Kundenrezension

23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Als die Bonner Republik den Umgang mit dem Terrorismus erlernen mußte, 2. März 2013
Rezension bezieht sich auf: "Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?": München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus (Gebundene Ausgabe)
Als Fünftklässler sah ich in der Schule die Fernsehübertragung der Trauerfeier für die Opfer des Olympiaanschlags von München. Um eine Erinnerung an das zu haben, was zwei Jahre zuvor in Österreich, der Schweiz und in München an terroristischen Anschlägen passiert ist, war ich zu jung. Nach der Lektüre von Wolfgang Kraushaars Buch bin ich nun besser im Bilde. Ursprünglich hatte das Versprechen im Untertitel, "über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus" zu berichten, mein Interesse geweckt.

Kraushaars Buch beschäftigt sich besonders intensiv mit dem Zeitraum 1970 bis 72, blickt hierbei ausführlich auf die davorliegenden Jahre mit der Radikalisierung mancher (Studenten-) Bewegungen und beschreibt spätere Entwicklungen, deren Wurzeln im Hauptbetrachtungszeitraum zu liegen scheinen.

Während in München und Berlin Ende der sechziger Jahre manche Studenten und (Ex-) Kommunarden sich radikalisieren, weiteten palästinensische Gruppen nach dem Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg ihren "Widerstand" in Form terroristischer Aktivitäten nach Europa aus. Studenten in der westlichen Welt protestierten nicht nur gegen den Krieg in Vietnam sondern auch gegen die "Behandlung" des palästinensischen Volkes durch Israel und seine Unterstützer. Dies erklärt, wieso die sich aus ihrem Land vertriebenen Palästinenser und politisch engagierte westliche Gruppen zueinander finden.

1970 wurden nach dem vereitelten Entführungsversuch eines El-Al-Flugzeugs in München mindestens zwei mit einem Höhenmesser als Zündungsauslöser ausgestattete Paketbomben aufgegeben. Die arabischen Terroristen hatten gehofft, daß diese mit israelischen Verkehrsmaschinen transportiert würden. Weil beide Flüge kurzfristig annulliert bzw. auf andere Routen geleitet wurden, gelangten die Pakete auf deutsche, österreichische und Schweizer Flugzeuge. Während die Explosion an Bord der österreichischen Maschine so verlief, daß die Piloten das Flugzeug noch ohne Opfer notlanden konnten, führte die Explosion in einer Schweizer Maschine zu einem Absturz mit 47 Toten. Wenige Tage nach den Paketbombenattentaten gab es noch einen Brandanschlag mit mehreren Todesopfern auf ein jüdisches Gemeindezentrum in München.

Die Darstellung dieser Geschehnisse liest sich fast so spannend wie in Krimi. Die Lektüre wird im Anschluß, wenn der Fortgang der Ermittlungen sowie die Zusammenhänge zwischen den verdächtigten Personen und Organisationen analysiert werden, gelegentlich etwas unübersichtlicher und anstrengender zu lesen. Spannend wird es wieder, als die Geiselnahme des Olympiateams aus Israel durch arabische Terroristen und die mißlungene Geiselbefreiung in Fürstenfeldbruck geschildert werden.

Ich habe den Eindruck, daß Kraushaar sehr ausführlich recherchiert hat. Er beleuchtet, wie intensiv gefahndet wurde, ist gelegentlich verwundert darüber, daß manche im Rahmen der Ermittlungen erhaltene Hinweise überhört oder nicht weiter untersucht wurden und versucht, zu ergründen, ob sich einiges nicht hätte anders entwickeln können bis zu der Frage, ob der Olympiaanschlag bei anderen Rückschlüssen aus den Vorfällen 1970 nicht hätte verhindert werden können.

Wer Spaß an Verschwörungstheorien hat wird zwar nicht allzu umworben, aber Hinweise auf die erschwerte Akteneinsicht an vielen beteiligten Stellen lassen eine Menge Fragen unbeantwortet und Raum für Spekulation.

Wolfgang Kraushaar beleuchtet auch das Handeln der bayerischen und bundesdeutschen Politiker. Ich finde, daß man einen guten Einblick in die schweren Fragen und Entscheidungen, die diese fällen und treffen müssen, erhält. Insbesondere nach dem Olympiaanschlag wurden der deutschen Regierung schwere Vorwürfe aus Israel gemacht. Das Buch regt einen an, darüber nachzudenken, ob es von den terrorerfahrenen Israelis, die bezüglich der Freilassung palästinensischer Gefangener selbst eine harte Linie fuhren und damit den Handlungsspielraum der deutschen Regierung bei der Geiselnahme auf dem Olympiagelände einengten, fair war, die späteren, schweren Vorwürfe zu erheben. Die deutschen Ordnungskräfte und die Politik sammelten gerade ihre ersten Erfahrungen mit einem brutalen Terrorismus. Aber auch über die scheinbare Bereitwilligkeit der deutschen Politik, inhaftierte ausländische Terroristen im Austausch gegen Geiseln "elegant" loszuwerden, darf nachgedacht werden. Ich würde mich nicht wundern, wenn die unnachgiebige Haltung Helmut Schmidts im späteren Schleyer-Entführungsfall auch das Ergebnis seiner Überlegungen zu den Geschehnissen 1970 bis 72 war.

Ich halte Kraushaars Buch für ein wichtiges zeitgeschichtliches Werk und empfehle es jedem, der sich für diese Zeit interessiert, zu lesen. Er arbeitet auch heraus, daß der Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum 1970 weder auf arabische oder rechtsradikale Gruppierungen sondern höchstwahrscheinlich auf linksradikale Kreise zurückzuführen ist. Der umfangreiche Anhang des 700 Seiten umfassenden Haupttextes listet abrundend auf fast 20 Seiten eine Unmenge antizionistischer und antisemitischer Vorfälle in der radikalen Linken zwischen 1967 und 1970 auf.
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