Kundenrezension

29 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kühler kann auch korrekter sein, 19. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (Gebundene Ausgabe)
Das Buch "Atlas der abgelegenen Inseln" bescherte Judith Schalansky das schöne Gefühl, zuoberst auf dem Treppchen zu stehen. Denn die Entdeckungsreise zu fünfzig schwer erreichbaren Orten gestaltete die studierte Kunstgeschichtlerin und Kommunikationsdesignerin so schön, dass sie 2009 den Preis für das schönste Buch des Jahres entgegennehmen durfte, den die Stiftung Buchkunst vergibt. Und da ich mich ebenfalls auf dem Gebiet der Ästhetik tummle, blieb mir der Name der 1980 geborenen Gestalterin so gut im Gedächtnis, dass mich ihre schriftstellerische Arbeit nun ebenfalls interessiert. Zumal mich das ungewöhnliche Cover ebenso anzog wie der Untertitel "Bildungsroman". Und die Neugier hat sich gelohnt, legt doch die in Berlin lebende Autorin einen Roman vor, der mich in jeder Beziehung überzeugte.

"Setzen", sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich." Judith Schalansky weiß um die Bedeutung des Beginns. Und sie glaubt offenbar auch an das offene Kunstwerk. Denn die 55jährige Biologie-Lehrerin, an deren Leben uns die junge Schriftstellerin drei Tage lang teilhaben lässt, ist nicht nur die gescheiterte Figur, als die sie vielleicht viele Leser sehen. Diese Pädagogin einer scheinbar untergegangenen Welt steht eben auch für Naturgesetze, die wir mit Rationalisierungen und Verpflichtungen zur politischen Korrektheit am liebsten aufheben würden. Jedenfalls macht es Judith Schalansky ihren Lesern nicht leicht, die Sympathiepunkte zu verteilen. Und allein das finde ich im Zeitalter der Bekenntnisliteratur überaus wohltuend.

Es ist nicht die Schuld der frontal unterrichtenden Lehrerin, dass sich die Jungen aus Vorpommern zurückziehen, die Wissenschaftler ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, Sinnlücken die Sehnsucht nach einer überschaubaren Ordnung nähren, Mobbing zum modernen Zeitvertreib gehört und eine überalterte Gesellschaft ratlos nach Sündenböcken sucht. Und Inge Lohmark kann auch nichts dafür, dass sich so viele Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR überaus geschmeidig an die neuen politischen Verhältnisse anpassten.

Es ist das Faszinierende an guter Literatur, dass sie den Lesern das Reale in der Fiktion erleben lässt. Daher konnte ich mich auch nicht dagegen wehren, selber in der Schulbank zu setzen, bei Prüfungen mitzuleiden, Klassenkameraden zu piesaken und mir meine eigene Stellung in der Gruppe auch durch kleine Fiesitäten zu erobern. Und es ist auch alles andere als einfach, sich dem Sog der evolutionären Ziele zu entziehen, wenn diese von Frau Lohmark so klar und bestimmt vorgetragen werden. Fortpflanzen, anpassen, überleben. In einer Sprache, die mit den 20 schwarz-weiß Illustrationen der Autorin korrespondiert, analysiert Judith Schalansky eine Gesellschaft, die sich immer weiter von der Natur entfernt und trotzdem ihren Gesetzen untersteht. Was bei Bertolt Brecht "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" hieß, wird in diesem Bildungsroman zu "Zuerst kommt die Natur, dann kommt ihre Verleugnung".

Mit einer erstaunlichen, manchmal geradezu beängstigenden Abgeklärtheit präsentiert Judith Schalansky ein Frauenleben, das so außergewöhnlich gar nicht ist und daher Stellvertretercharakter hat. Und wer sich von Inge Lohmark so abgrenzt, dass er deren Leben als gescheitert betrachtet, sollte vielleicht nochmals die letzten Sätze lesen. Die lauten nämlich: "Ein Licht wie in einem Film, aufgeblendet, alles wie angestrahlt. Die Wolken, fest umrissen, Unerträglich, aber schön. Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute."

Wenn Inge Lohmark ihre Tochter Claudia nicht in den Arm nehmen kann, wenn diese wimmernd nach Tröstung fleht, ist die Mutter nicht nur Täterin, sondern auch Opfer eines überholten Bildungs- und Erziehungssystems. Daher heisst es lakonisch: "Es ging nicht. Vor der ganzen Klasse. Nicht möglich. Sie waren in der Schule. Es war Unterricht." Und die Beantwortung der Frage, wer sich schließlich am besten den Verhältnissen anpassen konnte, überlässt die Autorin kühl und sachlich ihren Lesern. Ihre Tochter hatte sich in die USA abgesetzt, ihr Mann, der ehemalige Veterinärtechniker und Großviehbesamer, züchtet nun Strauße, ihre scheinbar so lieben Berufskollegen arrangieren sich gekonnt mit den Reformpädagogen und die Jungen hauen aus Vorpommern ab. Fortpflanzen, anpassen, überleben.

Mein Fazit: Ein Roman, dessen bedrückende Passagen deshalb zu ertragen sind, weil es der Autorin gelingt, ihre nüchternen Beobachtungen auch mit einem feinen Witz vorzutragen. Und weil zwischen den Zeilen immer wieder die Botschaft durchdringt, zu einem befriedigenden Leben gehöre auch ein geglücktes Arrangement mit den Naturgesetzen. Was trotzdem an Unangenehmen bleibt, sollten wir lieber nicht beiseiteschieben oder verdrängen, da es uns ohnehin wieder einholt. Das gilt sinnigerweise auch für Personen, die mit geschwellter Brust vorgeben, sie würden alles und jeden verstehen. Schön, dass dieser Roman mit den wunderbaren Illustrationen der Autorin auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht.
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