Kundenrezension

133 von 137 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine falsch verstandene Liebeserklärung, 21. Februar 2012
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Rezension bezieht sich auf: Über das Unglück, ein Grieche zu sein (Gebundene Ausgabe)
Liebe Leser,

ich möchte meine Rezension über das Buch "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" mit einem Zitat aus der 3sat Kulturzeit beginnen:

"Ganz wohl ist Dimou nicht dabei, dass sein Buch gerade jetzt auf Deutsch erscheint. Eigentlich will er der lauten ausländischen Kritik nicht noch Munition liefern, denn Nikos Dimou will seine Kritik als Liebeserklärung verstanden wissen."

Recht hat er, denn genau das, was Nikos Demou befürchtet, tritt - wie man an der ersten Rezension sehen kann - ein.

"Ein Grieche" - so Dimou - "nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach über seine Verhältnisse. Er verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann".

Natürlich übertreibt hier auch Dimou; wie sollte er - als Grieche - auch nicht?

Ist dieser Hang des Griechen zur maßlosen Übertreibung eine heilbare Krankheit?

Nein, sie ist Teil der griechischen Mentalität, die ich in den 25 Jahren in denen ich Griechenland bereist habe, erleben konnte. Eine Mentalität ist nichts, was man sich aussuchen kann. Sie ist Teil der eigenen Kultur und eines erlernten Selbstverständnisses.

Was Dimou an dieser Stelle vergisst zu erwähnen ist, dass auch Herz und Seele des Griechen mindestens vier mal so groß sind wie die des durchschnittlichen Nordeuropäers.

Wenn also ein Grieche das Vierfache von dem verspricht was er halten kann so ist dieses Versprechen nicht von vorneherein als eine Worthülse angelegt. Ein Grieche glaubt tatsächlich, dass er diesen an sich selbst gestellten, völlig überhöhten Anspruch ohne Schwierigkeiten zu erfüllen in der Lage ist.

Im täglichen Leben wird ein Grieche ständig an diesen Ansprüchen scheitern.

In der Geschichte aber halten die Spartaner unter vollständiger Selbstaufgabe bei den Thermopylen der Übermacht des persischen Heeres stand, vermöbeln die scheinbar überlegenen italienischen Truppen im zweiten Weltkrieg, leisten der deutschen Wehrmacht auf Kreta erbitterten Widerstand und werden völlig überraschend Fußballeuropameister.

Das griechische Wesen ist nicht alltagstauglich. Griechen erfanden nicht die Buchhaltung sondern die Mathematik. Griechen bauen keine Uhren um die Zeit zu messen, sie erkannten und erklärten die Zeit. Griechen neigten sich nicht vor ihren Göttern, sie bekämpften die Götter und erhoben die menschliche Moral über sie.

Wer mit der griechischen Mentalität nicht geboren wurde, der kann sie erlernen. Spätestens nach vier Wochen unter dem griechischen Himmel (Griechenland hat definitiv einen eigenen Himmel) versteht man, warum griechische Motorradfahrer - bis sie dazu gezwungen wurden - keine Helme trugen. Nur in Griechenland kann man ein Gefühl der Unsterblichkeit erfahren.

Das Buch von Nikos Demou ist sicherlich eine gelungene Beschreibung des griechischen Wesens und griechischer gesellschaftlicher und politischer Zustände.

Wer Munition sucht um über Griechenland und die Griechen herzuziehen und nachzutreten wird in diesem Buch fündig werden.

Wer Griechenland und die Griechen eben wegen ihrer Eigenheiten zu lieben gelernt hat und wen es genau wegen des griechischen Wesens, dieser unvergleichlichen Mischung aus Melancholie, Übertreibung, Inkonsequenz und Fröhlichkeit immer wieder nach Griechenland gezogen hat wird schmunzeln; und er wird sich fragen, ob Griechenland nach der Krise als disziplinierte europäische Nation als Reiseziel noch taugt.

Denn mich hat es über viele Jahre nicht trotz, sondern wegen des griechischen Wesens immer wieder nach Griechenland gezogen.
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Von 4 Kunden verfolgt

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1-10 von 12 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.02.2012 21:40:42 GMT+01:00
Hier schreibt offenbar jemand, der die griechische Seele sehr genau erfasst hat - eine global einmalige Seele, belastet von einer über 5000jährigen Geschichte, die die ganze Menschheit befruchtet hat, die schon die höchsten menschenmöglichen Gipfel erklungen hat, die aber auch schon in die tiefstmöglichen Abgründen geschaut hat...zusammen, mit der einmaligen Süsse des Orthodoxen Glaubens...ergeben das Wissen, dass das Leben zu kurz ist, um normal zu sein...und dass am Ende eines Lebens, nur die Erinnerungen übrig bleiben, die in der Zeit verloren sein werden, wie Tränen im Regen...

Veröffentlicht am 23.02.2012 23:17:26 GMT+01:00
Resa Reader meint:
Was Dimou an dieser Stelle vergisst zu erwähnen ist, dass das Herz und Seele des Griechen mindestens vier mal so groß sind wie die des durchschnittlichen Nordeuropäers.

Dieser Satz hat mir am besten gefallen.

Sie schreiben mir aus der Seele. - Auch mich zieht es seit dreißig Jahren immer wieder nach Griechenland. Gerade weil die Griechen so sind wie sie sind. Ich sage nur Alexis Sobas .... :) - Resa

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.02.2012 08:38:48 GMT+01:00
MM meint:
Ja, ja, ja! So ist es. Ich habe griechische Freunde hier in Wien und dass das Herz der Griechen viel viel grösser als das der (durchschnittlichen) Nordeuropäer ist kann ich nur bestätigen! Ich finde dieses Buch ist im Grunde eine Liebeserklärung an die griechische Seele! :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.03.2012 22:37:58 GMT+01:00
Ich finde Sie haben das super geschrieben und es wirklich auf den Punkt gebracht. Teliose, wie der Grieche sagt!

Veröffentlicht am 16.03.2012 11:19:48 GMT+01:00
J. Fritze meint:
Spätestens nach dieser Rezension muss man die Griechen lieben ... ich werde sie auf jeden Fall im Sommer (erneut und gern) besuchen ....

Veröffentlicht am 31.03.2012 01:00:56 GMT+02:00
kudlmudl meint:
Seit 1965 liebe ich Griechenland, bis vor etwa 10 Jahren habe ich auf meinen vielen Urlaubsreisen auch die Griechen geliebt. Seit ich aber dauernd hier in einem kleinen Dorf lebe, ist diese Liebe ähnlich einer langjährigen Ehe zum eben notwendigen Zusammenleben geworden.
Dabei verstehe ich sehr gut, warum die Griechen so sind, kann es durchaus nachempfingen. Nur im täglichen Zusammenleben nenn ich den einen oder anderen schon (lautlos) Malaga.
Denn von dem großen Herz und den tiefen Gefühlen der Griechen spür ich hier bei uns im Dorf überhauptgarnix. Ganz im Gegenteil - sie sind engstirnig, wollen nur nehmen, sind aber nicht bereit zu geben, haben ein großes Maul und denken sie hätten die Klugheit mit dem Löffel gefressen, nur ihre Meinung gilt, alles andere ist Fukimuki, und selbst die eigene Ansicht/Wahrheit wird je nach Bedarf täglich geändert etc., etc.
Das soll nicht heissen, dass ich hier im Dorf unglücklich bin. Ganz im Gegenteil, alle mögen mich, ich hab mit niemandem Streit. Nur seh ich es eben realistisch, ähnlich wie Nikos Dimou.
Halt wie eine Ehe, in der man eben miteinander auskommen muss, sofern man sich nicht zur Trennung entschließt.

Veröffentlicht am 21.04.2012 15:09:38 GMT+02:00
toskana45 meint:
Eine großartige Rezension, die mir Respekt abringt!
Weil sie dem Herzen und damit der Zuneigung entspringt.

Wir können etwas kritisieren,
was unseren Wünschen und Erwartungen nicht entspricht,
auch weil es in unser Bild von der Welt nicht hinein passt.
Ungünstigenfalls können wir einem Raben vorwerfen, er sei schwarz.
Wir können aber auch "Schlimmes" verstehen,
weil wir es lieben gelernt haben!

Auch das:
Wenn die Griechen "Europäer" geworden sind,
dann haben sie auch gewiss unsere Zuneigung verspielt!

Stefan

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.04.2012 15:30:03 GMT+02:00
toskana45 meint:
Ob man die Griechen liebt oder nicht
hängt entscheidend davon ab,
ob man zu der Erkenntnis gelangt ist,
dass die Welt und ihre Bestandteile
nicht immer mit unserem Inneren übereinstimmen.

Die Deutschen, die Häuser rund um das Dorf "Pitsidia" auf Kreta
gebaut haben, schwärmen von einem Paradies mit hinnehmbaren Kleinmängeln
- auch das eine Einbildung und eine Projektion
der eigenen Sehnsüchte, die nie vollends in Erfüllung geht.
Bleiben wir bescheiden auf der Suche nach dem Paradies!

Veröffentlicht am 15.06.2012 16:11:28 GMT+02:00
@kudlmudl: Ich habe den Eindruck, dass Ihr Dorf voll von Deutschen - oder anders gesagt: voll von ganz normalen Menschen ist.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.06.2012 00:54:55 GMT+02:00
kudlmudl meint:
@Gelegenheitleser: Sie irren - "mein" Dorf (das Dorf in dem ich mich wohl fühle) ist voll von ganz normalen Griechen. Es gibt hier auch Deutsche, Engländer, Holländer und auch Österreicher (wie mich), und die werden immer mehr. Was im Endeffekt dazu führt, dass die Griechen immer mehr versuchen, sie selbst zu bleiben, auch in ihrer Sturheit. Das ist von aussen gesehen nicht unbedingt positiv, trotzdem aber irgendwie imponierend.
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