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Rezension bezieht sich auf: Das Glück der Unerreichbarkeit: Wege aus der Kommunikationsfalle (Gebundene Ausgabe)
VOLLTREFFER============ Die sich mehrenden Auflagen von Miriam Meckels Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit" und die vielen zustimmenden bis begeisternden Stellungnahmen zu diesem Buch zeigen an, daß dieses Buch offensichtlich das Alltagserleben von vielen Menschen trifft. Die zunehmende umfassende Erreichbarkeit von immer mehr Menschen weltweit erzeugt Verhaltensweisen, die jeden Winkel des alltäglichen Kommunizierens zu durchdringen scheinen. Ob Beruf oder Freizeit, ob öffentlich oder privat, Miriam Meckel schildert anschaulich an vielen Beispielen, zu welchen extensiven Formen von Kommunikationsaktivitäten dies --bei abnehmender Qualität-- führen kann. Sie schildert Auswirkungen dieses Verhaltens im Leben des einzelnen, und welche krankhaften Fehlformen möglich sind, durch die Menschen in ihren sozialen Beziehungen bedroht oder gar zerstört werden. Wer dieses Buch liest wird sich mühelos in all diesen Schilderungen mehr oder weniger wiedererkennen können. SYMPATHISCH =========== In ihre Schilderungen fließen immer wieder eigene Verhaltensweisen, eigene Erlebnisse und Experimente ein. Dies ist mutig, verleiht dem Text eine persönliche Note, gibt ihm etwas Authentisches, macht die Autorin für viele Leser offensichtlich sympathisch. VIELE WIEDERHOLUNGEN ===================== Fakt ist aber auch, daß die inhaltlichen Aussagen von Miriam Meckel sich durch viele Wiederholungen auszeichnen. Hätte sie nicht einen so guten Schreibstil, man würde das Buch nach den ersten 50 Seiten aus der Hand legen und würde nicht viel verpassen. ENDSTATION INDIVIDUUM ===================== So gelungen die Beschreibung des alltäglichen Kommunikationsverhaltens --gerade auch in seinen Zerrformen-- erscheint, so fragwürdig ist jedoch das Rezept, das Miriam Meckel als Lösung der Probleme präsentiert. Mit dem Verweis auf die Freiheit des Individuums, der Möglichkeit der Selbstbestimmung, ermuntert sie die Leser, sich dem überbordenden Informationsfluß durch individuelle Verweigerung zu entziehen; auf diese Weise soll man Räume der Stille, der Konzentration, der Besinnung auf das Wesentliche ermöglichen. Darin soll dann mehr gedacht werden, um die Komplexität hinreichend zu vereinfachen. Das Wesentliche, das Wichtige soll erkannt werden. Ist diese Antwort tragfähig? THEMA VERFEHLT? =============== Dass der einzelne Mensch angesichts einer Überfülle an Informationen und Kommunikationsaufforderungen faktisch keine andere Möglichkeit hat, sich dieser zu erwehren, als die Menge der zu verarbeitenden Informationen auf ein 'menschenmögliches Maß' zu reduzieren, ist in gewisser Weise trivial und jede Zeit muß da ihr eigenes Maß angesichts neuer Technologien finden. Den Blick auf die subjektive Erlebnisperspektive des einzelnen Individuums zu beschränken kann allerdings grob irreführend sein, dann nämlich, wenn diese Informationsüberflutung unabhängig vom Wollen des einzelnen ein unausweichliches Produkt der neuzeitlichen Informationsgesellschaft ist, und zwar so, daß die Selbstdefinition dieser Informationsgesellschaft genau über diese täglich produzierten Informationsinhalte realisiert wird. Die Herstellung komplexer Produkte wie z.B. Autos, Flugzeugen oder Kraftwerke setzt voraus, daß die komplexen Informationsströme funktionieren, ebenso verlangt das Funktionieren komplexer globaler Märkte nach den Experten, die die dazu notwendigen komplexen Informationsstrukturen beherrschen. In einer solchen Situation dem einzelnen Ingenieur zu empfehlen, sich einfach aus den Informationsströmen zu verabschieden, mag individuell subjektiv kurzfristig sicher eine Entlastung bringen, hochgerechnet bricht damit aber eine komplexe Ingenieurleistung und damit ein ganzer Wirtschaftsbereich in sich zusammen (und dies ist nur ein winziger Ausschnitt). Natürlich wird auch eine Miriam Meckel dies nicht wollen. Aber hier genau beginnt das Problem: wenn die Informationsüberlastung NICHT eine rein subjektiv-individuelle Angelegenheit ist, sondern aus einer globalen Informationsverdichtung moderner Gesellschaften resultiert, dann ist ein Aufruf zu mehr individueller Besinnlichkeit (ich vereinfache) nicht nur nicht hilfreich, sondern geradezu fatal. Man würde dann vorgaukeln, daß das Problem durch subjektive Verhaltensänderung alleine lösbar wäre; in Wirklichkeit handelt es sich aber möglicherweise um ein sehr ernstes strukturelles Problem moderner Informationsgesellschaften, das das Potential hat, komplette Gesellschaften vollständig zu ruinieren, nämlich dann, wenn die täglich produzierten Informationen von immer mehr Menschen nur noch als 'Rauschen' wahrgenommen werden können, weil weder einzelne noch Institutionen länger in der Lage sind, die darin enthaltenen Informationen angemessen zu verstehen. GANZ AM ANFANG? =============== Sollte die stark vereinfachende Sicht von Miriam Meckel tatsächlich keine ausreichende Analyse des kulturellen Problems von informationsflußbasierten Gesellschaften darstellen, dann allerdings hätten wir ein sehr gravierendes Problem, das uns deutlich macht, daß wir ziemlich am Anfang stehen, was eine mögliche Lösung betrifft. Die von Miriam Meckel beschriebenen Probleme wären dann bestenfalls das Vorwort zu einem Buch, das noch geschrieben werden müßte, und zwar nicht nur als Text, sondern als gelebter globaler Prozeß. Ich habe nicht den Eindruck, daß momentan irgendjemand auch nur ansatzweise weiß, wie eine solche strukturelle Lösung aussehen könnte. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen Kommentare
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag:
08.11.2009 16:41:52 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.11.2009 16:44:02 GMT+01:00
M. Gehrmann meint:
thema verfehlt - das riecht mir sehr stark nach Schule, Prüfung, Notenstress, Herr Doktor. Endstation Individuum - das klingt irgendwie dämlich, mit Verlaub. Wenn ich mich nicht irre, geht es in dem Buch um die verheerenden Auswirkungen, die die modernen elektronischen Medien wenn nicht pauschal zeitigen, so doch machtvoll jedem drohen, der sich in ihren Strudel begibt. Den Ratschlag, sich der elektronischen Allverfügbarkeit zu verweigern, kann ich nur unterstützen und ich sehe auch keine Gefahr im Sinne einer "Endstation Individuum", denn dass hieße ja in der Konsequenz, dass der, der sich der Elektrokommunikation verweigert, nicht verfügbar ist, automatisch aus dem Arbeitsprozess ausgemustert und irgendwie als "Individuum" (welch furchtbares Schimpfwort) endgelagert wird. Ganz so ist es denn aber Gott sei dank doch nicht, da der Elektro- Kommunikationsverweigerer ja ganz trefflich - wie eh und je nach Lust und Laune - seinen persönlichen sozialen und kommunikativen Bedürfnissen nachgehen kann, ganz ohne Strom und Bits, Bytes und Koltanhandys. Tatsächlich tun dass ja wohl auch die meisten Menschen, auch die Ingenieure, in deren Händen unserer aller Heil ruht, nicht wahr Herr Doktor? Nicht vorzustellen was passiert, wenn sich so ein von schwerster Verantwortung für das Fortschreiten der Menschheit gebeugter Ingenieur plötzlich eines besseren besinnt und sein eigenes Wohlergehen über das der abstrakt und anonym bleibenden Menschheit stellt...
Veröffentlicht am
08.04.2010 14:59:32 GMT+02:00
Dr. Christian Donninger meint:
Das beste Beispiel für Ihre These dass es kein individuelles Problem ist, liefert die Autorin selbst. Sie hat ein schweres Burn-Out erwischt.
Persönlich arbeite ich in einem internationalen Team dem u.A. auch Mitglieder aus Abu-Dhabi/VAE angehoeren. Da gibt es u.A. das simple Problem, dass die Wochenenden verschieden sind. Fr./Sa. und Sa./So. Wobei das bereits auf Abu-Dhabi Seite eine Angleichung an den westlichen Rythmus ist, da der Freitag der Islamische Sonntag ist. Wenn die Abu-Dhabis an ihrem Montag etwas Wichtiges wissen wollen, kann ich nicht einfach sagen, bei uns ist Sonntag. Und natuerlich umgekehrt. Ein Teil der Aktivitäten spielt sich in den USA ab. Da hat man das Problem der Zeitverschiebung. Ich kann nicht um 18Uhr einfach Feierabend machen. Die Abu-Dhabis sind wieder 2h vorne (stehen aber Allah sei Dank später auf, sodass der Tagesrythmus sehr ähnlich ist). Meine persönliche Problemlösung besteht darin, dass ich täglich 1h mit dem Hund eine Waldrunde machen. Da ist auch kein Handy dabei. Das ist bekannt und es weiss jeder, der Chrilly ist auf Bello-Runde. Gute Ideen habe ich auch praktisch nur auf dieser Runde.
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