Kundenrezension

48 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Buch, das letztlich an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, 8. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Ich beginne zu glauben, dass es wieder Krieg geben wird: Was die Systemische Evolutionstheorie über unsere Zukunft verrät (Taschenbuch)
Dieses Buch erhebt einen hohen Anspruch: Es geht Mersch darum, eine neue und allgemeine Theorie zu schaffen, eine komplette Theorie für den gesamten Bereich des Lebens, von der ersten Zelle bis hin zur Pleite von Lehman's, eine Theorie aus EINEM Prinzip. Mir ging es beim Lesen dann aber leider so, dass mir das Meiste schon irgendwie bekannt vorkam. Kaum etwas, was Mersch hier schreibt, ist wirklich neu. Neu ist nur die Verpackung, die Terminologie.

Das Grundprinzip ist folgendes: Alle (energetisch) komplexen Gebilde zerfallen mit der Zeit, es sei denn, es gelingt ihnen, Energie aus der Umwelt abzuzweigen, um dadurch die eigene Struktur zu erhalten. Das lernen schon Kinder im Biologie-Unterricht: Stoffwechsel bedeutet, dass ein Organismus der Umwelt Energie entzieht, um selbst zu überleben.
Daraus entwickelt der Autor dann einen Begriff von "Kompetenz", der genau das bedeutet: Komplexe Strukturen seien mehr oder weniger kompetent darin, den ihnen drohenden Zerfall abzuwenden, eventuell schaffen sie es sogar, den thermodynamischen Pfeil umzudrehen, und Komplexität zu steigern.

Mersch weist darauf hin (und ist nicht wenig stolz darauf), dass nur sein Kompetenz-Begriff es erlaubt, das Verhalten von den ersten Zellen und Viren bis hin zu dem der Menschen und ihren sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu erklären. Das mag aus der Perspektive des Autors stimmen, doch was ist mit einer derartig abstrakten Meta-Theorie gewonnen ? Ich behaupte: wenig bis nichts.

Merschs Kompetenz-Begriff hat, wie ich meine, zwei Schwächen:

***Erstens ist er so allgemein gehalten, dass er für die konkrete Anwendung oder Forschung nicht taugt. Es handelt sich hier um einen Passe-partout-Begriff, der konzipiert wurde, um alle Lebensbereiche abzudecken, als kleinster gemeinsamer Nenner alles Lebens. Doch dieser Nenner ist so klein, dass er über das Phänomen, um das es konkret geht, nichts mehr aussagt, sondern dann im Einzelfall mit Zusatzannahmen aufgepeppt werden muss, die sich aber aus dem Grundprinzip nicht ableiten lassen.
Ich meine, dass es falsch ist, bei Theorien "abstrakt" mit "gut" gleichzusetzen. In meiner Disziplin, der Psychologie, haben wir schlechte Erfahrungen mit den zwei Theorien gemacht, die für sich beanspruchten, den Menschen "aus einem Prinzip" hergeleitet zu erklären (nämlich Psychoanalyse und Behaviorismus).

Wir sind Kinder des Urknalls, sagt Mersch. Das ist entweder banal oder irreführend. Banal ist es, wenn es bedeutet, dass wir sind materielle Wesen sind. Irreführend ist es, wenn man es streng wissenschaftlich betrachtet. Wir sind Ur-Ur-(x-milliarden Mal Ur-)..Urenkel der ersten Bakterien. Im Bereich des Lebendigen gelten die physikalisch-chemischen Gesetze, plus Gesetze, die sich aus dem Vorhergehenden nicht ableiten lassen, die dem Bereich des Biologischen eigen sind. Dies sind die berühmten emergenten Eigenschaften. So wie Literatur auf den Regeln der Grammatik und des Wortschatzes basiert, und dennoch die Literaturgeschichte nicht aus Grammatik plus Wortschatz abgeleitet werden kann.

Ebenso unsinnig ist es, die sozialen oder ökonomischen Vorgänge aus dem Grundprinzip "Leben ist Kompetenz im Kampf gegen den thermodynamischen Zeitpfeil" erklären zu wollen.
Der Irrtum aller Reduktionisten ist: Weil es einen materialen Zusammenhang gibt, postulieren sie auch einen Erklärungszusammenhang: X ist Y, ergo: X ist nichts als Y.
Das Ergebnis sind Erklärungen, die nichts erklären, von der Sorte: der Mensch ist nichts als ein Tier. Klar ist der Mensch ein Tier, aber er ist ein Tier plus X. Reduktionisten wie Peter Mersch vergessen den Unterschied zwischen einer notwendigen Bedingung von X , und dem hinreichenden Grund von X. Dass ein Wesen wie der Mensch dem Thermodynamischen Zeitpfeil für eine Weile ein Schnippchen schlägt, ist eine notwendige Bedingung für dessen Existenz, aber es ist noch kein hinreichender Grund, und somit auch keine ausreichende Erklärung. Es mag sein, dass Bakterien und Unternehmen den gemeinsamen Nenner haben "Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren eigenen Kompetenzen und ausbeuterisch gegenüber ihrer Umwelt" - doch dieser gemeinsame Nenner ist banal ; er erklärt nichts, zumindest nichts Interessantes.

*** Zweitens steckt m.E. hinter dem Begriff "Kompetenz" selbst ein Denkfehler. Wenn Mersch behauptet, dass Kompetenzen vererbt werden, dann ist das nicht richtig. Organismen besitzen bestimmte, ihnen eigene Fähigkeiten, und diese geben sie weiter (in der Natur über ihre Gene, in der Kultur über Traditionen u.ä.). "Kompetent sein", heißt ursprünglich soviel wie "befugt sein", und das bedeutet: Ob ein Organismus eine Fähigkeit hat oder nicht, liegt an ihn selbst. Ob er hingegen kompetent ist, entscheidet die Umwelt. Kompetenz ist demnach Fähigkeit + Kontext.

Die entscheidende Rolle des Kontextes spielt in der Evolutionstheorie die Selektion. Mersch glaubt darauf verzichten zu können, und führt statt dessen den Begriff des "Reproduktionsinteresses" ein, den ich für sehr unglücklich halte. Denn ob sich ein Organismus reproduziert oder nicht, hängt nicht von seinem Interesse ab (alle Organismen sind darauf programmiert, ein solches 'Interesse' zu haben!), es hängt entscheidend von der Umwelt ab.

Eine gute wissenschaftliche Theorie sollte zwei Bedingungen erfüllen: Sie sollte Phänomene, die sich bisher der Erklärung entzogen, erklären können; sie sollte weiterhin verifizierbare Voraussagen machen. Die Systemische ET fällt in beiden Punkten durch. Sie erklärt (a) nichts Neues, (b) nichts Altes auf wirklich neue Weise. Kurz: sie erklärt nichts, was nicht durch bestehende Theorien schon erklärt wird. Sie erklärt schon bekannte und gedeutete Phänomen auf andere Art und Weise, aber ohne dass dadurch irgendein Erkenntnisgewinn abfiele.
Ein gutes Gegenbeispiel ist der von Mersch als bloßer "Spezialfall" seiner eigenen Theorie bezeichnete (oder besser: geschmähte) Neodarwinismus Dawkins'scher Prägung, denn dieser etwa erklärt so diverse Phänomene wie die "kin selection", "meiotic drive", "genomic imprinting" oder auch die "Springenden Gene", um die in letzter Zeit soviel Aufhebens gemacht wird.

Eine letzte Bemerkung zum Schlusskapitel des Buches. Hier sagt Mersch, dass er pessimistisch sei, was den Fortbestand der Menschheit betrifft, aber dann drängte sich mir beim Lesen der Eindruck auf, dass die letzte Chance der Menschheit darin besteht, sich Merschs Theorie zu eigen zu machen. Der Autor plädiert für ein "Mondprogramm" des 21. Jahrhundert, zur Errettung der Menschheit, in das man hauptsächlich "Mathematiker und Naturwissenschaftler" berufen solle (mit anderen Worten: Menschen wie Mersch). Mersch verkennt hier die Grundprobleme :
a) Der Menschheit fehlt es nicht an klugen Köpfen, an klugen Theorien und an technischen Lösungsvorschlägen. All das liegt seit langem auf dem Tisch. Oft genug sind sich die Experten alles andere als einig, beschimpfen sich gegenseitig als Ignoranten ... Aber selbst wenn sich alle Experten einig wären, dann gilt immer noch (b)
b) Im Grunde wissen wir alle, WAS zu tun ist. Das Grundproblem ist die Umsetzung. Was nützt das beste, von Mersch und Co. ausgetüftelte Mondprogramm reloaded, wenn es dann nicht umgesetzt wird, so wie es seit Jahren mit dem dringend notwendigen Klimaschutz passiert? Die Konferenzen scheitern nicht, weil es an klugen Köpfen fehlte !
Die Menschheit kann ihre Probleme nur kollektiv und kooperativ, also politisch lösen. Doch dazu finden sich in diesem Buch keine Anhaltspunkte.
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