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5.0 von 5 Sternen Neuer oder alter Wein? In alten oder in neuen Schläuchen? Verdammt guter Wein, das ist sicher!, 27. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Sola Scriptura (Audio CD)
Na, im Lateinunterricht auch immer schön aufgepasst? Nicht? Macht nix, denn Luther sei dank muss ja nicht mehr in Latein gesungen werden. Neal Morse textet auf seinem Konzeptwerk rund um den Kirchenreformer Martin Luther wie gehabt auf Englisch. Die ersten sechs der 95 berühmten Thesen gibt es im lateinischen Original in einem düster schön gestalteten Booklet als Zugabe, sodass man das schulische Wissen doch noch mal ein bisschen testen kann.

Musikalisch knüpft Neal Morse nahtlos an das fantastische "?" an und präsentiert ein 76 Minuten langes Progrock-Epos. Im Sound, Songwriting und Aufbau gibt es wenig Überraschungen. Glücklicherweise, denn warum sollte der Meister seines Fachs nicht für weitere Meisterwerke sorgen. Auch kaum überraschend, aber bemerkenswert: "Sola Scriptura" ist eines geworden, fällt qualitativ gegenüber ?" keinen Deut ab. Schon wieder hat Morse aus bekannten Einzelteilen ein neues Giganten-Puzzle zusammengesetzt. Und immer wieder schafft er es, die alten Puzzle-Stücke doch irgendwie auf magische Weise zu etwas Neuem zu verschmelzen.

Aus einem dramatischen Instrumental-Intro, gespickt mit allerlei rhythmischer Finessen aus der Schlagzeug-Trickkiste des Herrn Mike Portnoy und furiosen Gitarren- und Keyboard-Läufen kristallisiert sich rasch die erste von zahlreichen Ohrwurm-Melodien heraus: "In the Name of God". Und ewig weiter geht es im ausgewogenen Verhältnis zwischen Instrumentalpassagen - komplex und vertrackt, technisch zum Zungeschnalzen - und Gesangs-Parts, spannungsgeladen und effektverzerrt oder balladesk, in wunderbar klingenden mehrstimmigen Arrangements.

Der gut dosierte Balladenanteil ist außer dem frei stehenden "Heaven in my Heart" in den epischen Fluss des Albums eingebaut. So erlebt "All I Ask For" aus dem ersten von nur vier teils extrem langen Tracks gegen Ende eine Reprise in gesteigerter, atmosphärisch intensiver Form. Neal Morse weiß eben ganz genau, wie man ein musikalisches Finale schreibt. Auch das instrumentale Anfangsthema greift er ein paar Mal wieder auf und gibt seinem Konzeptwerk so den unerlässlichen roten Faden. Um sich an diesem durch die vier Tracks, aber zusammengenommen 19 Unterteilungen, hangeln zu können, braucht es schon ein paar Hördurchläufe. Und jeder einzelne vertieft aufs Neue den Genuss am schier unbeschreiblichen musikalischen Potpourri. Zu den Anleihen ganz frühen Genesis-Progrocks, Hammond-getriebenem Bluesrock, einem Gospeltouch mit Hintergrundsängerinnen und jazzigem Bar-Piano erinnert noch ein ausgedehnter Latin-Einschub ("Two Down, One to Go") ein wenig an "The Light". Gastsolist Paul Gilbert legt dabei ein paar "lovely fast flamenco bits" aufs Parkett. Ein weiterer Gilbert-Auftritt sorgt bei "Do You Know My Name?" trotz aller Morse'schen Routine für eine Überraschung: Heavy Metal! Die Frickelsoli erinnern vor allem an die Racer-X-Taten des früheren Mr.Big-Klampfers.

Morse hat auch dieses Mal den Aufwand nicht gescheut, klassische Instrumente auf seinem Album spielen zu lassen. Während die Bläser für ein bisschen Dramatik gut sind, sorgen die Streicher nicht nur für hintergründige Klangteppiche, sondern spielen zum Finale hin auch immer mehr Melodien mit - ein Touch von Kansas. Insgesamt wird wieder einmal deutlich, dass Morse für den genauen Gegensatz zu seinen mit straighteren und ausgefalleneren Kompositionen tendieren Ex-Kollegen Spock's Beard sorgt. So wird die Musikwelt quasi gleich doppelt bereichert. Qualitativ liegt Morse aber vorn. Wenn man "Sola Scriptura" mit etwas vergleichen will, dann am ehesten mit "Snow", wegen der großartigen Mischung aus wilden Instrumentalpassagen und (Balladen-)Melodien aus einer anderen Welt. "All I Ask For" und "Long Night's Journey" sorgen für die schönste Gänsehaut Morse'schen Songwritings seit "Open Wide the Flood Gates" und "Long Time Suffering".

Man kann ewig hin und her diskutieren, ob Neal Morse mit "Sola Scriptura" nun alten oder neuen Wein in neuen oder alten Schläuchen fließen lässt. Das Rad ist ja bekanntlich auch nur einmal erfunden worden - alle paar Jahrhunderte wurde lediglich aus Stein mal Holz mal Eisen mal Gummi. Zu den Weinen des Jahrgangs 2007 lässt sich definitiv sagen, dass der Morse-Keller reichlich gefüllt wurde mit allerhand, was ein sehr überdurchschnittliches Sonnenjahr zu bieten hat: trocken und lieblich, fruchtig und herb, rot, rosé und weiß, und auch der exklusive Eiswein mit hohem Öchslegrad. Alles handverlesen - nix für den Supermarkt, direkt vom Weingut ins Feinkost-Restaurant.
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