.

Bei alledem wird die 'Frauenliteratur' heftig und wiederholt kritisiert: sie handele, so die Autoren, fast ausnahmslos von den Glanz-, Liebes- und Erduldungsleistungen historischer Frauen' (S. 15) und ignoriere die dunklen Seiten der Frauen. Abgesehen davon, dass hier nirgends gesagt wird, was mit dem vagen Begriff 'Frauenliteratur' gemeint ist (Literatur von Frauen? Über Frauen? Belletristische? Wissenschaftliche? Feministische?), ist die Aussage einfach lachhaft--sie belegt nur einmal mehr, dass die wissenschaftliche Literatur zu Frauen allgemein und kriminellen Frauen im besonderen schlicht und ergreifend nicht gelesen worden ist.

Stilistisch bewegt sich das Ganze auf Groschenheft-Niveau, entsprechend dem Niveau der hier vertretenen Ideen.
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