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Kundenrezension

75 von 86 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Karl der Große. Sein Leben und seine Zeit, 30. September 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Karl der Große: Gewalt und Glaube (Gebundene Ausgabe)
In wenigen Monaten, im Januar 2014, jährt sich der Todestag Karls des Großen zum tausendzweihundertsten Mal. Passend zu diesem Jubiläum hat der Mediävist Johannes Fried eine umfangreiche Biographie des Frankenkönigs und Kaisers vorgelegt. Als Biographie kann das Buch natürlich nur mit Einschränkung bezeichnet werden, was Fried in der Einleitung selbst klarstellt. Der zeitliche Abstand zwischen unserer heutigen Zeit und der Karolingerzeit ist viel zu groß, die Quellenlage ist viel zu dürftig, als dass sich über Karl den Großen eine Biographie im modernen Sinne schreiben ließe. Jeder Annäherung an Karl, den Erneuerer des westlichen Kaisertums, sind von vornherein enge Grenzen gesetzt. Karls Handeln als König und Kaiser, als Kriegsherr und Gesetzgeber, als Beschützer der Kirche und Förderer der Wissenschaften lässt sich einigermaßen gut rekonstruieren, aber Persönlichkeit und Individualität des Frankenherrschers gewinnen selbst bei Ausschöpfung aller verfügbaren Quellen nur vage Konturen. Dennoch gelingt es Fried, ein farbiges und aussagekräftiges Bild von Karls Leben und Herrschaft zu entwerfen. Fried begegnet seinem Protagonisten mit sichtlicher Sympathie. Er sieht in Karl eine singuläre Erscheinung unter den Herrschern des Frühmittelalters, einen unzweifelhaft großen König und Kaiser, auch wenn es letztlich rätselhaft bleibt, welche Talente und Fähigkeiten diese historische Größe ermöglichten.

Fried betont eingangs, wie fremd die Welt des 8. und 9. Jahrhunderts für heutige Betrachter ist. Er hat sich daher entschieden, Leben und Herrschaft Karls des Großen umfassend zu kontextualisieren. Die - aus heutiger Sicht "primitiv" und "barbarisch" anmutenden - politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Umstände, unter denen Karl aufwuchs und herrschte, werden eingehend beschrieben. Mitunter tut Fried dabei zu viel des Guten. Was zunächst paradox erscheinen mag, Karls jahrzehntelange Kriegsführung einerseits, seine Religiosität, seine Fürsorge für die Kirche und sein lebhaftes Interesse an den Wissenschaften andererseits, ist kein Widerspruch, wie Fried darlegt. Jeder Frankenkönig musste sich als erfolgreicher Heerführer bewähren, um seinem Königtum Dauer zu verleihen. Permanente Kriegführung, sei sie offensiv, sei sie defensiv, schweißte den König und die Adligen des Reiches zusammen. Kriegsbeute gehörte zu den wesentlichen Einnahmequellen, auf denen die Herrschaft des Königs und des Adels beruhte. Karl war aber nicht nur von roher Eroberungslust getrieben. Am Beispiel der Eroberung Sachsens zeigt sich, dass die Ausdehnung des Reiches stets auch dem Ziel diente, das Christentum zu verbreiten. Verbreitung und Pflege der christlichen Religion lassen sich als eines der wichtigsten Leitmotive von Karls langer Herrschaft ausmachen. Der König und Kaiser war ein streitbarer, leidenschaftlicher Christ, der sich der Aufgabe verschrieben hatte, Heiden zu bekehren, die reformbedürftigen innerkirchlichen Verhältnisse zu ordnen und das einfache Volk zu einem gottgefälligen Lebenswandel anzuleiten. Die Förderung, die Karl dem Bildungswesen und den Wissenschaften angedeihen ließ, war kein Selbstzweck, sondern diente dazu, das kirchliche und religiöse Leben auf eine solide intellektuelle Grundlage zu stellen. Die Begegnung mit dem antiken Erbe in Italien öffnete Karl die Augen dafür, wie "rückständig" die Franken waren, wieviel kultureller Nachholbedarf bestand.

Auch unter den Bedingungen des späten 8. und frühen 9. Jahrhunderts war so etwas wie planvolle Politik möglich. Eroberung neuer Gebiete, Sicherung der Grenzen, Ausbau der Lokalverwaltung, Gesetzgebung, Ordnung der kirchlichen Angelegenheiten, Heidenmission, Aufbau von Schulen und Bibliotheken - all das waren keine zusammenhanglosen Einzelmaßnahmen, sondern Bestandteile eines Gesamtwerkes, das noch heute Bewunderung hervorruft, auch wenn sich nicht mehr rekonstruieren lässt, wie Karl und seine Ratgeber ihre politischen Konzeptionen im Einzelnen entwickelten. Freilich entwirft Fried kein unrealistisches Bild von der Effizienz und vom Erfolg der Politik des Königs und Kaisers. Anspruch und Wirklichkeit, Absicht und Ergebnis gelangten nie zur Deckung, konnten nicht zur Deckung gelangen, weil die Infrastruktur des Riesenreiches unterentwickelt war und blieb. Als langfristig wirksame Leistung hebt Fried den von Karl eingeleiteten Aufschwung der Wissenschaften und die Bewahrung eines Teils des antiken Schrifttums hervor. Das Hochmittelalter erntete schließlich die Früchte, die Karl mit seiner "Karolingischen Renaissance" gesät hatte, mit der Wiederaneignung und erneuten Fruchtbarmachung antiken Wissens. Karls Reich selbst war hingegen nicht von Dauer; schon unter seinen Enkeln löste es sich auf. Es hätte eines zweiten Herrschers von Karls Format bedurft, um das Reich zusammenzuhalten. Unter den Nachkommen des Kaisers fand sich aber niemand mit diesem Format.

Fried präsentiert keine neuen Einsichten und Erkenntnisse. Er fasst souverän zusammen, was man heute über Karl den Großen wissen kann. In seinem Buch behandelt er alle Aspekte und Themen, die in einer Biographie Karls des Großen vorkommen müssen: Den Zwist mit dem jüngeren Bruder Karlmann; die Eroberung des Langobardenreiches; die Sachsenkriege; das enge Verhältnis zum Papsttum; Außenpolitik und Kontakte zur Welt jenseits des Frankenreiches; wirtschaftliche und institutionelle Grundlagen der Herrschaftsausübung; Gesetzgebung; Pflege von Bildung und Wissenschaften; die intensive Fürsorge für Kirche und Religion; den Ausbau Aachens zur Residenz. Karls Familienleben wird nur gestreift, da es fast völlig im Dunkeln liegt. Was die Annahme der Kaiserwürde angeht, so vertritt Fried den Standpunkt, dass Karl seit 797/798 auf den Kaisertitel hingearbeitet habe, um seine mittlerweile immense Machtfülle mit einen passenden Rang zu unterstreichen. Fried sieht in Karl die treibende Kraft bei der Erneuerung des westlichen Kaisertums, nicht in Papst Leo III., der den Frankenkönig zu Weihnachten 800 in Rom zum Kaiser krönte.

Fried ist ein Autor von profunder Gelehrsamkeit, und das merkt man dem Buch an, im Positiven wie im Negativen. In fast allen Kapiteln fällt eine ungezügelte Detailverliebtheit auf, die die Erzählung unnötig aufbläht und stellenweise langatmig wirken lässt. Das Buch ist zu lang und zu umfangreich. Ein mutiger Lektor hätte es um 100 bis 150 Seiten gekürzt. Eine Straffung hätte dem ganzen Text nur gut getan. Nicht jedem Leser wird es gefallen, am Ende auf dieses dürre Fazit zu stoßen: "Karls Leben verschließt sich uns" (S. 593). Sind wirklich 600 Seiten nötig, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen? Manchmal vergisst Fried, dass er (auch) für ein nichtakademisches Publikum schreibt. Laien werden mit Sätzen wie dem folgenden nicht viel anfangen können: "Beatus selbst focht gegen den Adoptianismus, zitierte aber ausgiebig (ohne ihn als solchen zu erkennen) den spätantiken donatistischen Häretiker Tyconius, dessen verlorener Kommentar weithin aus diesen Zitaten erschlossen werden kann" (S. 165). Hier hätte der Rotstift des Lektors eingreifen müssen. Mancherlei stilistische Missgriffe kommen hinzu, etwa die gehäufte, an einigen Stellen geradezu exzessive Verwendung von rhetorischen Fragen. Erklärungsbedürftig ist auch, warum das Buch üppig mit Abbildungen ausgestattet ist, Stammtafeln aber fehlen. Kaum ein Leser dürfte die Verwandtschaftsverhältnisse der Karolinger, der bayerischen Agilolfinger und der Langobardenkönige ohne Zuhilfenahme solcher Tafeln durchschauen.

Dessen ungeachtet ist zu wünschen, dass Frieds Buch über die ferne, fremde und faszinierende Welt Karls des Großen viele Leser findet.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.02.2014 09:01:33 GMT+01:00
G. Lindlar meint:
Eine ganz hervorragende würdigung dieses wichtigen buches - inkl der berechtigten kleinen einwände! wenn man diese überaus differenzierte rezension gelesen hat, weiß man, welchen gewinn man v der lektüre dieses buches haben kann! danke!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2014 12:06:30 GMT+01:00
I.C. meint:
@ G. Lindlar

Vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar. Falls Sie das Buch noch nicht gelesen haben, wünsche ich Ihnen eine interessante und aufschlussreiche Lektüre.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2014 12:18:55 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.02.2014 12:19:31 GMT+01:00
G. Lindlar meint:
Sehr herzlichen Dank für Ihr kleines Feedbck, sehr geehrter Herr Corrino! Bin durch Amazon-Reklamen ("Biografien") auf dieses mir schon bekannte Buch und Ihre so schätzenswerte Rezension gekommen und habe dann auch einmal weiter in Ihren diversen Stellungnahmen "geblättert"! Das ist ja eine wahre Fundgrube, fabelhaft! Und ich werde mich die nächsten Tage (Wochen?) entsprechend inspirieren (lassen)....... ! - Mit besten Grüßen und Wünschen aus Berlin - Gerd Lindlar.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2014 12:38:22 GMT+01:00
I.C. meint:
Hallo Herr Lindlar,

wenn meine Rezensionen ein bisschen Orientierung vermitteln, dann haben sie ihren Zweck erfüllt. Das freut mich immer. Meine Wertungen, die positiven wie die negativen, sind natürlich subjektiv, aber ich hoffe doch, dass sie gut begründet und nachvollziehbar sind.

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen wünscht Ihnen

IC
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