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5.0 von 5 Sternen Muss man als Wagnerianer haben, 23. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Wagner, Richard - Der Ring des Nibelungen (8 DVDs) (DVD)
Im Gegensatz zu meinem Vorredner habe ich außer dem vorliegenden noch keinen anderen "Ring" auf DVD gesehen, sondern lediglich Aufnahmen auf Platte oder CD gehört, kann also nicht sonderlich viele Vergleiche anstellen. Dennoch ist natürlich auch mir bekannt, dass Chéreaus Interpretation des Ring-Zyklus damals etwas ganz Neues und Revolutionäres gewesen war; im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war man noch sehr darauf bedacht, sich an Wagners Vorgaben im Libretto zu halten, überlud die Bühne mit Kulissen, während die Sänger mehr oder weniger einfach nur dastanden und ihre jeweilige Rolle zum besten gaben. Wieland Wagner, Enkel des Meisters, war nach dem zweiten Weltkrieg darauf bedacht, die Bühne zu entrümpeln, auf dass der Zuschauer sich selbst seine Gedanken machen würde - die Sänger bewegten sich jedoch weiterhin nicht allzu viel.
Der Franzose Patrice Chéreau dann brachte wieder die Kulissen auf die Bühne, brachte "das zurück, was früher war, nur völlig anders" (wie Wotan Donald McIntyre es formuliert), nur siedelte er, das Ganze zur Zeit der industriellen Revolution an - was bei Puristen natürlich ein Aufschreien verursachte. 1980 allerdings, bei der letzten Aufführung und nachdem sich viele offenbar noch einmal Gedanken gemacht hatte und das Ganze hier und da auch noch einmal überarbeitet worden war, gab es sagenhafte 85 Minuten Applaus!
Meiner Meinung nach jedenfalls ist diese Inszenierung genial und zeitlos. Fantastisch sind selbst solche kleinen, durchdachten Details wie Siegmund im ersten Akt der "Walküre" am Stamm der Esche, wie er bei den Worten "Ich fass' es nun" nicht das Schwert packt, sondern das Gedankliche erfasst; der Waldvogel im "Siegfried" in einem Käfig (da er keineswegs frei ist); Fafner, der bei seinem Tod wieder als Riese auftaucht usw. - um nur einige Beispiele zu nennen.
Das größte Plus des "Jahrhundert-Ringes" jedoch ist ganz eindeutig die Personenregie. Es wird sofort deutlich, dass mit Chéreau ein Mann mit Theatererfahrung geholt wurde, und das wäre sicherlich ganz im Sinne Wagners gewesen, der Musik, Dichtung und Theater als Einheit ansah.
Die schauspielerischen Darbietungen und Gestiken lassen diesen "Ring" erst richtig lebendig werden, mit Chéreau verlangte einer den Sängern auch mimische Fähigkeiten ab, was ich für sehr wichtig halte, denn sonst kann man sich das Ganze auch gleich nur auf CD anhören.
Dies bringt mich gleich zu den Darstellern und ihren Leistungen. Donald McIntyre ist ein sehr guter Wotan mit einer ausdrucksstarken Stimme, der einfach Präsenz auf der Bühne besitzt. Das Grüblerische, Zwiespältige und gleichzeitig Väterliche bringt er äußerst charismatisch und gelungen herüber. Gwyneth Jones ist eine gute Brünnhilde - keine Birgit Nilsson, aber das kann man kaum verlangen -, manchmal mit einem etwas wackligen Vibrato, aber sei's drum: Eine schwierigere weibliche Gesangspartie gibt es nicht. Außerdem macht sie auch optisch einigermaßen was her; schon von Vorteil, wenn da vom "herrlichsten Weib der Welt" die Rede ist und keine, ähem, Dampfwalze dasteht, wie manchmal durchaus der Fall.
Manfred Jung als Siegfried ist ebenfalls nicht schlecht, allerdings fehlt es seiner Stimme ein wenig an Wärme und Dynamik, gerade die hohen Töne sind sehr oft mit Anstrengung "herausgebellt"; ehrlich gesagt, ein Siegfried Jerusalem, der hier leider nur den Froh singen darf, hätte mir besser gefallen. Aber auch wenn Jung kein Windgassen oder Melchior ist -, er macht seine Sache ordentlich und glänzt zudem durch eine exzellente schauspielerische Leistung.
Absolut herausragend ist auch Heinz Zednik mit seiner schalkhaften Darbietung als Loge bzw. seiner humorigen Interpretation des Mime - besser geht es kaum noch. Zu überzeugen wissen auch Hanna Schwarz als Fricka, Franz Mazura mit seiner erhabenen Stimme als Gunther, sowie Peter Hofmann und Jeannine Altmeyer als Siegmund und Sieglinde (bzw. Gutrune), die das inzestuös verliebte Zwillingspaar sehr leidenschaftlich und glaubwürdig darstellen. Auch Nebenrollen wie Hunding (Matti Salminen, wohl einer der besten Bassisten überhaupt) oder Erda (Ortrun Wenkel) sind hervorragend besetzt.
Pierre Boulez' Dirigat weiß ebenfalls zu überzeugen, er lässt sich - wie bei vielen früheren Interpretationen - zum Glück nicht dazu hinreißen, Stellen wie Waltrautes Erzählung in der "Götterdämmerung" oder Wotans Lebensbeichte gegenüber Brünnhilde in der "Walküre" im Zeitlupentempo spielen zu lassen.
Interessant ist auch das "Making of", eine etwa einstündige Dokumentation auf der Bonus-DVD, bei der man einen Einblick in das ehrgeizige Filmprojekt bekommt, einige Hintergrundinformationen zur Chéreau-Inszenierung, sowie zu den Inszenierungen davor.
Der Ton des Ganzen geht in Ordnung, man hat die Wahl zwischen Stereo und 5.1, über Kopfhörer sind die Sänger oftmals SEHR deutlich im Vordergrund, aber in Bayreuth ist das Orchester ja bekanntermaßen "überdacht", damit dürfte es wohl auch zusammenhängen. Das Bild ist nicht gerade berauschend, aber da bin ich persönlich zumindest nicht ganz so pingelig.
In jedem Fall lohnt sich die Anschaffung dieses wohl größten Meisterwerks der Musikgeschichte in dieser Interpretation - klarer Fall von fünf Sternen.
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