Kundenrezension

26 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nomen est omen? Oder doch eher Schall und Rauch?, 12. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Name der Leute (DVD)
"Auf den Namen sch... wir!"
So der Schlußsatz und die Quintessenz dieses überaus witzigen und fantasievollen Kinoerfolges aus Frankreich.

Arthur Martin, Tierarzt, trägt einen der in Frankreich meistverbreiteten Namen und ist darüber auch gar nicht allzu unglücklich, kommt es seinem zurückhaltenden Naturell doch sehr entgegen, möglichst unauffällig in der Menge untertauchen zu können.
Lediglich die Tatsache, daß man ihn immer und überall fragt, ob er mit dem gleichnamigen Hersteller von Küchengeräten zu tun habe, ist manchmal etwas lästig, aber immer noch besser, als wenn seine Mutter den von ihr favorisierten Vornamen Rémy durchgesetzt hätte...

Bahia Benmahmoud, quirlige Tochter eines algerischen Einwanderers und einer friedensbewegten französischen Mutter, ist in ganz Frankreich die einzige mit diesem Namen und stolz darauf, wenngleich sie auch ständig richtig stellen muss, daß der Name Bahia nicht brasilianisch, sondern algerisch ist.
Die temperamentvolle junge Frau hat keinen festen Job, ist aber eine überaus engagierte linke Politaktivistin, die nahezu ununterbrochen eine Menge plappert (darunter auch eine Menge Unsinn), aber ihr großes goldenes Herz auf dem rechten Fleck trägt und sich vehement für alle gerade verfügbaren Randgruppen und Minderheiten einsetzt.

Als Arthur im Radio über die Gefahren der Vogelgrippe berichtet, stürmt Bahia, die gerade im Telefoncenter des Senders jobbt, das Studio, beschimpft Arthur als Panikmacher und "Fascho" (eines ihrer Lieblingswörter, wie wir alsbald feststellen werden) und setzt damit sowohl der Sendung als auch ihrem Job ein jähes Ende.

Dennoch landet sie zusammen mit Arthur in einem Restaurant, gehört es doch zu ihren "Hobbies", ganz im Sinne ihrer Hippie-Mutter "Make love, not war" Männer, die nicht wie sie linkspolitisch überzeugt sind, mithilfe von heißem Sex zu "bekehren", und wer könnte dazu geeigneter sein als der offensichtlich erzrechtskonservative und spießige Arthur - merkt man doch schließlich schon an seinem Namen, oder?!

Als sich jedoch herausstellt, daß Arthur überzeugter Linkswähler und glühender Jospin-Anhänger ist, muss Bahia feststellen, daß ihre Überzeugungsarbeiten in seinem Fall nicht nötig sind.
Trotzdem gefällt ihr der leicht verklemmte Ornithologe irgendwie, und auch Arthur hat Feuer für das Temperamentsbündel gefangen, und so beginnt eine überaus stürmische und leidenschaftliche, oft skurrile und ganz und gar nicht immer politisch korrekte Liebesgeschichte, in deren Verlauf Arthurs bislang wohlgeordnetes Leben gründlich auf den Kopf gestellt wird und er sich endlich auch seinen wohlgehüteten Familiengeheimnissen stellen muss...

In deren Verlauf wird aus Zerstreutheit nackt Metro gefahren, Scheinehen zu Einwanderungszwecken werden geschlossen bzw verweigert, auf dem Markt werden Krebse gekauft, um sie am Meer in die Freiheit zu entlassen (nicht, ohne darüber zu sinnieren, wie ungerecht es doch ist, daß das Leben eines Krebses mehr wert ist als das einer Krabbe, aber weniger als das eines Hummers), Arthurs Idol Lionel Jospin (Gastauftritt!) erscheint als "Geschenk" in dessen Wohnung und man erfährt, wie und warum Nicolas Sarkozy französischer Staatspräsident wurde.

Trotz der offensichtlichen Botschaft für Toleranz und gegen Vorurteile und Ausländerfeindlichkeit ist "Der Name der Leute" in erster Linie eines, nämlich unheimlich witzig und fantasievoll.
So werden Arthurs Erzählungen über seine Famile mit einer blutjungen Frau als seine Mutter und einem älteren Herrn als sein Vater bebildert, da er sich diesen einfach nicht als jungen Mann vorstellen kann, Arthurs Erlebnisse werden von seinen verstorbenen Großeltern, die er nie kennengelernt hat und von ihm selbst als Teenager begleitet und kommentiert und vieles mehr.

Darüber hinaus ist der Film mit Jacques Gamblin und Sara Forestier wunderbar besetzt und es macht wirklich Spaß, diesem charmanten "Gegensätze ziehen sich an"-Pärchen zuzusehen.
Jacques Gamblin war für seine Rolle nach "Pédale douce" und "Le premier jour du reste de ta vie" zum dritten Mal für den César nominiert, hat ihn allerdings wiederum leider nicht bekommen.
Sara Forestier dagegen erhielt die Trophäe zum zweiten Mal.

Ich habe einige Male wirklich Tränen gelacht und war auch einige Male sehr nachdenklich und berührt.
Der Film hat mich nach dem Abspann noch längere Zeit beschäftigt und mich einfach gutgelaunt zurückgelassen.
Was kann man über einen Film schöneres sagen?!
Ich kann diesen wunderbaren und wirklich ungewöhnlichen Film allen Liebhabern europäischer Filme nur empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

Von mir gibt es daher alle verfügbaren Sternchen.

Ich empfehle an dieser Stelle auch den Soundtrack zum Film.
Das wunderschöne Titellied "De Bénisaf à Salonique" wird vom Regisseur Michel Leclerc und seiner algerischen Lebensgefährtin Baya Kasmi, deren Liebesgeschichte den Film inspiriert hat, selber gesungen.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.11.2011 23:49:21 GMT+01:00
Kleiner Hinweis zu einer Rezension, die ich sehr schätze: Rémy Martin wäre ja geradezu witzig gewesen, doch die Mutter schlägt den anderen Allerweltsnamen Jacques vor (zumindest in der französischen Fassung wie in den deutschen Untertiteln)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2011 09:54:35 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.11.2011 09:57:53 GMT+01:00
Berlinoise meint:
Lieber Serenus,
danke für den Hinweis, kenne den Film in beiden Versionen, offenbar ist da in meiner Erinnerung etwas durcheinander geraten.
Im französischen Kino, wo ich den Film das erste Mal gesehen habe, war es definitiv noch Rémy, evt eine Änderung aufgrund von Namensrechten?
Werde beim nächsten Sehen darauf achten!
Herzliche Grüße aus Berlin!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2011 10:55:47 GMT+01:00
Mmh, ich hatte mir den Film jetzt ausgeliehen, genossen und habe ihn bereits zurückgegeben, doch die Szene eigentlich noch gut im Kopf - Jacques Gamblin spielt den erwachsenen virtuellen Arthur so herrlich trocken.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2011 11:27:08 GMT+01:00
Berlinoise meint:
Lieber Serenus,
schauen Sie mal in diesen Clip, da ist der "Rémy Martin" noch drin:
http://www.youtube.com/watch?v=ayXaJPESeQ8&feature=fvsr
Bei der französischen Fassung werde ich bei nächster Gelegenheit mal drauf achten, kann mir doch gar nicht denken, warum man diesen doch wirklich recht witzigen Gag geändert haben sollte?
Jacques Gamblin mag ich ohnehin sehr und hier war er besonders klasse.
Liebe Grüße, Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.11.2011 14:07:26 GMT+01:00
Jetzt bin ich selbst neugierig, ob ich da etwas falsch mitbekam oder ob sie etwas geändert haben ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.08.2012 20:28:11 GMT+02:00
RK meint:
Mensch, so spannend (doch, wirklich)... was ist nun die Lösung? Rémy oder Jacques!?
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