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Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein fantasievolles Märchen, das sich leise mit der Realität vermischt, 24. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Der Junge, der Glück brachte (Kindle Edition)
Lynettes Mutter stirbt überraschend bei einem Autounfall, und so verändert sich über Nacht ihr ganzes Leben. Sie hat nicht nur mit ihrer eigenen Trauer zu kämpfen, sondern auch damit, dass sie auf einmal mehr Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister tragen muss, als ein Mädchen ihren Alters so ohne weiteres bewältigen kann. Der Vater ist verzweifelt und frustiert, denn ohne das Einkommen der Mutter steckt die Familie auch noch in finanziellen Schwierigkeiten.

Ausgerechnet der grimmige Besitzer des Videospielladens bringt Lynette ein Stück Erlösung in Form eines Buches, das er ihr leiht. Es handelt von Jeronimus, einem kleinen Jungen, der in der märchenhaften Welt Immerheim lebt und Glück in Form von Kristalleiern schenkt, die Wünsche erfüllen. Schnell stellt Lynette fest, dass das Buch sie im wahrsten Sinne des Wortes in die Geschichte zieht... Aber je länger sie sich in Immerheim aufhält, desto mehr wird klar, dass auch diese märchenhafte Welt ihre Probleme hat, und dass auch ein Junge, der Glück bringt, unglücklich sein kann und Hilfe braucht.

Pro:
Das Cover ist schlicht gehalten, lädt mit seiner zarten, märchenhaften Stimmung aber wunderbar in eine Geschichte ein, die berührt, zum Nachdenken anregt und... glücklich macht.

Manches liest sich wie eine Hommage an großartige Bücher, mit denen ich aufgewachsen bin und die sich unauslöschlich in mein Herz eingebrannt haben: der schroffe, eher abweisende Besitzer des Videospielladens hat mich an Karl Konrad Koreander erinnert, der in "Die Unendliche Geschichte" der Auslöser dafür ist, dass Bastian Baltasar Bux den Weg nach Phantasien findet. Jeronimus kam mir gelegentlich vor wie ein Bruder von Antoine de Saint-Exupérys melancholischem kleinem Prinzen. Das soll aber keineswegs heißen, dass die Geschichte abgekupfert ist oder an mangelnder Originalität krankt - ich hatte eher den Eindruck, dass Nicholas Vega leise den Hut zieht vor diesen Werken, um dann seine ganz eigene Welt zu erschaffen, die auf einmalige Art und Weise Realität und Fantasie miteinander verwebt.

Es ist die Geschichte einer Selbstfindung, des Erwachsenwerdens und des Wachsens an Herausforderungen, der Trauerbewältigung und des Loslassen. Und eine Geschichte darüber, wie unterschiedlich die Vorstellung von Glück sein kann, und dass es oft die kleinen Dinge sind, die Glück schenken.
Die Geschichte wird zu großen Teilen aus Lynettes Sicht erzählt, die sehr authentisch und echt wirkt: ein modernes Mädchen mit frechem Humor, die Videospiele spielt, aber auch Bücher verschlingt. Sie ist ein waschechter Teenager, und so kann sie auch mal patzig und launisch sein, aber sie blieb für mich dennoch immer sympathisch. Im Laufe des Buches beweist sie großen Mut und unerschütterliche Loyalität.

Jeronimus kam mir zunächst etwas einfach gestrickt vor: ein glücklicher kleiner Junge, der in einer scheinbar perfekten Welt lebt, in der in alle Menschen lieben. Aber im Laufe der Geschichte wurde er immer mehr zu einem "echten" Jungen, mit echten Ängsten und Hoffnungen und einem unerschüttlichen Traum von Freiheit und Erlösung.

Auch die anderen Charaktere sind glaubhaft und lebendig geschildert: Lynettes Vater, der sicher nicht Alles richtig macht, aber den man dennoch verstehen kann. Lynettes zickige kleine Schwester, die eigentlich einfach nur überfordert ist mit dem Tod ihrer Mutter und dem Mobbing in der Schule. Der kauzige Wanderer, der zuerst recht zwielichtig erscheint und einem im Laufe des Buches ans Herz wächst (zumindest ging es mir so).

Sogar der Schattenmann - zuerst der typische Märchen-Bösewicht: abgrundtief böse, scheinbar unmöglich zu begreifen oder gar zu besiegen... Doch im Laufe der Geschichte wird er mehr und mehr zu einer Manifestation von Jeronimus Zweifeln und Ängsten.

Der Autor baut schnell Spannung auf - psychologische Spannung, aber auch Fantasy-Spannung mit Verfolgungsjagden und lebensbedrohlichen Reisen durch gefährliche, fremdartige Lande. So richtig lässt sich das Buch auf kein Genre festnageln, aber das macht auch gerade einen Teil des Reizes aus! Ich war jedenfalls von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.

Der Schreibstil ist bildreich, sogar bildgewaltig - aber immer in einer Art und Weise, die stimmig und passend ist, entweder für ein Mädchen in Lynettes Alter, oder für die märchenhafte Welt von Jeronimus.

Trotz des ernsten Themas kommt durchaus oft Humor auf, entweder durch Lynettes flappsige Gedanken oder durch die skurillen Geschehnisse in Immerheim, wie z.B. die laufende Bank - ein Kopfnicken in Richtung von Terry Pratchet?

Kontra:
Manchmal war mir der Schreibstil im ersten Drittel des Buches etwas ZU bildgewaltig und kam mir ein klein bisschen überfrachtet vor, und das ein oder andere Bild ein wenig zu "steif", wie z.B. "Meine Augen sonderten reißende Ströme ab...". Aber diese Stellen kann ich an einer Hand abzählen.

Auch kam mir ab und merkwürdig vor, das Lynette zwar anscheinend viele Fantasy-Bücher liest, sich aber dennoch in der Welt von Immerheim sprachlich nicht so ausdrücken kann oder will, dass Jeronimus sie auch versteht.

Zusammenfassung:
Ein trauriges Thema - der Verlust der Mutter, eine Urangst jedes Kindes -, verbunden mit atemloser Fantasy-Spannung, poetischem Märchen-Gefühl und psychologischem Tiefgang. Das ergibt ein einmaliges Leseerlebnis, bei dem es sich mehr als lohnt, sich darauf einzulassen.
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