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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zweifellos ein neues Standardwerk, 28. Juni 2013
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Rezension bezieht sich auf: Geschichte Russlands: Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution (Gebundene Ausgabe)
Das 1346 Seiten zuzüglich Anhang starke Buch Hildermeiers ist zweifellos ein Standardwerk, das für Jahrzehnte den Maßstab für eine zusammenfassende Darstellung der russischen Geschichte bilden wird.

Die Darstellung ist gegliedert nach großen historischen Perioden, nämlich 1. Kiewer Rus; 2. Mongolenzeit; 3. Moskauer Reich; 4. Epoche Peters d. Gr. und Katharinas d. Gr.; 5. Zeit bis 1855; 6. Zeit von 1855 bis 1917.

Die Binnengliederung dieser Großabschnitte ist nicht genau identisch, folgt aber immer in etwa demselben Grundmuster, nämlich: a) ein oder mehrere Abschnitte zur politischen Geschichte, eventuell noch einmal untergliedert in Innen- und Außenpolitik und/oder in zeitlich untergliederte Unterabschnitte, z.B. die Herrschaftszeiten einzelner Monarchen; b) ein bis zwei Abschnitte zu Wirtschaft und Gesellschaft; c) ein bis zwei Abschnitte zu materieller Kultur (einschließlich Lebensverhältnisse der einfachen Leute) und geistiger Kultur (einschließlich Religion und Künste); d) ein zusammenfassender Schlussabschnitt, in dem der Autor die behandelte Großepoche noch einmal "Revue passieren" lässt.

Ganz am Ende folgt sodann eine Art Resümee und Kurzzusammenfassung des Gesamtwerks.

Diese Gliederungsstruktur finde ich ausgesprochen gelungen. Ihre Klarheit bietet dem Leser jederzeit Halt und Übersicht; auch erlaubt sie (was bei einem so dicken Werk wichtig ist), Lesepausen an der richtigen Stelle zu setzen.

Der Schreibstil des Autors ist sehr angenehm, ganz überwiegend frei von sprachlichen Marotten und einem bei deutschen Wissenschaftsautoren oft anzutreffenden Ton verschwurbelter Gelehrsamkeit, selbstverständlich aber auch frei von Plattitüden. Das Buch ist daher fast ebenso erfreulich und spannend zu lesen wie entsprechende "opera magna" großer Historiker aus dem englischen Sprachraum.

Eine gewisse Grundbildung sowohl an Allgemeinbildung, als auch an historischer Bildung sind für die Lektüre des Buches gewiss hilfreich bis notwendig. Dennoch ist das Buch unbedingt auch für den Nicht-Fachhistoriker zu empfehlen, der sich einmal richtig umfassend über Russland informieren möchte und dabei noch Lesevergnügen zu schätzen weiß.

In der Sachdarstellung ist der Autor ausgesprochen kenntnisreich. Es wird deutlich, dass er zur Vorbereitung dieses Werks umfangreiche eigene Detailstudien bestrieben hat, auf der anderen Seite legt er auch hinreichend offen, dass er für verschiedene Unter-Epochen oder sachliche Unter-Thematiken sich auf die Auswertung der bisher vorliegenden Spezialwerke beschränken musste (was, wie ich finde, bei einem solchen Monumentalwerk nicht anders sein kann). An einer Stelle führt er sogar zu einem Sonderproblem aus, dass einige Autoren zu einem Befund kommen, andere zu einem anderen Befund, und dass er diesen Streit nicht endgültig entscheiden kann, da hierzu tiefgründige eigene Spezialforschungen erforderlich wären, die für die Zwecke dieses Buches zu weit gingen. Das finde ich eine erfreuliche Offenheit.

Die Darstellung konzentriert sich, was der Autor auch methodisch offenlegt und begründet, auf die "Sicht aus dem Zentrum" und auf den europäischen Reichsteil. Regionalgeschichte und die Geschichte der kolonisierten Völkerschaften z.B. im fernen Osten wird bestenfalls angetippt. Das muss man wissen, es ist aber gut begründbar und daher kein Mangel.

In den Wertungen und Interpretationen (einschließlich der politischen und moralischen Bewertungen) ist Hildermeier sehr sachlich, differenziert und insgesamt zurückhaltend. Er ist erkennbar nicht von dem Ehrgeiz getrieben, das bestehende Bild der russischen Geschichte umzustürzen und als jemand in die Wissenschaftsgeschichte einzugehen, der alles ganz neu gesehen hat. Gerade dadurch wirkt der Autor meist sehr überzeugend.

Auch wenn ich dem Buch guten Gewissens 5 Sterne gegeben habe, hätte man manches noch einen Tick besser machen können. Ich will mich nicht bei kleineren und kleinsten Fehlerchen und Unebenheiten im Detail aufhalten, sondern zwei, drei "Großaspekte" benennen:

1. Es überzeugt nicht, die Epoche Peters und Katharinas, die zeitlich sehr lang war und außerdem auch voller "revolutionärer" inhaltlicher Ereignisse, in einem einzigen Großabschnitt zu behandeln und dann (wie oben dargestellt) erst die gesamte politische Geschichte und danach, 200 Seiten später, die Kultur und Religion zu behandeln. So wird schon in den Seiten um 400 die große Kirchenreform Peters (Abschaffung des Patriarchats, Einrichtung des Heiligen Synod) angetippt und ab dann immer vorausgesetzt, dass der Leser weiß, worum es geht, aber dann wird erst ab Seite 673 erklärt, was da wirklich passiert ist (im wie üblich nach hinten gestellten Religion-und-Kultur-Teil).

2. Darüber hinaus bleibt gerade die Darstellung der doch sehr faszinierenden Person Peters des Großen etwas blaß und dünn. Iwan der Schreckliche und Katharina die Große werden umfassender und viel farbiger gezeichnet.

3. Die Darstellung der Künste ist nicht ausgewogen. In manchen Epochen ist sie breit und fast umfassend, in anderen wird sie nur angetippt. Manchmal wird viel zur Architektur geschrieben, manchmal fast gar nichts zur Architektur und dafür mehr zur Dichtung. Absolut unverständlich ist, dass der wohl "größte" russische Dichter Puschkin (dessen Werk ja auch eine politische Dimension hat) praktisch gar nicht behandelt wird.

4. Aus meiner Sicht der schwerste Mangel: Es gibt kein einziges Bild (!). Der Autor schreibt zwar oft sehr eindringlich über optische Eindrücke (z.B. den des Kreml-Gebäudes oder den der typischen russischen Kleidung, oder das Aufkommen erster Ölgemälde, die westliche Einflüsse in Stil und Perspektive erkennen lassen), aber der Leser kann nichts davon nachvollziehen. 20 oder 30 gut ausgewählte Farbbilder von wichtigen Gebäuden, Kunstwerken, Personen, Trachten, Alltagsgegenständen usw. hätten das Buch nochmal um eine Klasse besser gemacht. Auf derselben Linie liegt, dass es zwar (schwarz-weiße) Karten gibt, die auch sorgfältig gearbeitet sind. Aber etwas mehr Karten und etwas mehr Farbe in den Karten hätten sehr gut getan.

5. Der Untertitel behauptet "bis zur Oktoberrevolution". Tatsächlich geht das Buch aber nur bis zur Februarrevolution. Das Jahr 1917 bis zum Oktober wird nur in wenigen Sätzen angetippt. Das ist der Sache nach sicher gut zu begründen, aber der Untertitel führt den Käufer in die Irre.

Das tut dem ausgezeichneten Gesamteindruck aber alles keinen Abbruch.
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