Kundenrezension

193 von 233 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die große Sehnsucht, 22. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Delta Machine (Deluxe Edition) (Audio CD)
Wem sollen sie es nun Recht machen? Dem Feuilletonisten, dessen Erwartungen mindestens so hoch sind wie die Meinung, die er von sich selbst hat? Dem eventgetriebenen Musikjournalisten, den beim Anblick dreier mittelgrauer Fiftysomethings schon die kalte Angst um Lesergunst und Auflage anweht und der ohne Starallüren und garantiertes Hitpotential sein Powerbook erst gar nicht einstöpselt? Oder doch besser dem notorisch unzufriedenen Fanvolk, das sich eher in die einfallslose, aber konsequente Kopie früherer Großwerke verlieben will und dem der Name Alan Wilder die allein seligmachende Verheißung bedeutet? So viele Sehnsüchte für knappe sechzig Minuten. Was also machen Depeche Mode? Das einzig Richtige: Sie veröffentlichen mit „Delta Machine“ einen beeindruckend hochklassigen Zusammenschnitt all der Trends, Einflüsse und Stile, die sie im Laufe der Jahrzehnte entweder selbst gesetzt, einfach übernommen oder auch für ihre Zwecke weiterentwickelt haben – und: ja, Gitarren gibt es, sparsam verteilt zu analoger Synthetik und harten Beats, dazu: Soul, soviel man vertragen kann, Sakrales, Tiefschwarzes, Schwülstiges auch, und – am wichtigsten: richtige, das heißt richtig gute Songs. Und das allein unterscheidet dieses Album von seinen drei Vorgängern.

Schon die beiden ersten Stücke „Welcome To My World“ und „Angel“ lassen keine Zweifel aufkommen, dass hier das ganz dicke Packet geschnürt wird, es wummert und pumpt, was die Röhren hergeben, Gahan gibt den Teufel („I penetrate your soul, bleed into your dreams“), mal schmeichlerisch, mal aggressiv und kantig. „Heaven“ – sattsam bekannt – und selbst oder gerade von denen gemocht, die mit Historie und Gesamtwerk weniger vertraut sind, ein hymnisch-schwerblütiger Schmachtfetzen, dem das Pathos aus jeder Pore tropft und der einen doch an den Eiern hat. Danach „Secret To The End“, an dessen Chorus man sich zwar erst gewöhnen muss, die hämmernden Drumsets und der mehr als feine, instrumentale closing part lassen einem aber auch hier keine Wahl, als den „LikeIt“-Button zu drücken. Der ist für das nachfolgende „My Little Universe“ gesetzt – ein Stück, dass es auf den letzten Alben so nicht gegeben hat und das man sich um so mehr herbeisehnte: Die technoiden Bleeps von VCMG, Gore läßt auf der gedoppelten Spur die vereinsamte Seele heulen ("Here I am king, I decide everything, I let no-one in…") und der Beat bleibt satt darüber liegen – man hat lange auf so eine Nummer warten müssen.

Wer vorher die Bezugskette bis zu „Construction Time Again“ knüpfen wollte, darf für das anschließende „Slow“ kurz „Ultra“ sagen – verfremdete Slideguitar zu dick angerührtem Blues, der Track stampft in staubigen Boots behäbig durchs Revier, gleich darauf geht’s mit „Broken“ noch ein paar Jahrgänge zurück – „Music For the Masses“, die Rhythmusmaschine tickert, Gahans Timbre warm und sanft, wenn er über die Zeit der Unschuld singt, Gitarre als Textur, ganz feiner Stoff. So sicher wie das – sorry! – Amen in der schwarzen Messe folgen: Der theatralische, doch herzwärmende Soul des Martin Gore („The Child Inside“) und der bratzig scheppernde Dancetrack „Soft Touch/Raw Nerve“, beide gehören auf ihre Art zu den liebgewonnenen Standards und beide gelingen in gewohnter Manier.

Waren auf dem letzten Album „Sounds Of The Universe“ noch eine ganze Reihe halbgarer Nummern, die man besser unerwähnt ließ, so kommt man bei „Delta Machine“ tatsächlich an keinem der Stücke wirklich vorbei: „Should Be Higher“ markiert gleich den nächsten Stimmungspeak, Gahan croont für die Masse, die diesen Song live, kommt er ins Programm, lieben wird, die ganz große Sause. „Alone“ macht das Gegensatzpaar perfekt, dramatische Düsternis, die Schläge so massiv, dass die Membranen zu reißen drohen – „I couldn’t save your soul“ – keine Hoffnung, nirgends. Tja, und dann doch noch mal der Haken zu „Personal Jesus“ und seiner hiesigen Entsprechnung – „Soothe My Soul“ hat den gleichen Drive, sitzt ähnlich punktgenau, und auch das ist für Show und Bühne gemacht. Bis vor ein, zwei Jahren hätten sie an dieser Stelle behutsam das Licht gedimmt und den Abschied im Flüsterton vorgetragen, es passt zu diesem Album, dass Gahan, Gore und Fletcher am Ende noch einmal alle Maschinen auf Maximalleistung fahren und zum bombastischen Rundumschlag ausholen – „Goodbye“ als Beweis und Ausdruck wiedererlangten Selbstbewußtseins, wer will es ihnen verdenken. „Delta Machine“ ist ein BestOf-Album im wörtlichen Sinne geworden, ohne alte Stücke, aber nach altbewährten Mustern, eine mitreißende Werkschau, die in dieser Qualität und Wucht kaum jemand erwarten konnte. mapambulo:blog
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Kommentare

Von 4 Kunden verfolgt

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1-10 von 37 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.03.2013 13:03:46 GMT+01:00
Martin Rödl meint:
Halllo Mapambula,

herzlichen Dank für diese Rezension. Selten habe ich eine derart zurtreffende und stimmige Betrachtungsweise gelesen. Ich kann dieser nur zustimmen. Punktgenau!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.03.2013 13:14:42 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.03.2013 13:23:44 GMT+01:00
HSV meint:
Ich kann mich mit dem Album überhaupt nicht anfreunden:((((OK Slow-Angel-Heaven ist Klasse!!der rest Sorry ist bist jetzt noch nicht bei mir angekommen:(((mal sehen vieleicht muss ich es nur öfters hören!!fande Sound of Universe am anfang auch nicht so toll erst später fande ich sie richtig gut.

Veröffentlicht am 22.03.2013 14:29:27 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 22.03.2013 18:26:41 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 22.03.2013 16:18:51 GMT+01:00
ich hab ein paar durchgänge gebraucht..aber danach hat sie mir gefallen..die delta machine....ich muss zugeben das sie es einem nicht leicht machen..aber wenn man tiefer heinein hört..dann erschliest sie sich mit jedem duchgang mehr

Veröffentlicht am 22.03.2013 17:02:18 GMT+01:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 22.03.2013 20:41:28 GMT+01:00
szentendre meint:
Super Rezension, da gibt es für mich fast nichts hinzuzufügen!!

Veröffentlicht am 22.03.2013 22:45:49 GMT+01:00
Tuxedomoon meint:
Danke,Mapambulo! Stimme dir zu 100% zu!!!!

Veröffentlicht am 22.03.2013 23:28:34 GMT+01:00
Uwe Behr meint:
Mann, deine Rezension ist genauso geil wie das Album!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.03.2013 07:47:15 GMT+01:00
Jörg Iwersen meint:
Ja genau am besten noch dreißig mal anhören,denn das ist doch DM da muß doch was gutes drauf sein. Ist es aber nicht!!!!!! Aber trotzdem viel Spaß.

Veröffentlicht am 23.03.2013 10:22:41 GMT+01:00
Dieser Rezension ist nichts mehr hinzuzufügen. Könnte meine Eindrücke von Delta Machine nicht besser beschreiben.
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