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Kundenrezension

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sadismus und Nekrophilie sind Charaktereigenschaften und keine angeborenen Triebe, 17. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Anatomie der menschlichen Destruktivität (Taschenbuch)
In der 60er Jahres des vergangenen Jahrhunderts erregte Konrad Lorenz Buch „Das sogenannte Böse“ große Aufmerksamkeit beim Publikum. Zu einer Zeit, in der die Zerstörung der Welt durch die Atombombe wie ein Damoklesschwert über der Menschheit hing, erschien Lorenz Erklärung von der angeborenen Aggression wie ein unabänderliches Schicksal, welches früher oder später alle Menschen hinwegfegen musste. Beherzt griff Erich Fromm im Jahre 1973 in diese Diskussion ein und stellte seinen psychoanalytischen Ansatz gegen Lorenz Triebtheorie und Skinners Behaviorismus. Das Werk ‚Anatomie der menschlichen Destruktivität’ baut auf Fromms Werk ‚Die Seele des Menschen’ aus dem Jahr 1964 auf, welches bereits die Grundzüge über Nekrophilie enthält.

Siegmund Freud war der erste Sozialwissenschaftler, der einen destruktiven Todestrieb im Menschen vermutete. Lange hatte sich Freud einzig auf den Sexualtrieb gestützt. Gegen Ende seines Schaffens postulierte er einen zweiten, gleichberechtigten Trieb, den Todestrieb. Konrad Lorenz führte Freuds Gedanken fort.

Einen in vielerlei Hinsicht konträren Ansatz vertritt der sogenannte Behaviorismus. Dieser Ansatz geht davon aus, dass menschliches Verhalten angelernt wird und durch Belohnung bzw. Bestrafung manipulierbar ist. „Letzten Endes gründet sich der Neobehaviorismus auf die Quintessenz des bürgerlichen Axioms vom Primat des Egoismus und Eigennutzes gegenüber allen anderen menschlichen Leidenschaften.“ Erich Fromm bezeichnet Skinner als „naiven Rationalisten, der die menschlichen Leidenschaften unbeachtet lässt“.

Triebtheorie und Behaviorismus verbindet die Grundorientierung des Menschen „außerhalb seiner selbst“ und legen damit das Schicksal in fremde Hände. Der Mensch ist für sein Handeln nicht verantwortlich.

Erich Fromm widerspricht diesem Ansatz heftig. Doch wie lässt sich dann die scheinbar sinnlose Grausamkeit der menschlichen Rasse erklären? Warum ist „der Mensch als einzige Spezies eine Spezies von Massenmördern“? Woher kommt das Bestreben, sich gegen sich selbst zu kehren?

Fromm unterscheidet zwischen einer biologisch notwendigen, gutartigen Aggression zur Verteidigung „lebensnotwendiger Interessen“ und einer grausamen, bösartigen Destruktivität: „sie dient keinem Zweck, und ihre Befriedigung ist lustvoll“. „Meine These … lautet, dass Destruktivität und Grausamkeit keine instinktiven Triebe sondern Leidenschaften sind, die in der Gesamtexistenz des Menschen wurzeln.“ Diese Leidenschaften ergeben sich aus dem Charakter und bewirken, „sich in einer bestimmten Weise zu verhalten“. Er verweist auf die Forschungsergebnisse der Neurophysiologen, die bestimmte Hirnbereiche identifizierten, die für aggressives Verhalten verantwortlich zeichnen.

Tiere verhalten sich defensiv aggressiv, wenn sie in die enge getrieben werden, ihr Territorium verteidigen, ihr Lebensraum eingeengt ist oder wenn sie ihre Dominanz beweisen wollen. Nur Raubtiere unterscheiden sich hinsichtlich ihres aggressiven Verhaltens. Gehört der Mensch also zur Spezies der Raubtiere ohne Hemmung zu töten?

Fromm verneint die Frage und glaubt in der Anthropologie genügend Hinweise zu entdecken, die belegen, dass der Mensch mehr Sammler als Jäger war und Kriege vermied. „Der Krieg als Institution war ebenso wie das Königtum und die Bürokratie eine neue Erfindung, etwa aus der Zeit um 3000 v.Chr.“ Die Kriegslust nahm ebenso wie die Beherrschung des Menschen durch den Menschen mit der Zivilisation zu. Die Lust am Töten ist bei manchen, aber nicht bei allen Menschen zu beobachten und kein tierisches Erbe, kein Instinkt.

Zu den Fällen gutartiger Aggression zählt Erich Fromm die „Pseudoaggression“. Darunter versteht er „aggressive Akte, die Schaden anrichten können ohne dass eine Absicht dazu besteht“ (z.B. unbeabsichtigte Aggression, spielerische Aggression und Aggression als Selbstbehauptung). Eine andere Form der gutartigen Aggression ist die defensive Aggression. „Ziel der defensiven Aggression ist nicht Zerstörung, sondern die Erhaltung des Lebens.“ Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch in der Lage, zukünftige Bedrohungen einzukalkulieren, gleichzeitig ist er aber auch Manipulationen ausgesetzt (z.B. der Kriegspropaganda). Der zum Leben verdammte Mensch, die „groteske Laune des Universums“, ist mit einem Charakter ausgestattet, als Ersatz für fehlende Instinkte. Auf der Suche nach einem Orientierungsrahmen ist der Mensch verführbar.

Die bösartige Aggression unterscheidet den Menschen vom Tier. „Das Einzigartige beim Menschen ist, dass er von Impulsen zu morden und zu quälen, getrieben werden kann und dass er dabei Lustgefühle empfindet.“ Neurophysiologisch betrachtet ist der Mensch „unfertig, unvollendet und mit Widersprüchen belastet“. Aber er besitzt auch gute Bedingungen für geistiges Wachstum, und wenn sich seine Liebe voll entwickelt, wird die Destruktivität nicht Lebens bestimmend.

Eine besondere form der bösartigen Aggression ist die Liebe zu allem, was tot ist. Fromm spricht vom „Geist der Nekrophilie“. Zum nekrophilen Charakter zählen auch die Vergötterung der Technik, die Fixierung auf Vergangenes, das Beherrschen der Dinge über den Menschen, das Haben statt dem Sein. Die Sinnlosigkeit und Widersprüchlichkeit der Nekrophilie kommen im Ausruf des spanischen Generals Milan Astray zum Ausdruck: „Viva la muerta – es lebe der Tod“. Ausführlich belegt Fromm den nekrophilen Charakter am Beispiel des Diktators Hitler. In der Kindheit halb autistisch, als Jugendlicher extrem narzisstisch, mit einem Mangel an Kontakten zu Menschen und einem Defekt im Wirklichkeitssinn schwang er sich zum Demagogen und Scharlatan auf. Fromm will zeigen, dass es eine „naive Annahme (ist), dass ein bösartiger Mensch leicht zu erkennen ist“. „Man ist nicht in der Lage, ihn als solchen zu erkennen, bevor er sein Zerstörungswerk begonnen hat“. Ähnliches scheint für das Phänomen der Amokläufer zu gelten, die sich jahrelang scheinbar unauffällig verhalten und aus denen es dann plötzlich und unerwartet hervorbricht.

Zusammenfassend stellt Fromm fest, dass der prähistorische Mensch nur ein „Minimum an Destruktivität“ aufwies. Erst die Zivilisation führte zu Destruktivität und Grausamkeit. Die biologische, gutartige Aggression ist notwendig, um die Bedrohung der vitalen Interessen abzuwehren. Sadismus und Nekrophilie sind Charaktereigenschaften und keine angeborenen Triebe.

„Ich bin engagiert“, schreibt Fromm. Er bezeichnet sich seine Haltung als rational gläubig. „Die Basis für den rationalen Glauben an den Menschen ist das Vorhandensein einer realen Möglichkeit für seine Rettung; die Basis für die rationale Verzweiflung wäre die Erkenntnis, dass keine solche Rettung denkbar ist“.
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