Kundenrezension

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kleines, aber sehr feines Debüt, 25. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Shine (Audio CD)
Anette Olzon dürfte einem breiteren Publikum als ehemalige Frontfrau der finnischen Metal-Band "Nightwish" bekannt sein, der sie von 2007 bis 2012 angehörte. Laut eigenem Bekunden arbeitete sie seit 2009 an Songmaterial für ein Solo-Album, nachdem sie zuvor vor allem für andere Künstler gesungen hatte. Die Arbeiten verzögerten sich jedoch ebenso wie die Veröffentlichung mehrfach, so dass "Shine" erst am 28.03.2014 in die Läden kam.

Stilistisch würde ich "Shine" als kalt und melancholisch gehaltenes Pop-Album mit deutlichen Rock- und Metal-Elementen bezeichnen. Stimmlich leistet Frau Olzon hervorragende Arbeit, wobei sie auch die aufwendiger instrumentierten Lieder stets dominiert. Das Klangbild wird durch (Metal-)Gitarren und Drums bestimmt, denen in vielen Titeln Synthies sowie in einigen Titeln auch Streicher zur Seite treten. Das Lieder klingen deutlich elektronischer, als es die Gewichtung der Instrumente hinsichtlich Auftreten und Lautstärke erwarten lassen würde. Melodisch ist "Shine" überaus schön – herrlich nordisch melancholisch –; von der Stimmung her kalt, aber nicht wirklich dunkel. Farblich assoziiere ich es mit einem dunklen Stahlblau, das jedoch aufgrund des elektronischen Klangs einen starken metallischen Glanz hat.
Die Texte meist recht kurz und vergleichsweise explizit, lassen aber durchaus Spielraum für Interpretationen. Hauptmotive scheinen mir Verlust, Traurigkeit, Orientierungslosigkeit, Besinnung und Hoffnung zu sein.
Strukturell folgen die Lieder des Albums dem konventionellen Schema – Strophe/Refrain/Strophe/Refrain/Zwischenspiel/Refrain/Outro. Herauszuheben ist die geringe Spielzeit: Die zehn Titel bringen nur eine Spieldauer von rd. 38 Minuten zusammen, was verglichen mit dem Epen von "Nightwish" sehr wenig ist. Auch hätten mehrere Titel durchaus länger sein können. Während der ersten Durchgänge erschien mir das Album eher wie eine lange EP, denn ein richtiger "Longplayer".

"Like a show inside my head" eröffnet das Album und liefert eine Art Querschnitt hinsichtlich Stimmung und Melodik. Im Tempo langsam, beinahe sperrig, ist es melodisch schön, ziemlich melancholisch und sehr gut instrumentiert. Ein gelungener Einstieg. "Shine" führt die Stärken des Openers unter Erhöhung des Tempos fort, erscheint stimmungsmäßig jedoch deutlich fokussierter und ... härter. Die Metal-Gitarren liefern hier den Kern des Klangbildes. Das Resultat ist von rauer Eleganz und sehr eingängig. Das nun folgende "Floating" reduziert das Tempo ebenso wie die Instrumentierung. Der Text ist im Gegensatz zu den Vorgängern sehr kurz und weit interpretierbar. Ungeachtet dessen ist es melodisch schön, von hoher Wirkung und bringt durch seinen kleinteiligen Aufbau einen interessanten Kontrast in das Album ein.

Auch ist es aufgrund seiner Zurückhaltung eine Art von Atemholen zum folgenden "Lies". Dieses vereint eine überaus schöne Melodie, kraftvolle Instrumentierung sowie eine variabel agierende Stimme, die einen sehr eindringlichen und dennoch interpretationsfähigen Text zum Leben erwecken. Unglaublich ausdrucksvoll, wunderschön und auch opulent ist "Lies" das erste Meisterwerk des Albums. Hier fällt es mir besonders schwer, nicht sofort und dann mehrfach auf die repeat-Taste zu drücken.

Die enorme Energie wird nun herausgenommen. War "Lies" dramatisch und laut, ist "Invincible" besinnlich und leise, wenngleich die Instrumentierung in der zweiten Hälfte durch Gitarreneinsätze deutlich kräftiger wird, während Olzon in der ersten Hälfte praktisch allein agiert. Melodisch ist es überaus schön und wirkt auf mich trotz seiner Andersartigkeit fast wie das Gegenstück zu seinem Vorgänger. Die Aneinanderreihung war ein kluger Schritt, da sich diese beiden exzellenten Titel durch den enormen Kontrast noch gegenseitig zu erhöhen scheinen.

"Hear me" nimmt verglichen mit "Invincible" wieder deutlich an Fahrt auf. Interessant ist, dass die erste Strophe hauptsächlich von der Stimme geführt wird, wohingegen die Instrumente stark zurücktreten. Erst in der zweiten Strophe setzen Drums, Synthies, Gitarren und schließlich Streicher ein, die der Stimme zur Seite treten, deren Dominanz allerdings nicht anfechten. Ein wenig schade ist das recht plötzliche Ende. Trotz seiner eigenen Stärke erscheint es durchaus als notwendiger Abstandshalter zwischen seinem Vorgänger und dem nun folgenden "Falling". Dieses ist ähnlich kraftvoll und dramatisch wie "Lies" und zugleich der düsterste Titel des Albums. Gitarren und Drums sorgen für eine hohe Spannung, die durch eingeflochtene Streicher und elektronische Klänge geschickt konterkariert wird. Sehr schön ist auch der Kontrast zwischen lautem Refrain und den ruhigen Strophen.

Nach dieser erneuten Opulenz erscheinen Atemholen und Besinnung nötig. "Moving away" ist nicht mehr düster, sondern dunkel und baut Spannung und Dramatik des Vorgängers gekonnt zu Traurigkeit und Bedauern ab – einem Loslassen ähnlich, was einerseits dem Text entspricht, andererseits durch die leichten, lateinamerikanisch wirkenden Gitarrenklänge im Zwischenspiel sehr gut unterstützt wird. Interessant ist der enorme Kontrast zum Nachfolger. "One million faces" bleibt dunkel, weist aber ganz leicht und subtil in hoffnungsvollere Gefilde. Deutlich elektronischer als seine Vorgänger, ist es melodisch derart schön, sodass ich hier die kurze Spieldauer des Titels wirklich bedauern muss.

"Watching me from Afar" steht melodisch heraus. Nach 9, oft traurigen, mal dramatischen Titeln wird nun eine eindeutig positive Stimmung verbreitet, wenngleich der Rahmen noch immer dunkel erscheint. Stimme, Klavier, leichte Drums und dezente elektronische Klänge wirken wie ein zartes Geflecht in einer riesigen, dunklen Leere und verleihen "Watching me from Afar" eine enorme Zerbrechlichkeit, wie sie ein Mensch nach einer Zeit langen Leidens aufweisen dürfte. Ein wunderschöner Abschluss.

Angesichts bisheriger Interviews von Frau Olzon zum Album selbst als auch diverser Kommentare von ihr und ihrer ehemaligen Kollegen bei Nightwish locken Texte und Stimmung zu Interpretationen heraus. Offenbar ist "Shine" die Aufarbeitung bzw. Reflexion eines sehr schwierigen Lebensabschnitts der Künstlerin, die hier ihren Weg durch Enttäuschung ("Like a show inside my head", "Lies"), Melancholie/Traurigkeit ("Falling"), Besinnung und Loslassen ("Shine", "Moving away") sowie schlussendliche Überwindung ("One Million faces", "Watching me from A Far") beschreibt. Die visuelle Gestaltung des Booklets würde hierzu passen: Die Fotos zeigen eine zwar lächelnde, aber mitgenommen wirkende Künstlerin vor einer winterlichen Landschaft, die jedoch in das Licht einer tief stehenden Sonne getaucht ist. Der Titel könnte (wie der Text des Titelsongs) sowohl Bitte als auch Aufforderung an sich selbst sein.

Wie dem auch sei: In seiner Gesamtheit ist "Shine" ein melodisch überaus schönes, hervorragend gesungenes, ausgefeilt instrumentiertes und sehr stimmungsvolles Album. Frau Olzon ist ein beeindruckendes, wenn auch ein wenig "kleines" Erstlingswerk gelungen, dessen einzige Reserve seine vergleichsweise kurze Spieldauer ist. Ich wünsche ihr einen angemessen großen kommerziellen Erfolg, zumindest aber hinreichende Verkaufsergebnisse, um die Aufnahme eines (oder mehrerer) Nachfolger zu ermöglichen.

Freunden nordisch-melancholischer Pop/Rockmusik sei das kleine, aber äußerst feine "Shine" dringend empfohlen, aber auch ungebundene Hörer sollten ihm eine Chance geben. Es lohnt sich.
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